New York Logbuch #3

Tief im Masterarbeitsstrudel, der wenig schmackhaft und vor allem recht schwer verdaulich ist, zirkele ich zwei, drei Tage zwischen Bett, Bibliothek und Bagelbob (echt) umher. Das Wetter in New York ist fantastisch und ich zwinge mich, hin und wieder die ganzen Filmkulissen zu bestaunen, die einem hier am Wegesrand entgegen grinsen oder zwinkern oder sich am Hintern kratzen, und den Anblick der heran sausenden silbernen U-Bahn ganz genau abzuspeichern. Glaubt mir ja sonst keiner. Doch an manchen Tagen ist eben irgendwie der Wurm drin und auf der Haut diese ewige fettig-ölige Schicht, ganz egal, wie oft man sein Gesicht wäscht, oder mit viel zu dünnen Papiertüchern drüber scheuert, und es wird auch nur kurzfristig besser, wenn man sich so viele Reese’s Peanut Butter Cups* in den Mund steckt, bis man kaum noch Luft bekommt (auch ohne eine Nussallergie zu haben).

Es gibt irgendwie nur ArbeitArbeitArbeit, man wühlt sich durch die studentischen Menschenmassen und stößt, mitten in der großen amerikanischen Uni, auf einen kafkaesk winzigen und kafkaesk grauen Seminarraum, vollgestellt mit Stühlen und Tischen und einem mit Büchern bepackten Daniel Kehlmann. Der erscheint hier plötzlich derart greifbar, dass man erstmal reflexartig zwei Schritte am Raum vorbei geht, um sich vom Schock zu erholen. Da sitzt eine Handvoll Studenten mit dem Autor der Vermessung der Welt in diesem Literatur- und Linguistik-Institut in Manhattan und lauscht dem unwienerischsten Wiener, es wird gelacht und diskutiert und der Speckfilm von der Haut ist verschwunden und die Schultern sind leicht(er).

Der September stellt sich nicht nur hinsichtlich der vorherrschenden Temperaturen als der ideale Monat heraus – es ist auch der Büchermonat. Nach einer Busfahrt quer durch Brooklyn stolpert man auf dem St. Joseph’s College in die Buchpremiere eines Norwegers, der Schwedisch schreibt und der auf die Nachfrage, welche Komponisten ihn derzeit beschäftigen würden, nur sagen kann, sein Musikgeschmack hätte sich seit seinem zwölften Lebensjahr nicht verändert und im Auto höre er sowieso meist, was die Kinder wollten: Rihanna, Sia. Hauptsache auf -a. Die Signierstunde, für die man gebeten wird, die Widmung vorsorglich auf einen Post-It vor zu kritzeln, damit der Autor sich beim Namen nicht verschreibe, kann man sich dabei dann getrost sparen und lieber noch in die Bar um die Ecke einkehren, wo auch nach 22 Uhr noch Leute mit Laptops sitzen und arbeiten und sich dabei gemeinsam allein betrinken. Für viele sicher der Horror, für mich perfekt. Da kann man dann mit machen und das Fazit für die Abschlussarbeit skizzieren.

Den nächsten Tag gilt es dann, dranzubleiben. Inzwischen habe ich sogar ein Café in der Nähe ausgemacht, welches im Haus – völlig crazy – Porzellanteller und Glasbecher benutzt und nur auf Papier und Plastik zurück greift, wenn jemand tatsächlich etwas auf die Hand möchte. Erleichtert und mich daher und wegen des sympathischen Wifi-Passwortes catsandcake schnell beheimatet fühlend, verbringe ich den ganzen Tag hier (und ja, ich bestelle mehr als einen Kaffee alle vier Stunden, bevor ihr hier los feuilletoniert (Feuilletonisten in den 20ern haben das übrigens, davon bin ich überzeugt, nicht anders gemacht (nur so))).

Gegen sechs Uhr am Abend eine Stunde schlafen, dann am WG-Zimmer-Schreibtisch halbwegs kauernd zubringen bis 3 Uhr morgens. Dann ist die Masterarbeit fertig. Weg damit. Eine Stunde um den Block rennen, sehr laut Musik hören, kalt duschen und in traumlosen Schlaf fallen.

