New York Logbuch #5

Die letzte Septemberwoche in New York brach über mich herein wie ein Platzregen – und das bei so hohen Temperaturen und so wenig Niederschlag!

Während ich ein letztes Mal Seminare Besuche, zwischendurch in den großen Museen abtauche, Live Recordings von Podcasts besuche und immer wieder stundenlang Welcome to Nightvale-Episoden hörend durch die Stadt streife, realisiere ich, dass ich natürlich nicht ansatzweise „durch“ sein werde mit ihr. Aber wer möchte das schon gern?

Jedes Mal, wenn ich am Trump Tower vorbei laufe, demonstrieren da übrigens Leute, Mario Barth.

Wie ein echter New Yorker besuche ich den Comedy Cellar genau einen Abend zu spät (also nicht hier), aber wenigstens geht es Daniel Kehlmann genauso. Doch in die besten Erlebnisse stolpert man hier eben ungeplant, etwa in eine Eröffnungsveranstaltung des New York Film Festivals oder über den rosa (ja, nicht roten) Teppich einer Premiere des New York City Ballet.

Aufgrund der zeitlichen Entfernung, die mit jeder Sekunde, auch im Verfassen dieses Artikels, wächst, beschließe ich jetzt, meine letzten Eindrücke in Listen festzuhalten.

Was ich an New York vermissen werde:

  • Mandelmilch. Anywhere.
  • Die silbern blitzende U-Bahn.
  • Die mitgehörten Dialoge auf der Straße, die klingen wie aus einer Sitcom.
  • Darling genannt werden.
  • Gut Essen, an jeder Ecke.
  • Filmkulissen, auch an jeder Ecke.
  • All die Gegensätze, das Auf und Ab.
  • Warme, knusprige Bagel, dick mit Dill-Frischkäse bestrichen.
  • Die Stimmen von – wirklich – überall. Bis jetzt.
  • Die (wenn auch oberflächliche) Offenheit, Neugier und die sehnsüchtigen Blicke, wenn ich sage, dass ich aus Berlin komme.
  • Das Sich-Verlaufen in den Gängen des Strand Book Store.
  • Die Aussicht beim Fahren mit der Metro über die Manhattan Bridge.

 

Was ich an New York nicht vermissen werde:

  • Das missliche Verhältnis von der Temperatur auf dem Bahnsteig und in der Bahn.
  • Den Gestank.
  • Das Nichtvorhandensein normalen Geschirrs und Bestecks.
  • Das Leitungswasser.
  • Sehr reiche Leute, die sehr arme Leute sehr schlecht behandeln.
  • Plastikbeutel.
  • Oreos in allen Regenbogenfarben.
  • Avocadotoast.
  • Aus Marmor gemeißelte Indianerfiguren (come on, people).
  • Nach meinem Ausweis gefragt werden.
  • Ma’am genannt werden.
  • Klimaanlagen.
  • Klimaanlagen.
  • Klimaanlagen.

 

Hatschi allerseits.

New York Logbuch #4

Nach mehreren Monaten ohne Wochenenden musste er sich nach der endgültigen Abgabe (die physisch nur möglich war dank der lieben Sophie (und nein ich spreche nicht mir selbst, ich bin nur fast ausschließlich mit anderen Sophien befreundet)) der Abschlussarbeit einstellen: Der Kater.

Und so umwickelt mich mit langen dicken Fingern eine eigentümliche Schwere und Müdigkeit, als ich am Donnerstag Morgen in Alex Kapelmans Podcasting Class sitze und mich das Foto von der gedruckten Arbeit erreicht. Binnen Minuten bin ich ummantelt von einer bis 1,5 Schichten unsichtbarer, unangenehm warmer Watte und will eigentlich nur noch ins Bett.

Mein Biorhythmus wird immer seltsamer, ich wache spät auf, frühstücke zur Mittagszeit, wandle durch irgendwelche Teile der Stadt, durch Ausstellungen oder Einkaufspassagen oder ein Musikfestival, lege mich gegen 18 Uhr noch einmal hin und bin danach die halbe Nacht unterwegs. Irgendwie lässt das Freiheitsgefühl noch auf sich warten, bisher liegt mir vor allem die tödliche Donut-Mischung aus Fett und Zucker im Magen und ein Sodbrennen wird gerade zu meinem kleinen, aber sehr hartnäckigen Verehrer. Es ist zwar etwas zurückhaltender als die Typen, die mir hier auf die nackten Beine stieren oder mittelprächtig coole Anmachsprüche bringen, aber dennoch kann ich ihm ebenso wenig Liebe entgegen bringen.

Trotzdem: ich lasse mich nach Möglichkeit nicht beirren und schlendere über die Highline und durch den Meatpacking District (beim Anblick der Schaufenstermoden, die hier neben Metzgereien das Bild bestimmen, erschließt sich mir dann auch plötzlich der Zusammenhang, in dem Lady Gaga damals auf dieses Fleischkleid gekommen sein muss) und abends in ein Off-Kino, um diesen wirklich sehr guten Film zu sehen:

Es dauert zwar eine halbe Stunde, bis die richtige Rolle (naja) eingelegt wird und ich stelle fest, dass ich Oreo’s, egal in welcher Geschmacksrichtung, leider genau so grauenvoll finde, wie auf der anderen Seite vom großen Teich. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass meine Seele mit kühlendem Balsam eingecremt wird und ich mache mir unsympathischer Weise sogar Notizen während des Films. Danach stolpere ich im Greenwich Village, auf der Suche nach einem späten Kaffee (jaja, Decaf, keine Angst) ins Café Reggio, das wie dem gerade gesehenen Film entsprungen scheint und unfassbar verwunschen und schäbig und schön ist. Leider hält der Zauber nur an, bis sich ein sehr dicker, sehr stark riechender und immer mal wieder aus nicht ersichtlichem Grund zitternden Kicheranfällen erliegender Shorts-und-Sandalen-Träger wenige Meter neben mich setzt. Ich verschütte die hälfte meines Kaffees und tunke auch mein Notizbuch kräftig ein. Wie gut, dass es nicht der Laptop war, damit habe ich schon ausreichend Erfahrungen.

