Strudel

Guten Tag, setz‘ dich doch, es ist schön draußen heute, der Frühling kommt und geht schon mit dem Sommer eingehakt am kleinen Finger.

Leider hilft dir das heute nichts. Denn unter deiner Haut, egal was um dich her passiert, fressen schwarze Löcher sich in dich hinein und dich auf. Du bist wie in einer engen Hülle, einer kneifenden Pelle, einer miesen Sackgasse, die außer dir keiner sieht. Das ist äußerst nervig, und das ist der beste Fall.

Die Spirale dreht sich, solang du atmest, immer weiter und in Kürze kannst du keinem Gedanken mehr über den Weg trauen. Luftanhalten geht nicht lange. Gefühle sind ein klebriger Brei mit fiesen harten Stückchen, der dir schlecht bekommt und der dir fremd ist. Es helfen nur wenige Dinge, ein Gang um den See oder das vollkommene Gefühl, wie sich das zweimal gewundene Haargummi um die Spitze deines kleinen Fingers legt, schützend über dem empfindlichen Nagelbett, und insgesamt hilft immer mehr immer weniger.

Es ist schwer, das dem zu erklären, der es nicht kennt. Es passt nicht in dein Profil und nicht in deine Timeline – ein Wort, von dem ich gerade nochmal überprüfen musste, ob man es noch benutzt, denn ich bin nicht sehr gut informiert. Auch du hast aufgehört, Stati zu aktualisieren und rote Zahlen anzutippen, weil alle flimmernden Bilder und Ideen dich wieder fort reißen, wenn du gerade halbwegs wieder bei dir angekommen warst.

Manchmal ist jeder fremde Erfolg dann ein Stich. Jede Kindheitserinnerung eine Ohrfeige, jeder verdammte mies gelaunte Busfahrer (und davon gibt’s ja so wenige in dieser Stadt) ein weiter Wurf zurück in die verdammte Steinzeit. Oft reicht es auch, einmal zu viel deinen Schlüssel zu vergessen. Schon stehst du vor der beschissenen Tür. Schon bist du heimatlos, weißt nicht wohin. Deine Haut aus Papier, kein Schirm dabei, sicher regnet es jeden Augenblick.

Und neben dem, was dann folgt, der Willenlosigkeit, der Taubheit gegenüber allem, sieht der Frust von gestern schon wieder aus wie ein guter Freund. Ach ja, so ein gepflegter Liebeskummer, das wär‘ jetzt schön. So eine kleine, wohl proportionierte Enttäuschung darüber, dass du schon vor einer Woche alle Osterschokolade aufgegessen hast. Angemessene Bestürzung über eine fürchterliche Nachricht von Leuten auf der Welt, denen es eintausend Mal schlechter geht, als dir.

Tatsächlich beschleunigt der Ärger über diese Strudel sie allerdings nur noch mehr. Denn aus dem Ärger wird Frust und aus dem Frust noch mehr Vakuum zwischen dir und dem Draußen, zwischen dir und der Sonne und den Lösungen. Irgendwann sieht man dann das Licht vor lauter Tunnel nicht mehr.

Mit diesen Strudeln zu leben bedeutet aber, um sie herum zu tanzen, manchmal auf sehr wackeligen Beinen mit ein paar Drehungen zu viel und ab und zu kommst du nicht umhin, einen tiefen Blick in sie hinein zu werfen. Dann kannst du mit ausgestrecktem Finger gern auf all das zeigen, was dich piesackt. Wenn du aber reinfällst und rein fällst:

„Von jetzt bis zum nächsten Morgen denken und nicht weiter“ hat mir ein kluger Mann mal gesagt. Und vielleicht ist, das Fernrohr und die Lupe wegzulegen, die Augen einmal zu, nur blinzeln, etwas, das dann immer erstmal geht. Und dann? Freischwimmen!

Augen zu, Luft anhalten, abstoßen, tauchen, halbblind den vermaledeiten Ring packen. Sobald es geschafft ist, zurück zur Oberfläche jagen, Kopf in den Nacken reißen. Tief Luft holen, keuchen, husten, zittrig und mit roten Augen aus dem Becken klettern.