Am nächsten Tag heißt es dann:

Das schönste ist dabei vielleicht die Busfahrt nach New Jersey, bei der man zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, wie sehr IN Amerika man ist. Im Outlet-Center gibt es jede Menge Jeans und Unterhosen, für die man sonst das achtfache bezahlt(e, täte man das tatsächlich), Socken mit Pokémon drauf, das übliche Fastfood und ziemlich schlaffen Salat, dafür aber so gut wie keine Fenster. Als man das Labyrinth glücklich gekauft (könnte aber auch der Zimtschneckenzuckerschock sein) verlässt, ist es auf einmal schon spät am Abend. Wie gut, dass der Apple Store an der 5th Avenue 24 Stunden geöffnet hat. Jep: kurz vor elf, die perfekte Zeit für ein iPhone! Auweia.

Der Pferdegruch, der einem auf dem Gehweg zwischen Wolkenkratzern und Central Park um die Nase weht, beruhigt mich zutiefst. Wann immer man den Kutschen, die dort auf willige Gäste warten, einen etwas zu langen Blick zuwirft, stampfen die Vorgespannten erwartungsvoll und genau ein Mal mit dem Huf, hat etwas von einem leicht autistischen Winken. Ist langweilig aber: Ich mochte Pferde immer. Also, vor allem lieber als Menschen. Für beide Parteien ist es trotzdem besser, wenn ich die U-Bahn nehme.

Am Sonntag stehe ich, nachdem mich der eisig klimatisierte Bus ausgespuckt hat, auf dem Borough Hall Platz, vor mir das unerwartete Ausmaß an Ständen, die zum Brooklyn Book Festival gehören. Hunderte Verlage und Magazine, Autoren und Schreibgruppen und natürlich alle Universitäten bieten Flyer und Kaffee und Gebäck und übrigens auch Bücher feil. Deutlich am meisten gekauft werden: Jutebeutel. Dennoch laufen Menschen ineinander, weil sie beiderseits die Nasen in ihren Neuerwerbungen begraben und sich bereits fest gelesen haben (in den Büchern, weniger in den Beuteln). Es gibt Eis umsonst und jede Menge Lesungen und Diskussionen, dieser eine aus Fight Club liest einen unglaublichen Ajax beim Theater of War, im Treppenhaus eines Uni-Gebäudes renne ich in Karl Ove Knausgard und kann mich für die Lesung bedanken und bei der Signierstunde von Jostein Gaarder nach einem wundervollen Panel, bei dem er genau so war, wie man sich eben Jostein Gaarder wünscht, zu sein, steht einfach niemand an. Sofies Welt scheint in den USA nicht so das Ding zu sein. Zeit, über meinen Vornamen zu schäkern.

Im Nachgang: Auf den Treppen zur Borough Hall sitzen und zuschauen, wie Bücher verpackt und Stände geschlossen werden, Ideen haben und zum Abendessen einfach einen ganzen Brokkoli, because why not?**

*Nicht unterstützt durch Produktplatzierung (schön wär’s).

** Und vor allem, weil ich mich wundere, nicht schon längst Skorbut zu haben…

 

New York Logbuch #1

Der Flug nach New York inkl. Umstieg in London verläuft geradezu beunruhigend problemlos. Amerika ist groß, plakativ und deshalb meistens leicht zu verstehen und sogar jemand wie ich verläuft sich wenig (ernte bewundernde Blicke übrigens dafür, dass ich in der Lage bin, eine Straßenkarte wieder richtig einzuklappen – und das trotz Metro-Wind und wo ich mit Origami und Basteln im Allgemeinen doch sonst nichts am Hut habe).

 

Als ich gegen 14 Uhr dann vor meinem Haus in Brooklyn stehe, zeigt sich das große ABER. Die Leute in Brooklyn ziehen immer um. Und wenn ich immer sage, meine ich das aus einer Berliner Perspektive, aus der Stadt heraus also, in der man auf keiner Party um ein Gespräch über Mietpreise, Gasausenwandheizungen, Wohnungsbaugenossen-schaften und DreiZimmerKücheBad herum kommt. Jeden Tag steht ein Umzugswagen vor einem anderen Haus in meiner Straße und Jungs und Mädchen in Jogginghosen und sehr kurzen Shorts tragen Möbel hinein oder heraus und werfen unbenutztes Ikea-Küchenzubehör in den Müll, was sich der Nachbar in zwei Tagen vermutlich neu kaufen wird.