Nachts zu spontanen Partys nach Hause zu kommen, auch und besonders, wenn diese von der Nachbarsfamilie über mehrere Generationen direkt vor dem eigenen Fenster gefeiert wird, ist im Übrigen nicht angenehmer geworden. Puertoricanische schlechte House-Musik ist leider am Ende des Tages immer auch trotzdem noch schlechte House-Musik. Ich verschanze mich unsozial und rangle lieber mit der Katze.

In den letzten Tagen beobachte ich dann immer wieder um sechs Stunden verzögert die letzten Sendungen und Berichterstattungen im Vorlauf der Wahl. Ich weiß gar nicht ganz genau, warum ich hier noch so viel Zeit investiere, schließlich sind meine Kreuzchen schon Ende August in einem Briefumschlag auf die Reise gegangen. Aber aus der Ferne nach Deutschland zu schauen hat etwas gespenstisch-unfallhaftes und man kann nicht so richtig weggucken. Als ich heute von der spontanen Demo am Alexanderplatz lese, pitscht es mir ins Herz und ich bereue es ein bisschen, nicht vor Ort zu sein.

Was ich jetzt aus dem Wahlergebnis an Konsequenzen ziehe, so ganz für mich: Meine Pläne, die Freiberuflichkeit als Chance zu nutzen, auch wirklich an Stellen zu helfen, an denen ich helfen kann. Den Leuten, denen ich helfen möchte. Mehrere meiner Freunde sind im letzten Jahr im Zuge der politischen Entwicklung in eine Partei eingetreten. Ich habe andere Pläne. Und die schreibe ich auf Listen.

Genau, wie die übrigen großen Ziele für die letzte Woche New York, die morgen schon anbricht.

New York Logbuch #3

Tief im Masterarbeitsstrudel, der wenig schmackhaft und vor allem recht schwer verdaulich ist, zirkele ich zwei, drei Tage zwischen Bett, Bibliothek und Bagelbob (echt) umher. Das Wetter in New York ist fantastisch und ich zwinge mich, hin und wieder die ganzen Filmkulissen zu bestaunen, die einem hier am Wegesrand entgegen grinsen oder zwinkern oder sich am Hintern kratzen, und den Anblick der heran sausenden silbernen U-Bahn ganz genau abzuspeichern. Glaubt mir ja sonst keiner. Doch an manchen Tagen ist eben irgendwie der Wurm drin und auf der Haut diese ewige fettig-ölige Schicht, ganz egal, wie oft man sein Gesicht wäscht, oder mit viel zu dünnen Papiertüchern drüber scheuert, und es wird auch nur kurzfristig besser, wenn man sich so viele Reese’s Peanut Butter Cups* in den Mund steckt, bis man kaum noch Luft bekommt (auch ohne eine Nussallergie zu haben).

Es gibt irgendwie nur ArbeitArbeitArbeit, man wühlt sich durch die studentischen Menschenmassen und stößt, mitten in der großen amerikanischen Uni, auf einen kafkaesk winzigen und kafkaesk grauen Seminarraum, vollgestellt mit Stühlen und Tischen und einem mit Büchern bepackten Daniel Kehlmann. Der erscheint hier plötzlich derart greifbar, dass man erstmal reflexartig zwei Schritte am Raum vorbei geht, um sich vom Schock zu erholen. Da sitzt eine Handvoll Studenten mit dem Autor der Vermessung der Welt in diesem Literatur- und Linguistik-Institut in Manhattan und lauscht dem unwienerischsten Wiener, es wird gelacht und diskutiert und der Speckfilm von der Haut ist verschwunden und die Schultern sind leicht(er).

Der September stellt sich nicht nur hinsichtlich der vorherrschenden Temperaturen als der ideale Monat heraus – es ist auch der Büchermonat. Nach einer Busfahrt quer durch Brooklyn stolpert man auf dem St. Joseph’s College in die Buchpremiere eines Norwegers, der Schwedisch schreibt und der auf die Nachfrage, welche Komponisten ihn derzeit beschäftigen würden, nur sagen kann, sein Musikgeschmack hätte sich seit seinem zwölften Lebensjahr nicht verändert und im Auto höre er sowieso meist, was die Kinder wollten: Rihanna, Sia. Hauptsache auf -a. Die Signierstunde, für die man gebeten wird, die Widmung vorsorglich auf einen Post-It vor zu kritzeln, damit der Autor sich beim Namen nicht verschreibe, kann man sich dabei dann getrost sparen und lieber noch in die Bar um die Ecke einkehren, wo auch nach 22 Uhr noch Leute mit Laptops sitzen und arbeiten und sich dabei gemeinsam allein betrinken. Für viele sicher der Horror, für mich perfekt. Da kann man dann mit machen und das Fazit für die Abschlussarbeit skizzieren.