Zur Belohnung dann Fritten. Mit Ketchup oder Majo, das liegt dann in deiner Hand*. Wenn du unbedingt willst, näh‘ ich dir auch das Abzeichen auf die Badehose.

 

 

* Am besten beides.

 

FELLWECHSEL Leseprobe (textmagazin)

Blogbuster, Episode 2

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10420371_579925905476714_4539186485495801673_n© Miku Sophie Kühmel

An keinem anderen Ort der Welt wäre bei diesem Wetter ein Flugzeug gestartet. Doch es ist Ende März in Nordisland. Und nach einem so langen Winter wie dem letzten sind selbst die Isländer ungeduldig. Da kann der Schnee sich zu kaum durchschaubaren Wehen verwirbeln, sodass man nicht zu unterscheiden vermag, wo Wasser aufhört und Himmel anfängt. Selbst wenn man bei jeder kleinen Kopfbewegung darauf achten muss, Mund, Nase und Augen zu schützen, um zu vermeiden, dass Händevoll Eiskörner überall hinein peitschen.
Von einer Seite des Fjords kann man kaum die wenigen hundert Meter weit zur anderen schauen, geschweige denn erkennen, dass dort tatsächlich so etwas wie ein Flughafen liegt. Hinter den Wänden aus Schnee erahnt man nur einen rötlichen Fleck vor der monströsen blauschwarzen Felswand. Fährt man dann mit dem Auto 7 Minuten die lange Armbeuge des Fjords entlang und erreicht auf diesem Weg das andere…

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BLOGBUSTER 2018 Longlist

Aufregend!

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Keine leichte Entscheidung

Auch für mich ist eine Entscheidung für ein Longlist-Manuskript gefallen. Dreizehn Manuskripte wurden für textmagazin eingereicht. Drei habe ich angefordert und mich dann schließlich doch für ein Manuskript aus dem Blogger*innen Pool entschieden. Es war keine leichte Entscheidung und zeitweise dachte ich, dass ich kein Manuskript für die Longlist nominieren werde. Warum? Auch ich hatte folgendes im Hinterkopf: Nur ein halbes Jahr hat das Preis-Manuskript, um in gedruckter Form vorzuliegen und im Kein&Aber-Programm zu erscheinen. Das ist wenig. Im Sinn hatte ich deswegen ein Manuskript, das bestenfalls nur ein Feinlektorat braucht, das sprachlich, inhaltlich und dramaturgisch schon solch eine Qualität aufweist, dass es ein Leichtes sein würde, es in einem halben Jahr druckfertig zu bekommen. Danach habe ich gesucht und gelesen und dann schließlich realisiert, dass ich entweder kein Manuskript nominiere, oder ich mich von dieser Feinlektorats-Geschichte verabschieden muss und meine Fragestellung ändern muss: In welchem Manuskript…

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Löcher im Boden

Sie sagt nie viel, wenn ich sie vom Bahnhof abhole, mit ihrem riesigen Rucksack voll Dreckwäsche und Geschenken. Schon gar nicht am Stück. Und ich weiß, dass ihr Tag schon lang ist. Bis morgens um 4 Uhr im Schnittraum: übermüdet Dialoge setzen für Telenovelas, die sie verachtet. Das heimliche Rauchen am offenen Kellerfenster des Senders hat sie inzwischen perfektioniert. Das weiß ich nicht von ihr, sondern von Niklas, der sie dort reingebracht hat. Ich weiß, dass sie Niklas nicht so sehr liebt. Wenn sie es sich aussuchen könnte, wäre sie einfach selbst gern ein Niklas – weiß und männlich und mit Professorenvater und Medienmutter. Ideale Voraussetzungen für all die tausend Dinge, die sie schon machen wollte in den letzten drei Jahren. Am Anfang war sie noch recht hilflos, jetzt ist sie gut, selbstsicher und händisch. Jetzt, mit dem Blick auf ihren geflickten Rucksack sehe ich, dass sie sich auch das Nähen beigebracht hat, sicher mit Youtube-Videos. Die wenigen Male im Jahr, die wir uns sehen, versuche ich, alles aufzunehmen, alles von ihr zu lesen, was ich zu Gesicht bekomme. Ich denke jeden Tag an sie. Ich stelle sie mir im Büro vor. Das Aufsehen von der Monitorwand, den Kopf drehen, stöhnen weil der Nacken kracht, rundherum alle tief in ihre Bildschirme versunken, und der Blick zur Seite in die Fensterscheibe. Im Spiegel – weil es schon seit dem Mittagessen wieder dunkel ist – unter dem weißen Bürolicht, der Raum voller Menschen. Jeder ein bisschen anders, jung und alt, modisch oder bei Esprit eingekleidet, viele Kapuzenpullover. Die Beine überschlagen oder im Schneidersitz, die Rücken tief ins Hohlkreuz gefallen oder kerzengerade, mit gefalteten Händen vor trockenem Mund oder um leere Tassen gewickelt, alle ganz unbewegt. Das eigene Gesicht, das aus der Scheibe auf sie zurückschaut, stört in der Illusion der Beobachtung. Als sanfte Patina liegt unter allem das engmaschige Bürogebäude von Gegenüber, aller Wahrscheinlichkeit nach eine Werbeagentur.