 

Lange Rede undsoweiter: In New York wird noch drei Mal mehr umgezogen, als bei uns und gerade sind in meiner Wohnung zwei Leute ausgezogen, zwei neue ein, eine davon temporär als Vormieterin in meinem Zimmer, und alle sind bei der Arbeit irgendwo in Manhattan verstreut. Telefonisch kann ich selbst niemanden erreichen und finde mich schließlich, einfach Leute ansprechend, die aus der Haustür kommen, vier Stunden lang wartend auf dem Sofa des Hausmeisters wieder, der zwar sehr nett ist, allerdings vorwiegend Portugiesisch spricht und mich Baby nennt, was mich nicht so richtig beruhigt. In seiner Wohnung zwitschert fortwährend ein unsichtbarer Vogel.

 

Mir ist der Hinweis meines Vermieters, der Schlüssel sei dann unter dem Pflanzentopf im Fenster deponiert, von vornherein suspekt vorgekommen und: natürlich liegt er dort nicht, als ich mich wagemutig am Sims entlang gehangelt habe. Entschuldigungen der (französischen, for the record) Vormieterin bleiben aus, als sie am Abend nach Hause kommt. Sie räumt das Zimmer innerhalb von vier Minuten und klebt dann an ihrem Telefon, verrät mir nur wiederwillig das Wifi-Passwort, indem sie mir den Nachrichtenverlauf mit dem Vermieter ungefähr drei Sekunden unter die Nase hält. Von da an, mit einem Dach über dem Kopf und einer Dusche zur Verfügung, sieht aber trotzdem alles viel einfacher aus, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt 22 Stunden auf den Beinen bin.

 

Nach einem allgemeinen Schock über die Preise, die ich für Brause und Zahnbürste zahle, und dem obligatorischen Keuchen über die Temperaturunterschiede in der U-Bahn, ist das Leuchten der vielen tausend Käferaugen im Nachthimmel von der Brooklyn Bridge aus betrachtet dann schon irgendwie verrückt und schön und vor Freiheitsgefühl ganz abgelenkt stolperte ich alle drei Sekunden über einen Milennial, der dabei ist, zwölf bis achthundert perfekte Selfies zu schießen. An den Rändern der Brücke packen Straßenverkäufer gerade die geschälten, geschnittenen und dann in Plastiktüten verpackten Mangos ein, die sie tags nicht verkauft haben und im Anschluss wegwerfen. Übrigens: mit dem (ungewöhnlichen) Aufschneiden von Obst bekommt man die Amerikaner, da zahlt man für eine ausgehöhlte und mit dem zermanschten eigenen Fleisch gefüllte Ananas schonmal gern 15 Dollar – immerhin stecken zwei sehr dekorative Strohhalme drinnen!

 

Ansonsten gibt es auf Streetfoodmärkten, die wie alles hier ein bisschen wie Berlin, nur 10 Mal so groß, sind, Verrücktheiten wie (Wachtel-)Spiegeleier am Spieß zu kaufen, die meisten Besucher stehen allerdings an der (organic) Pommesbude an und schauen dann vom Ufer in Brooklyn auf das dunstige Manhattan. Erfrischend wenige lassen anschließend ihre Pommesgabeln liegen. Genauso, wie die Luft überraschend gut ist – außer in meiner WG, in der jedem Atemzug immer diese leichte Gras-Note unterliegt.

 

Und auch wenn einem die nicht enden wollenden Möglichkeiten, sich stilvoll oder nicht und vor allem mit allem aus aller Welt vollzustopfen und einzukleiden, relativ bald ziemlich gruselig vorkommen, macht New York bislang leider ziemlich viel Spaß. So viel Spaß, dass man sich ernsthaft fragt, wie die Leute, die hier leben, überhaupt etwas gebacken bekommen, was nicht rund ist, mit ’nem Loch in der Mitte und Salted Caramel Chocolate Frosting obendrauf.

 

PS: #Waldheidelbeere ist auch hier das Unwort 2017.

 

PPS:

à bientôt

Zuerst veröffentlicht in: Nocthene.