Den nächsten Tag gilt es dann, dranzubleiben. Inzwischen habe ich sogar ein Café in der Nähe ausgemacht, welches im Haus – völlig crazy – Porzellanteller und Glasbecher benutzt und nur auf Papier und Plastik zurück greift, wenn jemand tatsächlich etwas auf die Hand möchte. Erleichtert und mich daher und wegen des sympathischen Wifi-Passwortes catsandcake schnell beheimatet fühlend, verbringe ich den ganzen Tag hier (und ja, ich bestelle mehr als einen Kaffee alle vier Stunden, bevor ihr hier los feuilletoniert (Feuilletonisten in den 20ern haben das übrigens, davon bin ich überzeugt, nicht anders gemacht (nur so))).

Gegen sechs Uhr am Abend eine Stunde schlafen, dann am WG-Zimmer-Schreibtisch halbwegs kauernd zubringen bis 3 Uhr morgens. Dann ist die Masterarbeit fertig. Weg damit. Eine Stunde um den Block rennen, sehr laut Musik hören, kalt duschen und in traumlosen Schlaf fallen.

Am nächsten Tag heißt es dann:

Das schönste ist dabei vielleicht die Busfahrt nach New Jersey, bei der man zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, wie sehr IN Amerika man ist. Im Outlet-Center gibt es jede Menge Jeans und Unterhosen, für die man sonst das achtfache bezahlt(e, täte man das tatsächlich), Socken mit Pokémon drauf, das übliche Fastfood und ziemlich schlaffen Salat, dafür aber so gut wie keine Fenster. Als man das Labyrinth glücklich gekauft (könnte aber auch der Zimtschneckenzuckerschock sein) verlässt, ist es auf einmal schon spät am Abend. Wie gut, dass der Apple Store an der 5th Avenue 24 Stunden geöffnet hat. Jep: kurz vor elf, die perfekte Zeit für ein iPhone! Auweia.

Der Pferdegruch, der einem auf dem Gehweg zwischen Wolkenkratzern und Central Park um die Nase weht, beruhigt mich zutiefst. Wann immer man den Kutschen, die dort auf willige Gäste warten, einen etwas zu langen Blick zuwirft, stampfen die Vorgespannten erwartungsvoll und genau ein Mal mit dem Huf, hat etwas von einem leicht autistischen Winken. Ist langweilig aber: Ich mochte Pferde immer. Also, vor allem lieber als Menschen. Für beide Parteien ist es trotzdem besser, wenn ich die U-Bahn nehme.

Am Sonntag stehe ich, nachdem mich der eisig klimatisierte Bus ausgespuckt hat, auf dem Borough Hall Platz, vor mir das unerwartete Ausmaß an Ständen, die zum Brooklyn Book Festival gehören. Hunderte Verlage und Magazine, Autoren und Schreibgruppen und natürlich alle Universitäten bieten Flyer und Kaffee und Gebäck und übrigens auch Bücher feil. Deutlich am meisten gekauft werden: Jutebeutel. Dennoch laufen Menschen ineinander, weil sie beiderseits die Nasen in ihren Neuerwerbungen begraben und sich bereits fest gelesen haben (in den Büchern, weniger in den Beuteln). Es gibt Eis umsonst und jede Menge Lesungen und Diskussionen, dieser eine aus Fight Club liest einen unglaublichen Ajax beim Theater of War, im Treppenhaus eines Uni-Gebäudes renne ich in Karl Ove Knausgard und kann mich für die Lesung bedanken und bei der Signierstunde von Jostein Gaarder nach einem wundervollen Panel, bei dem er genau so war, wie man sich eben Jostein Gaarder wünscht, zu sein, steht einfach niemand an. Sofies Welt scheint in den USA nicht so das Ding zu sein. Zeit, über meinen Vornamen zu schäkern.

Im Nachgang: Auf den Treppen zur Borough Hall sitzen und zuschauen, wie Bücher verpackt und Stände geschlossen werden, Ideen haben und zum Abendessen einfach einen ganzen Brokkoli, because why not?**

*Nicht unterstützt durch Produktplatzierung (schön wär’s).

** Und vor allem, weil ich mich wundere, nicht schon längst Skorbut zu haben…

 

New York Logbuch #2

Diese Woche beginnt, nach dem Labour Day am Montag, an dem ich, jepp, gearbeitet habe anstatt zu baden oder derlei Scherze (allerdings in einem Hipster-Café inkl. Iced Coffee und Bagel, igitt), der Fall Term an den amerikanischen Universitäten.

Das akademische Leben in Amerika ähnelt der Politik hier: es ist bunt und laut und von Apple gesponsert. Dafür ist das Foto auf meinem Ausweis, obwohl direkt am Schalter geschossen, erstaunlich ästhetisch und alles, was mir an Unterlagen gereicht wird, kommt in satt-marmeladigem NYU-Violett daher. Die Möglichkeiten im Vorlesungsverzeichnis sind dann allerdings alles andere als eintönig. Es gibt alles und jeder kann alles machen, immer (jedenfalls, wenn er einen Wartelistenplatz erhält). Die Kurse finden in teilweise labyrinthisch verborgenen, von Klimaanlagen durchpusteten Räumen in ganz Manhattan statt und sind gleichzeitig entspannter, verschulter, intensiver und pragmatischer als deutsche Seminare.Wie viel Platz bei alledem noch für Freiräume ist, muss sich heraus stellen. Dass ich an Kursen teilnehme, ohne Credits zu erhalten, trägt mir wohlwollende Augenbrauenlaolas ein.