Ich weiß, dass sie nicht gern an Weihnachten nach Hause kommt. Es ist mehr wegen der gesetzlichen Feiertage, schließlich sind wir keine Christen und um einfach aus Jux die Stühle mit riesigen Weihnachtsmannmützen zu überziehen und Nüsse zu knacken, die man geschält für den gleichen Preis kaufen kann, fehlt uns die Beliebigkeit. Auch wenn sie mir diese gern unterstellt. Beliebigkeit besonders, was das Fernsehen betrifft, das die Stille des hohlen, leeren Hauses füllt. Um diese Jahreszeit sind es vor allem Komiker, die in so starken Dialekten sprechen, dass ich das Deutsch darin bis heute kaum finden kann, ganz egal, wie lange ich es lerne. Sie sitzt auf dem Sofa neben mir und ich weiß, in ihr brodelt es. Sie raucht hier zu Hause mehr als da, wo sie jetzt wohnt, vor allem, weil ihr das einen Gang auf die dunkle Terrasse ermöglicht, und sie ein paar Minuten in Birkenstocks im Schnee stehen kann, und nur der Nachbarskater vertraute Achten um ihre schmalen, schönen Fesseln streicht. Einen ähnlich zufriedenen Ausdruck im Gesicht entlocken ihr nur die kräftigen, knarzenden Sprünge auf dem Trampolin im Garten, auch das am besten nach Sonnenuntergang. Immer dabei der Wind, der vom bewaldeten Berg her pfeift, sich anfühlt wie Böen auf See und einem unter die Kleider fährt, als höbe man jeden Moment ab, flöge hoch und weit fort. Der Teenager in ihr ist keinen Tag älter. Ich frage mich, ob sie im Spiegel sieht, was ich in ihr sehe: die verschlossene Tür, im Gesicht für Jedermann zunächst das Lachen, die Cremezähne, die kurzen wilden Locken und die wenigen, feinen Barthaare – angeblich vom Rauchen – um weiche, große, braune Lippen. Die hat sie von mir und die Barthaare vielleicht auch. Die Pudelmütze, die Lammfellweste, die dunklen Augen, die die Welt trinken, das wilde Herz und das große Unglück, das in jeder Ecke lauert. Dass ich auch manchmal auf dem Trampolin springe, heimlich, wenn keiner schaut, meistens morgens gegen vier Uhr, laut und quietschend in die Stille hinein, verrate ich ihr nicht. Obwohl ich nicht einmal so alt bin, würde sie mir das niemals glauben. Dabei weiß ich, dass sie auch jetzt für meine Schultern noch nicht zu schwer wäre. Ich würde immer noch in die Hocke gehen, sie aufsteigen lassen, die Hände um ihre Knie schließen und sie bis zum Waldrand tragen können, um Pilze zu sammeln oder Pfandflaschen oder Ostereier, die ich zuvor dort versteckt habe (obwohl wir, wie schon bemerkt, keine Christen sind). Aber ich weiß es besser, denn weil ich ihr Vater bin, sind ihre Knie schon seit Jahren tabu. Und daran halte ich mich.