 

à bientôt

Als der Zug anfuhr, drückte Tilda ihre Nase an die kalte Fensterscheibe und schnitt eine letzte Grimasse. Draußen stand ihre Familie, allesamt in Anoraks und mit roten Gesichtern. Und während ihre Mutter tonlos zu schimpfen begann und ihr Vater amüsiert eine kleine weiße Wolke in die kalte Bahnhofsluft schnaufte, sah sie hinunter zu Vivi, die ihre Augen in den Höhlen kreisen ließ, die Zunge rausstreckte bis ans Kinn – Speichelfäden spannten sich zwischen ihren Eckzähnen auf – und beide Arme wirbeln ließ wie eine Wahnsinnige. Prustend wich Tilda zurück, wischte sich über Mund und Augen und als sie aufsah, war sie bereits im Tunnel und im schwarzen Fenster nur noch ihr eigenes Gesicht. Tilda klappte den Mund zu und lehnte den Kopf seitlich an ihren Sitz, betrachtete auf dem Glas, wie der unterirdische Teil des Potsdamer Platzes an ihrem bis auf sie leeren Zugabteil vorbei glitt. Es war praktisch noch mitten am Tag gewesen, als sie ihren schweren Koffer die enge Wendeltreppe hinab zur Haustür bugsiert hatte, doch der Himmel, der schließlich am Südkreuz hinter den grauen Betonklötzen vorlugte, war bereits rosa und orange, Neukölln auf romantisch. Besonders gut kannte Tilda sich in Berlin nicht aus, nur an den Wochenenden war sie manchmal mit einer Freundin, oder – seit Vivi ihre Pferdeposter von den Wänden gerissen hatte – mit ihrer kleinen Schwester Richtung Alexanderplatz gefahren. Zur Schule gegangen war sie in ..in, einem kleinen Ort in Brandenburg, 37 Autominuten von ihrem Heimatdorf ..ow entfernt, von dem aus sie acht Jahre lang Wanderungen in die Mark unternommen hatten und wenn das Wetter es nicht zugelassen hatte, Beschreibungen ebensolcher Wanderungen zu lesen bekamen. Tilda war die erste in ihrer Familie, die das Abitur geschafft hatte. Nicht, dass das ihre Absicht gewesen wäre – es hatte sich eher so ergeben. Sie hatte nie überdurchschnittlich viel gesagt, gelernt oder gelesen. In der Siebten hatte ihre Klassenlehrerin in der Gesamtschule voller Stolz an die Tafel geschrieben: Drei aus Zehn. Dass Tilda zu den Dreien gehörte, die am Ende bestanden hatten, kam ihr an manchen Tagen danach nur wie ein übler Zufall vor, ein Privileg, dass ihr unter magischen Umständen zu orakelt worden war. Aus irgendwelchen Gründen hatte sie nun jedenfalls eine Hochschulzugangsberechtigung. Und weil sie noch nicht wusste, wie mit diesem neu erworbenen Recht in ihrem Fall am klügsten umzugehen war, tat sie das, was der Beratungslehrer gesagt hatte: Fahr erstmal weg, Tilda. Komm raus. Schau dich um.

Draußen zogen Kleingärten vorbei, voller Holzhütten, bunter Fähnchen und weißer Plastikstühle. Der Sonnenuntergang brannte in ihren Augen und ihre Lider waren plötzlich schwer. Von der leeren Bank gegenüber fischte sie mit einem Griff ihrer Füße den Fahrplan. Endstation: Paris Gare du Nord. An Endstationen weckten sie alle übrigen Gäste auf, wie Tilda wusste. Beruhigt streifte sie die Schuhe ab, schob die Kopfhörer so weit in die Ohren, bis nur noch dumpfes Rauschen übrig war, kauerte sich ein wenig auf dem Sitz zusammen und warf sich den raschelnden türkisen Anorak über die Knie.