Als Textbook für mein Podcast-Seminar brauche ich dann eine Grafic Novel (no kidding) und um den Union Square stellen sich Buchhandlungen im breiten Fächer ihrer Gattung vor:

Die Universitätsbuchhandlung – sehr ordentlich, sehr voll, mit extra Helpdesk und App für überforderte Erstsemester, die noch nie ein Buch gekauft haben. In der zweiten Hälfte des Ladens, in welcher Sweatshirts, Trinkgefäße, Ringblöcke, Schreibutensilien, Powerbanks, Käsemesser und Plüschtiere mit NYU-Druck/-Gravur/-Stickerei feil geboten werden, braucht es so etwas nicht.

Der Straßenstand – nebeneinander aufgereiht finden sich hier zerknödelte Exemplare von großen Klassikern und Stephenie Meyer. Alle gehen vorbei, viele lassen dabei ihre Fingerspitzen verspielt über die Buchrücken streichen wie über ein ziemlich dumpfes Xylophon, aber niemand kauft. Zunehmend das Gefühl, dass diese Stände hier mehr zu Dekorationszwecken stehen und vielleicht, um vom universitätseigenen Starbucks abzulenken.

The Strand – hier findet sich am ehesten noch die verborgene Magie der Literatur und ein bisschen erinnert es erneut an Umberto Eco. Die Plus Size Abteilung ist größer als in jedem Bekleidungsgeschäft. Großformatige Atlanten und Kunstbände, Zeitschriftensammlungen und andere #Folianten stehen den Neuerscheinungen und in Leder gebundenen Exemplaren in keiner Weise an Sexiness nach. Die Jutebeutel mit I AM SECRETLY JUDGING YOUR GRAMMAR und MAKE AMERICA READ AGAIN Aufschriften sind vielleicht ein wenig viel. Aber wer hier einen bestimmten Titel sucht, der darf dem Buchhändler dann wie im Zauberwald einige Minuten hinterher gehen und staunen und dann sehr wenig zahlen.

Barnes and Noble – gegenüber dem Biosuperdupermarkt am Union Square erhebt sich der Flagship Store der glatt polierten (Perlen-)Kette, die steril riecht und gut gemeint ist, aber die man doch eigentlich nur betritt, wenn die anderen Seminarteilnehmer das gewünschte Buch im Strand schon weg gekauft haben.

Gearbeitet wird auch hier in der Bibliothek. Man schaut dabei nur eben auf den nachgebauten Triumphbogen im Washington Square Park und auf die Wolkenkratzer und sobald man das gewünschte Ziel erreicht hat und sich aus der ACC-Frosthölle verabschieden kann, belohnt man sich, indem man im Universitätsviertel eine Pizza essen geht. Und ja, Pizza essen gehen war nie wortwörtlicher gemeint. Denn im Abstand von 800 Metern kann man sich von einem Einzelstück für einen Dollar zum nächsten hinfort spazieren, bis man satt ist (oder es Zeit für’s Dessert wird). Das machen sogar echte New Yorker so, die es wirklich gibt und die man unter anderem daran erkennt, dass sie die Ramones im CBGB’s live gesehen haben und nicht wie ich nur zum heute leer stehenden Club pilgern und ein Shirt dazu im Forever21 (auweia) erstehen müssen.

Wenn man Glück hat und gerade, während man den ameisenhaufigen Times Square überquert, Podcasts hört, in denen Hazel Brugger einem The Book of Mormon ans Herz legt und man nicht zu groß für die Plätze mit limited leg room ist, dann kann man es sich noch am selben Abend neben einem älteren chinesischen Ehepaar bequem machen und zum ersten Mal ein richtiges Musical sehen. Und sich dann fragen, ob die Attacken in Hamburg, egal ob mit Steinen oder mit Schlagstöcken, nicht eigentlich gegen die Musical-Insel hätten gerichtet werden sollen.

Und wenn man dann ungläubig vom Broadway nach Hause fährt und sich auf sein Bett freut, dann ist man eventuell nicht unbedingt positiv überrascht, wenn die Wohnung unerwartet zu einem Electro-Club umfunktioniert wurde, in dem mit den klischeehaften roten Plastikbechern in der Hand 20jährige herumstehen und sich ihre aktuelle Amazon-Wunschliste herunter beten. Und dann merkt man, dass es zwar vielleicht ganz nett ist, nochmal in einer WG zu leben, aber dass es nach den vier Wochen dann wohl auch genug sein wird. Reichlich, um nicht zu sagen.

Und die Oma-Hobbies am nächsten Tag zum Kontrast auszuleben, Bötchen zu fahren und Kuchen zu essen und schläfrig zu werden über einem teuren Cocktail und den Dächern der Stadt, das ist dann genau der richtige Sonntag. Egal wie das klingt.

New York Logbuch #1

Der Flug nach New York inkl. Umstieg in London verläuft geradezu beunruhigend problemlos. Amerika ist groß, plakativ und deshalb meistens leicht zu verstehen und sogar jemand wie ich verläuft sich wenig (ernte bewundernde Blicke übrigens dafür, dass ich in der Lage bin, eine Straßenkarte wieder richtig einzuklappen – und das trotz Metro-Wind und wo ich mit Origami und Basteln im Allgemeinen doch sonst nichts am Hut habe).