Sie fotografiert mit dem Telefon überblendete Bilder aus dem Familienalbum und kichert: „that one year my dad won the ugliest sweater contest every day“ und dann „barr, ich klebe“ und geht ins Gästezimmer, das früher ihr Zimmer war. Ich rufe noch etwas nach von frischen Handtüchern und der neuen Zahnbürste, doch die Türen fallen zu. Das Lächeln fühlt sich breit und warm auf meinem Gesicht an und ich atme tief in den Bauch und genieße, wie das langsam einsetzende Rauschen des Wassers das Brummen des Kühlschranks übertönt. Das angenehme Wissen darum, dass sie das Make-up abwäscht und das Großstadtflimmern.

Auch in den Lokalnachrichten kann man es jetzt nicht mehr weg reden, sie zeigen den Weihnachtsmarkt. Sie sitzt neben mir auf dem Sofa in einem riesigen weißen Strickpullover und schaut auf ihre kurzen Nägel. Um ihren Hals hängt an einer Lederkette eine kleine Schere aus Messing. Ich weiß, dass sie es bedauert, nie wirklich physisch die dünnen Filmstreifen zwischen ihren Händen geführt und getrennt, geklebt und auf Rollen gespult zu haben. Dass alles digital und die Scheren und Klebestreifen, die Disketten und Lupen nur noch Symbole für reihenweise Binärcode sind. Einen Moment glaube ich, da sitzt ihre Mutter neben mir, aber das würde ich ihr nie sagen. Aus dem Fernseher flackert das Blaulicht bis auf den Wohnzimmerteppich und auf die Hündin, die sich dort grunzend niedergelassen hat. Und dann spüre ich den Blick meiner Tochter, sehe ihre wilden, feuchten Locken um ihr Kindergesicht. Ich weiß, dass sie weiß, dass ich ihre Fragen nicht beantworten kann und ich weiß, dass sie sich genauso fragt, was sie fühlen soll, wie ich, wenn ich weiß, dass sie nicht weit weg von diesem Weihnachtsmarkt war, als es passierte. Rumoren im Bauch, Unsicherheit über die Sicherheit und bei all dem, was in der Heimat unserer Familie passiert, und von dem wir wissen, dass wir nur die Hälfte wissen, die Frage, ob man sich hier, in der Ferne, überhaupt Sorgen machen darf und wenn ja, wo die größte Gefahr liegt – in dem, was wir fürchten, oder in der Furcht der anderen vor uns.

*

Der Mann und der Mops. Er merkt nicht einmal, wie sie an seinen Füßen eingerollt ist und an seinen Zehen kaut, seine Socken aufweicht. Oder schlimmer: vielleicht merkt er es. Stille und Hecheln und das ist vielleicht das perfekte Match. Wie ich sie heute habe kommen sehen, im Hagel-Schnee-Regen am Bahnhof. Einsam gibt’s kein schönes Wetter. Er hat sein Auto verkauft und fährt jetzt überallhin mit dem Bus, völlig verdreht und am besten immer ganz oben und ganz vorne. Er spendiert mir das Ticket. Jetzt sieht er die Dinge, wie ich sie jeden Tag mit fünfzehn sah. Nachts und bei Nässe, wenn die Straßen flirrend die Kleinstadtlichter spiegeln und daliegen wie ein Netz aus Flüssen. Wenn Schneeregenflocken schwerfällig hinabsinken, von Bremsleuchten blutrot gefärbt werden und der pakistanische Teppichladen im Vorbeifahren noch einmal kurz exotisch aussieht. Wenn beim Fokus auf den Vorhang aus Regentropfenbahnen alles draußen zu breitem Lichtduktus verschwimmt und man in der gleichen Einöde wie immer treibt und einen Moment lang auch in Hongkong sein könnte. Im gebogenen Glas der Busfrontscheibe teilen sich die Spiegelbilder, eins trollt sich in die Unsichtbarkeit, das andere zieht sich breit und macht die Gesichter der Mitfahrer erkennbar, ohne dass man sich umdrehen muss –  meistens ist es dieselbe Frau mit sonnengegerbtem Gesicht, falscher Lederjacke und schwerem Cognac-Atem. Ich wusste mal ihren Namen.