Das quietschende Bremsgeräusch, als der Zug in den Tunnel fuhr, weckte Tilda am Morgen. Die ganze Fahrt musste sie geschlafen haben. Erst jetzt bemerkte sie den stechenden Schmerz in ihrer Schulter und das taube Kribbeln ihrer eingeschlafenen Füße. Das Gähnen entglitt ihr ungewollt laut. Schnell hielt sie sich den Mund zu, als ihr Blick auf die erneut im Schwarz eines Tunnels versinkende Fensterscheibe fiel. Im flackernden Schein der kleinen Deckenlämpchen betrachtete sie die sich im Fenster spiegelnden Silhouetten der Fahrgäste. Ihr gegenüber saß, unter der letzten Ausgabe von Le Monde in sich zusammen gesunken, der ältere Herr. Eine Schachtel Zigaretten war aus der Tasche seines Hosenanzugs gerutscht, seine Füße hatte er bewachend auf einer kleinen Holzkiste abgestellt. Sie war etwa von der Größe eines Schuhkartons und fasste zwei oder drei Flaschen. Sie versuchte, ihn schnarchen zu hören, doch trotz der großen Nase, die sich unter dem Papier abzeichnete, war er ganz still. Neben ihm auf der Bank lag eingerollt der biestige kleine Terriermix, weißbraun gestruppt, dessen Besitzer niemand kannte und den keiner anzufassen, geschweige denn seines Platzes zu verweisen traute. Für einen so kleinen Hund atmete er schwer und weich wie ein Menschenkind. Mit Tilda auf einer Bank saßen der junge Pariser und, den Kopf in seinen Schoß abgelegt, dessen kleine Tochter. Beide hatten dichte braune Locken, gerade bis über die Ohren, aus dem blauen Hemdkragen des Mannes ragten auch ein paar gekräuselte Brusthaare, das Mädchen war über und über in einen wollweißen Strickmantel gehüllt, ab und zu streiften ihre mit rosa Söckchen bekleideten Füße Tildas Oberschenkel. Dann brach der Tunnel auf, dunkelgrün flimmerte der Potsdamer Platz vorbei und obwohl die Durchfahrt des Bahnhofes nur wenige Sekunden dauerte, schien hinter dem Fenster alles in Zeitlupe zu laufen. Tilda nahm ihre große, schwarz gerahmte Brille ab und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Druckstellen auf der Nase. Eine verschlafene französische Stimme kündigte die baldige Endstation an, Tilda fischte nach ihrem roten Walkmantel, der während der Nacht zu Boden gefallen war, polierte die Brillengläser kurz am Revers auf und begann, sich umständlich im sitzen anzuziehen. Aufstehen wollte sie dabei noch nicht, keiner der Passagiere zeigte eine Regung, der reinste Dornröschenschlaf. Sie lehnte vorsichtig ihre Wange an das eiskalte Zugfenster und konnte in ein paar Metern das graue Licht des Hauptbahnhofes näher kommen sehen. In diesem Moment knurrte ihr Magen so laut, dass sie glaubte, alle müssten davon aufwachen. Aber aus dem Augenwinkel konnte sie nur die flackernde Leuchtreklame von McDonalds sehen. Zischend hielt der Zug an. Gleichzeitig wachten alle ihre Mitpassagiere auf, rieben sich synchron die Augen und blickten ungläubig auf die Wand aus Beton, die sich vor dem Fenster aufbaute. Kurz zögerten alle, keiner konnte sich entschließen, aufzustehen. Dann ruckte der Terrier knurrig mit dem Kopf, sprang von der Bank, dass alle anderen zusammen zuckten, schüttelte sich und quetschte sich durch die Abteiltür auf den Gang, auf dem sich auch andere Fahrgäste drängelten. Vor dem Fenster tauchten nun Leute auf, die mit ihren Blicken von außen den Zug durchsuchten. Tilda spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte und sie es kaum schaffte, den schweren Koffer von der Hutablage zu heben. Mit beiden Händen hievte sie das Monstrum hinab auf den Boden des inzwischen bis auf sie leeren Abteils, sah kurz noch einmal aus dem Fenster –  und da stand eine junge Frau mit kurzem schwarzem Haar, in etwas gehüllt, das aussah wie eine Steppdecke aus den Anden, mit bunten Fingernägeln und riesigen Ohrringen. Erst erkannte Tilda sie nicht. Doch dann sprang sie auf und ab, ruderte wild mit den Armen, streckte die Zunge raus bis ans Kinn. Speichelfäden spannten sich zwischen ihren Eckzähnen auf. Ihre großen Augen kreisten in ihren Höhlen wie bei einer Wahnsinnigen. Tilda holte Luft, packte ihren Koffer fest, fuhr die Ellbogen aus und drängte sich zwischen den anderen Passagieren Richtung Ausgang.