 

Als ich gegen 14 Uhr dann vor meinem Haus in Brooklyn stehe, zeigt sich das große ABER. Die Leute in Brooklyn ziehen immer um. Und wenn ich immer sage, meine ich das aus einer Berliner Perspektive, aus der Stadt heraus also, in der man auf keiner Party um ein Gespräch über Mietpreise, Gasausenwandheizungen, Wohnungsbaugenossen-schaften und DreiZimmerKücheBad herum kommt. Jeden Tag steht ein Umzugswagen vor einem anderen Haus in meiner Straße und Jungs und Mädchen in Jogginghosen und sehr kurzen Shorts tragen Möbel hinein oder heraus und werfen unbenutztes Ikea-Küchenzubehör in den Müll, was sich der Nachbar in zwei Tagen vermutlich neu kaufen wird.

 

Lange Rede undsoweiter: In New York wird noch drei Mal mehr umgezogen, als bei uns und gerade sind in meiner Wohnung zwei Leute ausgezogen, zwei neue ein, eine davon temporär als Vormieterin in meinem Zimmer, und alle sind bei der Arbeit irgendwo in Manhattan verstreut. Telefonisch kann ich selbst niemanden erreichen und finde mich schließlich, einfach Leute ansprechend, die aus der Haustür kommen, vier Stunden lang wartend auf dem Sofa des Hausmeisters wieder, der zwar sehr nett ist, allerdings vorwiegend Portugiesisch spricht und mich Baby nennt, was mich nicht so richtig beruhigt. In seiner Wohnung zwitschert fortwährend ein unsichtbarer Vogel.

 

Mir ist der Hinweis meines Vermieters, der Schlüssel sei dann unter dem Pflanzentopf im Fenster deponiert, von vornherein suspekt vorgekommen und: natürlich liegt er dort nicht, als ich mich wagemutig am Sims entlang gehangelt habe. Entschuldigungen der (französischen, for the record) Vormieterin bleiben aus, als sie am Abend nach Hause kommt. Sie räumt das Zimmer innerhalb von vier Minuten und klebt dann an ihrem Telefon, verrät mir nur wiederwillig das Wifi-Passwort, indem sie mir den Nachrichtenverlauf mit dem Vermieter ungefähr drei Sekunden unter die Nase hält. Von da an, mit einem Dach über dem Kopf und einer Dusche zur Verfügung, sieht aber trotzdem alles viel einfacher aus, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt 22 Stunden auf den Beinen bin.

 

Nach einem allgemeinen Schock über die Preise, die ich für Brause und Zahnbürste zahle, und dem obligatorischen Keuchen über die Temperaturunterschiede in der U-Bahn, ist das Leuchten der vielen tausend Käferaugen im Nachthimmel von der Brooklyn Bridge aus betrachtet dann schon irgendwie verrückt und schön und vor Freiheitsgefühl ganz abgelenkt stolperte ich alle drei Sekunden über einen Milennial, der dabei ist, zwölf bis achthundert perfekte Selfies zu schießen. An den Rändern der Brücke packen Straßenverkäufer gerade die geschälten, geschnittenen und dann in Plastiktüten verpackten Mangos ein, die sie tags nicht verkauft haben und im Anschluss wegwerfen. Übrigens: mit dem (ungewöhnlichen) Aufschneiden von Obst bekommt man die Amerikaner, da zahlt man für eine ausgehöhlte und mit dem zermanschten eigenen Fleisch gefüllte Ananas schonmal gern 15 Dollar – immerhin stecken zwei sehr dekorative Strohhalme drinnen!

 

Ansonsten gibt es auf Streetfoodmärkten, die wie alles hier ein bisschen wie Berlin, nur 10 Mal so groß, sind, Verrücktheiten wie (Wachtel-)Spiegeleier am Spieß zu kaufen, die meisten Besucher stehen allerdings an der (organic) Pommesbude an und schauen dann vom Ufer in Brooklyn auf das dunstige Manhattan. Erfrischend wenige lassen anschließend ihre Pommesgabeln liegen. Genauso, wie die Luft überraschend gut ist – außer in meiner WG, in der jedem Atemzug immer diese leichte Gras-Note unterliegt.

 

Und auch wenn einem die nicht enden wollenden Möglichkeiten, sich stilvoll oder nicht und vor allem mit allem aus aller Welt vollzustopfen und einzukleiden, relativ bald ziemlich gruselig vorkommen, macht New York bislang leider ziemlich viel Spaß. So viel Spaß, dass man sich ernsthaft fragt, wie die Leute, die hier leben, überhaupt etwas gebacken bekommen, was nicht rund ist, mit ’nem Loch in der Mitte und Salted Caramel Chocolate Frosting obendrauf.

 

PS: #Waldheidelbeere ist auch hier das Unwort 2017.

 

PPS:

Die Füchsin

Zuerst gelesen bei: Lesebühne Konzept Feuerpudel, Februar 2017

 

UND, GLAUBST DU, DAS WIRD GENUG SEIN?, schrie Pedro gegen das Tosen des Wasserfalls, hinter dem sie sich gerade an einer glitschigen Felswand vorbei gedrückt hatten. Wie immer, wenn er laut wurde, bekam seine Stimme etwas fröschelndes, dass sie grinsen ließ. Die Witwe nickte. Ihre roten Locken saugten die Feuchtigkeit aus der Luft auf wie ein Schwamm, wurden zu geringelten, rostigen Schnüren. DAS WIRD AUSREICHEN. In Wahrheit tat es mehr als das. Ein Leben lang hatte sie nach einem Platz wie diesem gesucht. Seit sie als kleine Tochter mit ihrer damals schon alten Mutter Reithermans Robin Hood gesehen hatte, war sie fasziniert gewesen von Wasserfällen, sie waren ihre Obsession.