Die im Fernsehen haben noch immer den Neunzehnten. Ich sehe die gleichen Bilder des LKWs, die ich einhundert Mal in verschiedene Beiträge geschnitten habe. Ein bisschen mehr Drama wäre nicht schlecht gewesen, ein schräg intoniertes Weihnachtslied oder ein umgefallener Christbaum, Scherben von bunten Kugeln, Engeln, Schaukelpferden, an denen man sich aufschneidet, wenn man nicht ordentlich die Füße hebt. Stattdessen blinkt als Funzel irgendwo im Hintergrund ein Blaulicht, im Vordergrund nur das Schlucken, die Geräusche, die der unbenutzte Mund des müden Polizisten auf der Tonaufnahme macht. Welche Abteilung in der Polizei twittert eigentlich? Macht das der Praktikant? Und warum geht da eigentlich niemand mit einer Kamera hin? Die wirken immer sehr wach und die können sich kurz fassen. Sicher, die Aufnahmen der Handykameras hätte man verwenden können, aber diese zehn flirrenden Pixel, das Bild- und Tonrauschen. Ein cineastischer Alptraum. Wenn der Gong zu den Achtuhrnachrichten erklingt, beginnt der Film für mich. Schließlich schaut in meinem Alter kaum noch jemand aus informellem Interesse zu. Leider kriege die besten Szenen nur ich allein zu sehen. Die Reisen vom Schnittraum aus in die Welt, von Mühlheim an der Ruhr bis in den Amazonas, mache ich allein. Aus den rohen Formen werden in meinen Händen Piktogramme, aus losen Geräuschen Sinfonien. Die weichen, kühlen Kopfhörerkissen lassen einen erst richtig in den Traum versinken. Dann geht es mir eigentlich immer gut. Besser jedenfalls als jetzt hier auf diesem Sofa. Auch, wenn er sich Mühe gibt, alles neu einzurichten. Das schwere Gefühl auf den Schultern, sobald ich das Haus betrete, bleibt unabschüttelbar. Und wenn die Verwandten kommen, wird es nur noch schlimmer. Sie sind alle fein, sie sind gute Leute und haben Lebensfreude, aber wenn sie mich ansehen ist da immer noch der Mitleidsfunken im Blick und die Umarmungen wie ein rohes Holzspielzeug, dass man halten will, und doch hat man Angst, sich einen Splitter einzuziehen. Und dann geht es wieder von vorn los und ich fange die Fotoalben und die Erinnerungen wieder vor 1996 an, mit Ma und ich will es gar nicht wissen. Ich will nicht wissen, ob ich ihr ähnlich sehe, ob es mehr wird oder weniger. Doch man wird einen Teufel tun, mich nicht dran zu erinnern. Manche Dinge ändern sich nie und während ich am Anfang mit Plastikkreiseln spielte, trinke und rauche ich nun dabei. Ich habe keine Angst zu sterben und ich verdränge auch nichts, jedenfalls nicht mehr als jeder das eben tut. Wozu gib es Regie und Schnitt? Sicher nicht, damit am Ende doch alle das komplette Rohmaterial sichten müssen. Ich grinse ein bisschen, ich weiß, wie Niklas die Augen verdrehen, mich entgeistert ansehen würde, dass ich tatsächlich so plump meine Arbeit als Metaphernkomplex missbrauche. Der Idiot. Vielleicht heirate ich ihn irgendwann, und dann schmeiße ich ihm den ganzen Tag Sprichwörter und Bauernregeln um die Ohren und kaufe einen Uli-Stein-Kalender und eine Fußmatte, auf der HOME steht oder noch besser: Welcome und Goodbye. So, gegeneinander an einer Achse gespiegelt. Daraus würde der sich vermutlich noch den Witz machen und sie umdrehen, sodass man beim Ankommen Goodbye an den Kopf geworfen bekommt und erst Welcome dasteht, wenn man wieder geht. Zum Totlachen. Zum Glück ist er nicht mit hier, solche Sachen kommen hier sehr gut an, sehr intellektuell, über so einen Gag spricht man hier noch jahrelang. Die großen Würfe meines Lebens haben hier keinerlei Bedeutung, sobald zwei Arten Stollen aufgetischt werden. Zwischen Sammeltassen hindurch gerufen, wird selbst die Anekdote, wie ich die Nobelpreisträgerin getroffen habe, ganz klein, ist schnell zerkaut in der Backe und runtergeschluckt bevor ihr Geschmack sich entfalten konnte. Phrasen, Sprichwörter und Worthülsen sind hier dann die ganz normale Art, sich auszutauschen, keiner schämt sich beim Gespräch über das Wetter oder beim Cocacolatrinken. Früher hat es mich verrückt gemacht. Jetzt, zur Stippvisite, hat es etwas Beruhigendes. Das ist nicht sehr vorwärtsgerichtet von mir, aber was soll’s, es schaut schließlich keiner zu und bis auf Instagram kommen sowieso bloß Fotos vom Weihnachtsbaum – und vielleicht von diesem dämlich dreinschauenden Mops. Ich starre runter auf das kleine, schrumpelige Wesen zu Pas Füßen und rümpfe die Nase. Der Hund rümpft zurück – oder zumindest sieht er die ganze Zeit so aus, als täte er das. Sie heißt Betty, natürlich ein Mädchen, dass sich da in sein Herz gewanzt hat. Ich beuge mich hinunter, bis ich auf Augenhöhe bin und sie mir ihren miefigen Atem entgegen hechelt. Ich will etwas sagen, da spüre ich die große Schaufelhand meines Vaters, die meine Haare sanft plattdrückt, und sehe hoch zu ihm.