Jannicks Hände

Zuerst veröffentlicht in: Das NaRr

Jannick war das schon häufiger passiert. Er stand oder saß oder lag irgendwo und starrte auf seine Hände. Er starrte auf seine Finger, die lang waren und dünn. Jedes Mal zählte er nach. Zehn. Nacheinander bewegte er die einzelnen Spitzen. Spreizte in einer langen Welle jeden Muskel, vom Handgelenk bis hoch an die Fingerkuppen und ließ sie wieder erschlaffen. Sah zu, wie die Furchen und Linien in den Innenflächen verschwanden und wieder kamen. Inzwischen waren sie tief. Er machte das oft.

Crazy shit, that’s me. Das dachte er jedes Mal. Auch jetzt. In seinem Kopf lag er neben sich und sah sich zu. Er dachte, dass das eng würde, in dem schmalen Bett, auf dem Metallgestell. Er schloss die Augen und versuchte, sich zu fühlen. Er hörte seinen Puls, spürte, wie er überall pochte, auch in den Schultern, den Oberschenkeln, hinter seiner Stirn. Seine Brust spannte sich an, wenn er einatmete und sein Bauch blähte sich auf. Wenn er von oben darauf hinunter sah, bekam er immer ein wenig Angst vor den nächsten Jahren und dass seine Brust vor dem Bauch so flach wirkte, machte es meistens noch schlimmer. Er hatte immer lange Haare haben wollen, aber jedes Mal schor er sie wieder ganz kurz ab. Er wollte nicht, dass die Spitzen auf seinen breiten Schultern ankamen. Bald würde das kein Problem mehr sein, fiel ihm ein. Seine feuchten Fingerspitzen zupften an dem grünen Umhang, unter dem er nackt war. Viel würde sich nicht ändern. Seine Eltern, seine Freunde. Sie alle hatten ihn so behandelt, wie er unter seiner Haut war. Schon immer. Irgendwie war es jedem klar gewesen. Er strahlte das aus. Seit seiner Kindheit. Sicher, leichter war es dadurch nicht geworden. Er erinnerte sich kaum noch an seine Schulzeit. Aber er wusste genau, warum das so war. Eigentlich hatte er, sobald er daran dachte, nur ein einziges Gesicht vor Augen. Pauls.

Paul war klein gewesen und dunkelhaarig. Kräftig, so lala in jedem Fach, stand für sein Leben gern im Tor. Er war beliebt gewesen. Sogar sehr. Obwohl er sich keine Mühe gab, mochten ihn Lehrer und Schüler und sogar der grummelige Hausmeister, der eigentlich nie irgendjemanden mochte. Er hatte immer die Teams gewählt. Immer das erste. Immer das Team, das gewann. Jannick war nie in seinem Team gewesen. Hager und unsportlich, hatte man immer in einem Bogen um ihn herum geschaut, bis außer ihm niemand mehr übrig gewesen war. Trotzdem hatte Paul ihm immer zugelächelt. Er hatte niemals traurig gewirkt oder bedauernd, schien hinter jeder seiner Entscheidungen felsenfest zu stehen. Jannick war immer das Gegenteil gewesen. Stets unsicher, zögerlich. Aber das lag daran, sicher, dass er sich in seinem Körper nie besonders wohl gefühlt hatte. Je älter, desto weniger. Je mehr Haare sich schmerzhaft von innen durch seine Haut stachen, ihn hin und her schoben. Je breiter seine Schultern, je riesiger sein Rücken wurde. Eine Schwester trat ein. Ihre Schultern waren schmal. Ein Schnurrbart saß auf ihrer breiten Oberlippe. Sie fragte, ob Jannick schon alles geregelt hätte. Urkundlich. Im Liegen war das Nicken nicht so einfach. Er schaffte es plötzlich kaum, den Kopf zu heben. Seine ehemalige Biologielehrerin hatte erzählt, Paul sei jetzt in Italien. Ein kleiner Verein, bloß Regionalliga. Aber er habe Familie und die Sonne tue ihm gut. Jannick fror eigentlich immer. Die stämmige Schwester schob ihn durch den Flur. Die Neonlampen flackerten in kurzen Intervallen an seinen Augen vorbei, wie die Fahrbahnmarkierungen auf der Autobahn, wenn man nicht am Steuer saß und die Stirn an die Scheibe drückte. Er dachte an die rumpeligen italienischen Straßen ganz ohne Markierung, über die Paul tagtäglich hin und her ruckeln mochte, in einem dieser Autos mit drei Rädern, zwischen denen sich schlingernd Mofas durch drängelten. Er schob den Kopf etwas weiter in den Nacken und die Plastikhaube knackte und knirschte laut in seinen Ohren. Der blaue, kratzige Bund rutschte seine hohe Stirn hinab, fast bis über seine Augen. Angestrengt zog er die Brauen hoch, um sie zu stoppen. Lange würde er so nicht durchhalten. Familie. Jannick stellte sich vor, dass Paul zwei Kinder hatte, Giulia und Lorenzo. Wie sie in dem winzigen Auto links und rechts von ihm klammerten, ihre kleinen Ärmchen um seine kräftigen geschlungen und dem Meer, dem Himmel, den dreisten Mofafahrern und den mageren Straßenhunden entgegen lachten. Wie sie in einem großen Garten hinterm Haus Fußball spielten, oder auf dem schmalen Fußweg an einer knorrigen, braunen Hauptstraße. Die OP-Türen schwangen knallend nach links und rechts auf. Jannick bekam das Gefühl, sich langsam aufzulösen. Diesmal hob er die Hände nicht, obwohl ein Abschied vielleicht angebracht gewesen wäre. Er ballte sie auf beiden Seiten zu Fäusten, presste sie fest auf den weichen Untergrund, schloss die Augen und hoffte, dass alles richtig war.