Ernst hatte immer gesagt, das sei wie eine Droge für sie. Meistens hatte sie mit allen darüber gelacht, über ihre kleine Verrücktheit, jede Ferien einen anderen Wasserfall. Ihr habt eure Psychopharmaka, ich hab meine Wasserfälle, sagte sie dann und ihre Eltern und ihr Mann und ihre Kinder schüttelten die Köpfe, winkten ab. Keiner von ihnen konnte mittlerweile mehr Wasserfälle sehen, für ihre erste Tochter waren sie regelrecht ein rotes Tuch, weil die erzwungenen Besichtigungen sämtlicher Springquellen im erweiterten Radius der Ferienwohnungen häufig Anlass zu Streit gegeben hatten. Ihre erste Tochter hatte ein sehr dünnes Nervenkostüm und manchmal, wenn die Witwe von einem neuen Wasserfall anfing, bekam sie Tränen in den Augen oder rauschte türenknallend aus dem Raum. Ernst hatte es irgendwann als Macke seiner Ehefrau abgetan und die Zeit der Besichtigungen damit verbracht, seine erste Tochter mit Eis am Stiel und Zeitschriften zu besänftigen. Die zweite Tochter machte diese Spiele zwar nicht mit, aber die Witwe wusste, dass auch sie die letzten Jahre mehr aus Mitleid und Pflichtgefühl mit ihr gekommen war, die Landkarten gehalten und die Kamera geschleppt hatte.

Zu sagen, dass es sinnlos war, dass sie niemals das finden würde, was sie suchte, hatte aber auch sie längst aufgegeben. Sie wussten, die Witwe war von diesen Reisen nicht mehr abzubringen und sie würde sie so lange unternehmen, wie es eben möglich war und egal, was es kosten würde. Seit ihrem achten Lebensjahr, seit fast fünfzig Jahren, war sie auf der Suche. Natürlich klang das zunächst nach einer sehr langen Zeit, doch schließlich hatte der Mensch noch andere Pflichten und über Jahre wurde man neben Tochter zur Schülerin, Studentin, Verlobten, Assistentin der Geschäftsführung, Ehefrau, Geschäftsführerin, Mutter und irgendwann Großmutter. Die wenigsten dieser Sachen hörte man wieder auf, zu sein. Da blieben nur die Ferien, die langen Wochenenden. Dazwischen gab es den Alltag, der erschreckend viel Zeit in Anspruch nahm, weshalb man ihn schließlich auch Alltag nannte. Und er war gespickt von Fuchsfallen, in die man trat oder getreten wurde, mit finanziellen, emotionalen, gesundheitlichen Sorgen und über Ernsts lange Krankheit hatte die Witwe ihre Wasserfälle tatsächlich beinahe aus den Augen verloren.

Und als, obwohl sie alles gab, es dennoch nicht reichte und die Medikamente, die Ernst genommen und manchmal nicht genommen hatte und oft vergessen hätte, wenn die Witwe nicht gewesen wäre, ihm schließlich die Blutbahnen verstopften und ihn an dem Tag umbrachten, als er gerade seit Jahren das erste Mal wieder so richtig lachen konnte, da hatte die Witwe fast keine Kraft mehr gehabt. Ernst hatte sie bis zum Schluss nicht verstanden und auch die meisten anderen waren wohl der Meinung, bei den paar Jahren Ehe, die sie gehabt hatten und in denen er sehr viel krank gewesen war, hätte die Witwe sich lieber ein paar Wasserfälle gespart und wäre an seiner Seite geblieben. Das tat ihr besonders weh. Denn ohne die Wasserfälle, das wusste sie, hätte sie vielleicht selbst nicht lang überlebt. Aber das konnte sie auch nicht sagen. Sie wollte nicht, dass ihre erste Tochter wieder zu weinen begann, wusste, dass es ihr nach den Anschuldigungen, die sie ihrer Mutter entgegen brachte, besser gehen würde. Denn so war es für die ganze Familie leichter.

SEI VORSICHTIG, ES IST SEHR GLATT, rief Pedro und zog sie mit seinen langen Armen zu sich herüber und schob sie in den Hohlraum. Es war erstaunlich, wie groß Pedro geworden war, obwohl er aus einer Familie kleiner Leute stammte. Vielleicht war es auch diese Größe, die ihm einen besseren Überblick ermöglichte. Er jedenfalls hatte die Wasserfälle seiner Großmutter nicht vergessen und sie hierher gebracht. Seine Eltern, die erste Tochter der Witwe und ihr recht verschlafener Ehemann Torsten, hielten von ihrem Sohn derzeit recht wenig und behaupteten als Erklärung meist, dies sei gerade ein schwieriges Alter. Eigentlich sagten sie das, seit Pedro vor ungefähr fünfzehn Jahren angefangen hatte, zu sprechen und hin und wieder „nein“ zu sagen. Er jedenfalls war der einzige, der niemals abwinkte, wenn sie mit einem neuen Werbeprospekt, einer ausgedruckten Internetseite kam. Und jetzt nahm er sie wie Robin Hood und zog sie in die Höhle hinter dem Wasserfall. Es war eher eine ausgedehnte Felsspalte, etwa von der Größe einer Besenkammer, doch der Boden war relativ eben und durch das klare Quellwasser fiel genügend Licht hinein. Die Reflexionen des Wasserbands schimmerten blau-grün über die feuchten Steine, es war kalt und roch ein bisschen modrig und alles was fehlte waren ein paar Glühwürmchen. Mit offenem Mund stand die Witwe minutenlang einfach nur da und sah sich um, während Pedro Iso-Matten und Schlafsäcke auf dem Boden ausrollte. Irgendwann begann sie, ihm bei seinem Treiben zuzusehen, das ein bisschen wirkte wie in einem alten Stummfilm, weil das laute Rauschen des Wassers alle anderen Geräusche überdeckte und weil Pedros schlaksige Gestalt bei allen körperlichen Aktivitäten stets ein bisschen ulkig, jede Bewegung ein bisschen zu hektisch wirkte.