-Du machst das schon.

-Was?

-Na alles. Schau dich an, du hast einen richtigen Job, für den du Geld bekommst-

-Ist leider immer noch die Voraussetzung.

-Du hast eine schöne Wohnung, jedenfalls denke ich das.

-Du könntest ja mal vorbeikommen, aber immer arbeitest du!

-Ich arbeite weniger jetzt, ich könnte kommen. Ich könnte dich nach den Feiertagen nach Hause begleiten.

-…

-Schon gut. Es ist schön, wenn du hier bist. Das reicht.

-Für alles andere hast du ja jetzt meine neue, stinkende Schwester!

-Pscht, sie kann dich hören! Und sobald sie wach ist, müssen wir nochmal Gassi.

-… Machst du dir manchmal Sorgen um mich?

-In den letzten 23 Jahren? Jeden Tag.

-Aber nicht wegen der Weihnachtsmarktsache?

-Ich bin dein Vater, ich brauche keinen Grund.

-Hm.

-Unsere Ängste sind Löcher im Boden, Kuku. Manchmal muss man am Rand stehen und runterschauen, damit man nicht ausrutscht und reinfällt.

 

Es gibt nur wenige Räume

Zuerst gelesen bei books without covers, Oktober 2017

Es gibt nur wenige Räume, die auch leer noch bedrängend eng wirken. Mein altes Ikea-Sofa, ein schmaler Zweisitzer, frisst diese Wohnung mit seiner Klobigkeit fast auf. Sie haben ein helles Spannbettlaken darüber gezogen, vielleicht, damit es sich optisch mehr zurücknimmt. Doch die breiten, grellgrünen Streifen auf dem Polster darunter sind nach wie vor deutlich sichtbar. Wenn man genau hinschaut, erkennt man auch noch die von meinem Kater oder Neffen grob zerkratzten Stellen an der Armlehne. Der Geruch von Teppichkleber hängt in jeder Zimmerecke, die Wände sind glänzend neu und weiß gestrichen, aber die Farbe ist dünn und ich werde das Gefühl nicht los, auch hier irgendein diffuses Muster darunter noch durchscheinen zu sehen. Auch noch vom Boden aus wirkt das Zimmer zu klein, die Wände nur steiler, der Klebergeruch ist hier intensiver.

Ich habe Said auf einem Fest getroffen, einem Tag der offenen Tür seines Flüchtlingsheims. Es gab Bratwürste und Maiskolben vom Grill und im Hof sprühten Grundschulkinder mit Graffitidosen Spongebob und das Batman-Logo auf Jutebeutel. In die eigentlichen Räumlichkeiten ließ man die Gäste allerdings nicht, um eine Störung der Bewohnerprivatsphäre zu vermeiden. Said stammt aus Afghanistan, einem Land, in dem schon Krieg herrschte, als Sherlock Holmes noch beim Strand Magazine, nicht bei der BBC, erschien. And ever since. Weil Said auf diesen Krieg keine Lust hatte und lieber Bücher lesen wollte, lief er mit 15 zum ersten Mal fort, schlug sich im Iran durch mit Arbeit in einer Schuhfabrik. Als mit den Amerikanern kurz so etwas wie Hoffnung kam, kehrte er zurück zu seiner Familie. Doch bei näherer Betrachtung hatte sich im Grunde gar nichts verändert. Seine zweite Flucht wenige Jahre später führte ihn nach Aserbaidschan, er studierte dort. Englisch, um Lehrer zu werden. Es gefiel ihm ganz gut, er fand neue Freunde, aber keine Aufenthaltsgenehmigung. Dann plötzlich in seiner Biografie:

Berlin statt Baku. Ein Zeitsprung und ein Ortssprung vor allem, mit einem Fingerschnipsen, so, wie er es mir erzählt, oder eher nicht erzählt – seitdem vor allem Umzüge. Das kennt man, als Neuberliner zieht es einen doch alle paar Monate in einen anderen Stadtteil. Jetzt wäre es gerade ganz ok, er schliefe mit nur sieben anderen Männern aus Syrien und Afghanistan in einem Zimmer, jeder hätte also eine halbe Ecke für sich. Er lachte über meine großen, runden Augen, zuckte die Schultern. Natürlich hasste er es, aber was tun? Er liest, auch jetzt noch, was er in die Finger bekommt. Er ist kein Fan von Abenteuergeschichten. Die großen Klassiker sind sein Ding. The Great American Novel. Betrachtungen, Reflexionen, Gedankenspiele, Träume. Ich war begeistert von seinen Erzählungen und unendlich motiviert. Das würde eine Geschichte geben, den großen Roman, oder eben einen kleinen über das Leid und die Zustände undsoweiter. Ich versprach, als ich nach ganzen 60 Minuten Gespräch aufstand, bald wieder zu kommen. Erst ein halbes Jahr später hatten wir erneut Kontakt, die Gründe für das Verschieben des Termins waren mannigfaltig und kamen stets von meiner Seite: Zahnarzt, ein Schnupfen, der Besuch meiner Mutter und der Hund einer Freundin, auf den ich aufpassen musste. Irgendwann hatte ich beschlossen, mein durchgesessenes Sofa auszutauschen und weil Said Möbel suchte –  denn er hatte inzwischen ein great place in Reinickendorf zugewiesen bekommen, fuhr er mit dem VW Bus und einem Flüchtlingshelfer par excellence (halblange Haare, Tunnel in den Ohren, nettes Lächeln und kein Deodorant) vor. Mit glänzenden Augen erzählte er, seine Familie, seine Frau und sein Sohn, würden heut Abend anreisen, wir müssten ihn dringend besuchen. Zuvor hatte er nichts von seiner Familie erzählt, bis auf seine Mutter, der er keine Briefe schicken konnte, weil sie nie zu lesen gelernt hatte.

Bis zu Saids Wohnung ist es eine lange Busfahrt. Said lebt dort, wo Plattenbauten neben kleinen Reihenhausschnüren stehen, es noch ein Chinarestaurant gibt und das nächste Autohaus in Sichtweite ist. Nichts erinnert hier mehr an Berlin. Said kommt uns aus dem zweiten Hinterhof schon entgegen und sieht so müde aus, wie ich ihn erinnere. Er trägt Flip Flops aus quietschendem Gummi und grinst breit. Nur kurz nickt er irritiert, als ich ihm gewohnt kräftig die Hand schüttle. In meinem Kopf raunt die tiefe Stimme meiner Mutter etwas von Machokulturen und während wir den klebrigen Linoleumflur hinauf steigen versuche ich, eine Haltung zur Situation zu finden. Saids Frau Seva ist jung. Jung jung. Sie erzählen, dass sie ihren Schulabschuss nicht machen konnte, bevor sie Afghanistan verlassen musste. Es hätte noch ein Jahr gedauert. Der Sohn der beiden, Karim, kann nicht jünger als 6 Jahre sein. Sein Alter ist aber auch schwer einzuschätzen, das Hertha-Shirt sieht an ihm gleichermaßen zu weit und zu kurz aus. Seva gibt meiner Begleitung nicht die Hand, sie lächelt freundlich, doch sieht immer ein bisschen unter unsere Blickachsen, Richtung Boden, scheint erleichtert zu sein, als sie zurück in die Küche huschen kann (noch nie war das Wort huschen so treffend, wie um die Art, wie sie sich bewegt, zu beschreiben). Kurz gehe ich ihr, einem Impuls folgend, nach, aber in der kleinen Pantryküche ist es sehr eng, meine Hüfte zu breit und ich kann mich kaum drehen. Die Männer sitzen drüben schon im Schneidersitz auf dem Boden und da Seva kein Englisch kann und ich kein Wort Persisch, kehre ich betreten ins leer-enge Wohnzimmer zurück.