Was, wenn doch?

rang woa jung gödschon üjen chiang ne scherai,
jung bu tong de düe chi tan tsu dui ni diai
tsin ai de tsüen tsin tsüen ihde: woa ai ni.

Vor einigen Jahren habe ich angefangen, Beiträge für den Radiosender meiner Uni zu produzieren. Ich hatte den gleichen Grund, wie die meisten: Interviews mit meinen großen Idolen, mit denen ich hinterher natürlich fürchterlich eng befreundet sein würde.

Wie der Zufall es wollte, waren die guten Redaktionen aber sämtlich voll besetzt und ich landete in einer undankbaren Rubrik, die sich Unidschungel schimpfte und in der es ausschließlich um Hochschulthemen gehen sollte. Um trotzdem die Menschen interviewen zu können, die mich wirklich interessierten, erfand ich das Format Was ich früher mal werden wollte.

In einem intensiven Gespräch sollten mir einfach all die Musiker, Autoren und Künstler, die mir eben so imponierten, Antworten geben auf die Frage, wie sie geworden waren, was sie sind. Als schließlich ausgerechnet Bodo Wartke als einer der ersten zusagte, stolzierte ich siegessicher in den Redaktionsraum – ein unbenutztes Büro in unserem Institut, in dem zwei Tische aneinander gequetscht und voller technischem Equipment und alter und neuer Flyer, mehrere Kästen Mate in der linken und eine aus Eierkartons zusammengetackerte „Sprecherkabine“ in der rechten Ecke – und sammelte das Aufnahmegerät ein.

Zu diesem Zeitpunkt tobte zwischen den Redaktionen schon ein ausgewachsner Konkurrenzkampf, weswegen ich alleine nach Neukölln fuhr und mich auf dem Weg prompt verlief. Das glitschig neue Smartphone rutschte mir, die damals noch ganz ungewohnt hohlen Xylophontonleitern hinauf und herab blubbernd, beinahe aus den Händen. Ich hob ab, ohne es richtig begriffen zu haben und aus dem für mich nicht ortbaren Lautsprecher surrte eine bekannte Stimme:

„Sag mal. Bist du vielleicht in einem anderen Café als ich?“

War ich nicht. Ich stand im Nirgendwo Viertel Neuköllns, das bis heute die stärkste Note von Katzenurin vorweisen kann Ich folgte mit im Schneematsch schmatzenden Turnschuhsohlen Bodos höchstpersönlicher Wegbeschreibung, gab ihm einen Flammkuchen im Jazz-Keller an der Ecke aus (keine Zuspitzung von Nöten) und wir führten dieses sehr schöne Gespräch.

Beitragsbild (c) Sebastian Niehoff