SO, LEG DICH MAL HIN, MEINST DU DAS GEHT? Und Pedro sah zu, wie die kleine, immer rundlicher gewordene Frau mit dem fuchsrot gefärbten Haar und dem breiten Silberscheitel ein bisschen taumelig durch die kleine Höhle tappte, sich schließlich zum Test auf ihren Schlafsack hinlegte und ihre bebrillten kleinen Augen durch den Raum schweifen lies. Sie lächelte breit und atmete tief ein, sodass ihre große Brust sich langsam zur Decke hob und dann wieder senkte. Wie ihr Gesicht glühte im dämmrigen Licht, so lebendig hatte Pedro sie lange nicht gesehen. Und auch die Witwe selbst spürte, wie das tosende Wasser im Schutz der Höhle ihren Puls fest schlagen ließ, wie ihre Füße ganz warm wurden und ihre Finger weniger schmerzten. Wie sie Stück für Stück die Durchsichtigkeit von Glas und die Schwere von Blei verlor und Blut durch ihren Körper rauschte und zirkulierte in reißenden Strömen. Sie spürte die Steine unter sich, den Dunst, die tausenden Wassertröpfchen auf ihrer dicken Haut, bekam Hunger und Durst, holte zwei Mal tief Luft und rief ES IST WUNDERBAR.

 

Bilder von Büchern

Objekte wie dieses sind, wenn Sie mich fragen, nichts geringeres als ein Verbrechen. Zu kaufen gibt es das in vielerlei Läden, die (zumindest vermeintlich) cooler sind, und bei Weltbild. Weltbild ist aber eigentlich der perfekte Ort dafür, da kultiviert der Bertelsmannclub das Gutbetuchtsein und das Schwärmen von Venedig und der großartigen Küche dort (die übrigens so großartig nicht ist, seriously, das Eis ist unfassbar, aber sonst isst man lieber woanders Nudeln und schaut sich hier Kirchen an). Und dann steht man an der Kasse mit einem Globus für den Rückspiegel und einem buchbedruckten Falthocker unterm Arm.

Objekte wie diese hatten viele Vorgänger: zum Beispiel Telefon- und Laptop-Hüllen, die an ledergebundene Folianten (dieses Wort habe ich übrigens im ersten Band von Harry Potter gelernt, genau wie ‚Korridor‘) erinnern sollen. Aber ich bin mir sicher, dass es auch Bettwäsche, Hauslatschen und Badetücher gibt, bedruckt mit den Bildern von Büchern. All diese Dinge sind dabei nicht nur großartige Geschenkideen für die Germanisten und Altphilologen in der Verwandtschaft, die im Grunde immer schon komische Kinder waren. Sie sind die Fortsetzung der verstaubten Goethe-Werkausgaben in unzähligen deutschen Verwaltungsfachangestelltenhaushalten, oben rechts über dem Fernseher, weil es „einfach schön ist, so etwas zu haben“.

Dieser aus Pressspanplatten zusammensteckbare Hocker ist der Gipfel. Hier bettet der angebliche Vielleser nun seine vier Buchstaben und freut sich seines gefühlten Leitkulturdaseins, auch, wenn er das selbst natürlich meistens nicht so nennen würde. So etwas darf man höchstens ganz leise denken. Mittlerweile wieder alte neudeutsche Wörter wie Image, hinter denen sich solche biedermaierlichen Wertvorstellungen verbergen, sind die Geißel der westlichen Welt. Das Bild vom Buch, zum Glück hat es sich so verändert – es ist schließlich nicht lange her, dass, besonders für Frauen, das Lesen als eine den Charakter verderbende Tätigkeit galt.

Bildergebnis für madame bovary meme

Ob es heute anders ist, weil tindern, instagrammen und twittern tatsächlich anspruchsloser sind als die Lektüre der meisten Romane, sei dabei dahingestellt. Vielleicht hängen wir in fünfzig Jahren alle sabbernd in der U-Bahn, den Kopf im Nacken und die VR-Brillen auf und wann immer mal jemand da sitzt und einen ganzen Tweet liest oder sogar schreibt, keuche ich als alte Dame ehrfürchtig auf: „Genau 140 Zeichen!“

In der Schule war es wenigstens relativ uncool, zu lesen. Also zumindest, bis Harry Potter kam. Und daran, dass Harry Potter hier schon das zweite, pardon, das dritte Mal in diesem Text vorkommt sollte klar erkennbar sein: ich bin froh, wenn Leute lesen und wenn ihnen das etwas gibt. Und was sie lesen, ist dabei zuerst einmal deren Sache und ganz sicher nicht meine.