Einen Moment schaue ich mit Karim Mr. Bean in New York auf dem klapprigen Dell-Laptop, der auf einer Bananenkiste neben dem Sofa steht. Karim grinst mit zwei Reihen voller Zahnlücken zu mir hinüber und keucht aufgeregt vor jeder Pointe, jedem Stolpern, jeder Grimasse Mr. Beans. Wir kichern trotzdem auch hinterher beide noch einmal. Einen Moment lang ist es ziemlich einfach.

Wir essen auf einem Tuch auf dem Boden, es ist wie ein überdachtes Picknick. Seva bringt eine riesige Schüssel gelben Reis mit Rosinen und sie lässt es nicht zu, dass wir ihr helfen. Verlegen schauen wir also zu und machen es den Dreien nach, wie sie mit Händen voll Fladenbrot in das Essen greifen. Es gibt verschiedenste Gemüse in Schälchen, drei Salate, Nüsse und Hühnerteile. Said erzählt von ihrem Umzug und seiner Bewerbung für die Universität, an der ich auch studiere. Sie bieten einen Kurs für Flüchtlinge an, das Thema: Spaces of Migration. Ein Satz über die authentischste Feldforschung, die das Institut für Ethnologie seit ungefähr einem Jahrhundert gesehen hat, liegt mir auf der Zunge. Aber Said ist es, das weiß ich auch, ganz egal, worum es dort geht. Er will nur etwas tun. Denn bisher durfte er das nicht und es gibt kaum etwas Schlimmeres mehr für ihn als noch weiter zu warten. Hin und wieder übersetzt er einzelne Bemerkungen auf Persisch. Seva lächelt verstehend. Ich frage, was sie gern machen möchte. Als Said übersetzt, zieht sie kurz die Stirn kraus, sagt schlicht, sie würde gern Deutsch lernen, und beginnt, abzuräumen. Diesmal darf ihr Sohn ihr helfen. Ich verziehe mich auf den Balkon. Von hier ist das Zimmer nichts als ein halbdurchsichtiger Würfel, mit einem klobigen Möbelstück und zwei Männern, die sich mit zirkelnden Händen unterhalten. Daneben kann ich im nächsten Fenster die winzige Küche erahnen, ein weiteres, kleineres Quadrat, vollgestopft mit noch mehr Quadraten. Ich höre Seva vor sich hin summen. Ich frage mich, wie lange ich hier stehen bleiben kann, ohne verdächtig zu wirken und verfluche es, dass ich nicht rauche.

Als wir gehen, drücke ich Saids Hand erneut sehr fest, Seva lächelt, aber schaut nicht auf. Said bringt uns noch ein Stück in Richtung der U-Bahn-Station, die Busse fahren um diese Zeit nicht mehr. Er war ein bisschen verwirrt von unserem frühen Aufbruch, dass wir nur drei Stunden bleiben ist kurz vor einer Kränkung, deswegen verabschieden wir uns umso herzlicher.

Auf der Rückfahrt in der leeren U-Bahn läuft die Choreographie immer wieder vor meinen Augen ab. Ich erinnere mich an mich selbst und versuche, alle Überzeugungen zusammenzukriegen. Als meine Begleitung sagt „solange sie glücklich sind“, stoße ich scharf Luft durch die Zähne.

Im Facebookchat schreibt Said einige Tage später auf meine Einladung zu uns nach Hause hin:

Thank you 🙂 

We are in a very disorganised situation , I am getting ready for interview in bundesamt, my wife and son got transfared to a new comp . there more strict rules …

But I will try 🙂