Aber sich das Buch einfach emblematisch für wasauchimmer hinzustellen ist genauso schlimm, wie die riesige Bibliothek, die manchen umgibt, ohne dass er (ja, oder sie, vollkommen Wurscht an dieser Stelle) die Bücher jemals wirklich begangen hat, in ihnen gewandert ist. Natürlich muss jeder wissen, wie er das handhaben will, aber der bloße Besitz von Texten, das Starren auf eine Wand aus Buchrücken: sicher, das löst auch in mir diese baumwollweiche Nostalgie aus, wie bei jedem Lehrerkind. Aber ich versuche, meinen Buchbestand nur langsam zu erweitern und nicht ohne Sinn und Verstand und vor allem auch zunehmend gefühllos in Antiquariaten meine Taschen voll zu stopfen. Sonst könnte ich mir ja stattdessen auch einfach gleich Bücher-Tapete an die Wände pappen (oder auf die Stühle, s.o.). Und bevor Sie mir jetzt mit der Anti-Bibliothek kommen, schauen Sie sich bitte dieses Video an und sagen mir, ob Ihr Umgang mit ihren ungelesenen Schätzchen wirklich vergleichbar mit Umberto Ecos ist.

Und natürlich ist nichts gegen eine Affinität für die Haptik von Büchern einzuwenden. Ich bin mir sogar sicher, dass es für ausreichend viele Leute auf der Welt ein richtiger Fetisch ist. Sie wissen schon, Regel 34 undsoweiter. Gerade Literarisches macht gedruckt doch irgendwie noch mehr Spaß, ich weiß nicht, wie es Ihnen da geht. Persönlich (und wozu ist das hier sonst ein Blog?) habe ich auch absolut kein Interesse daran, mir zu notieren, wie viele Bücher ich dieses Jahr schon gelesen habe oder gar noch auf einer Internetseite breitzutreten, welche das waren und wie gutmütig oder jähzornig ich bei der Sternchenvergabe war. All das raubt mir einfach viel zu viel Zeit, sie tatsächlich zu lesen, und: reinzuschreiben.

Achso, ja, das mache ich übrigens auch. Ich male in meine Bücher. Ich knicke Seiten. Alles Dinge, die viele objektaffine Freunde immer verurteilten (gut, vielleicht hätte ich es bei ihren eigenen Ausgaben unterlassen sollen, Fehler zu korrigieren und meine weltbewegenden Gedanken an den Rand zu kritzeln oder alberne Gesichter). Eine Dozentin sagte mal in der ersten Seminarsitzung zu Semesterbeginn, Bücher und Literatur seien für sie etwas Heiliges. Wie es weiter ging, weiß ich nicht. Ich bin nicht mehr hingegangen. Im Mensacafé nebenan saß es sich gemütlicher, auch wenn dort genauso Bücher ohne Ende an der Wand gestapelt waren. Die stehen da bis heute noch und besonders schön: mit dem Rücken zur Wand. Man guckt also eigentlich nur auf viele tausende Seiten Papier. Ob da jetzt Knausgård steht oder eine Bibel oder ein Telefonbuch? Kann man nicht sagen.

Vielleicht ist das auch alles Ironie, eine Performance, die ich nicht verstehe. Ich fand es immer schon albern, Dinge ironisch zu besitzen. Ich verstehe bis jetzt nicht, warum Josh Thomas in einer Wohnung voller Waldlichtungsgemälde und Porzellanfiguren lebt und warum es solchen Klimbim jetzt auch teuer auf dem Flowmarkt (ja, wirklich) in Neukölln zu kaufen gibt, das natürlich nicht Kreuzberg ist, sich aber Kreuzkölln nennt, um sich so zu fühlen. Ich persönlich befinde mich im Besitz einer Yogamatte, einiger Weinkisten, die ich als Regale benutze, eines VHS-DVD-Kombi-Abspielgerätes, der Bände 1-42 des Mangas One Piece, einer Efeu-Girlande mit LED-Lichtern, einer Polaroid-Kamera, dreier Gitarren, die in völligem Unverhältnis zu meinem muskalischen Talent stehen, eines Traumfängers (mit echten Federn, irgh), nicht eines sondern zweier Trinkgefäße aus dem Hard Rock Café, einer Winkekatze und vieler Hände voll IKEA-Möbel, unter anderem Illatorp, Hemnes, Expedit, Pragmatir, Lillebror und all den anderen. Zugegeben, zwei dieser Namen habe ich mir gerade ausgedacht und einen von Astrid Lindgren geklaut, meine Kenntnis des IKEA-Kataloges hat seit dem zweiten Semester enorm abgenommen. Trotzdem besitze ich nichts aus dem schwäbischen – äh – schwedischen Möbelhaus, weil es witzig sei oder nicht danach aussähe.

Ich besitze all das, weil es für mich entweder Funktionen erfüllt, oder weil mein Herz daran oder an den Leuten, die es mir geschenkt haben, hängt oder weil es mir einfach gefällt. Ich sammle nicht, ich benutze. Am oben gebrachten Beispiel: ich lese. Und manchmal sitze ich dabei, aber auf einem Sitzmöbel, mit Sitzmöbelmuster. Und wenn ich ein Buch gelesen habe, dann suche ich mir das nächste aus. Außer, wenn ich gerade eine Abschlussarbeit schreibe, wie jetzt. Dann wächst neben dem Regal mit Gelesenem ein paar Monate lang ein Stapel Ungelesenes heran. Das erfüllt mich mit Vorfreude, aber auch mit Frustration und statt die Abschlussarbeit zu beenden, schreibe ich dann Artikel in einem Blog.

#otemporaomores