New York Logbuch #4

Nach mehreren Monaten ohne Wochenenden musste er sich nach der endgültigen Abgabe (die physisch nur möglich war dank der lieben Sophie (und nein ich spreche nicht mir selbst, ich bin nur fast ausschließlich mit anderen Sophien befreundet)) der Abschlussarbeit einstellen: Der Kater.

Und so umwickelt mich mit langen dicken Fingern eine eigentümliche Schwere und Müdigkeit, als ich am Donnerstag Morgen in Alex Kapelmans Podcasting Class sitze und mich das Foto von der gedruckten Arbeit erreicht. Binnen Minuten bin ich ummantelt von einer bis 1,5 Schichten unsichtbarer, unangenehm warmer Watte und will eigentlich nur noch ins Bett.

Mein Biorhythmus wird immer seltsamer, ich wache spät auf, frühstücke zur Mittagszeit, wandle durch irgendwelche Teile der Stadt, durch Ausstellungen oder Einkaufspassagen oder ein Musikfestival, lege mich gegen 18 Uhr noch einmal hin und bin danach die halbe Nacht unterwegs. Irgendwie lässt das Freiheitsgefühl noch auf sich warten, bisher liegt mir vor allem die tödliche Donut-Mischung aus Fett und Zucker im Magen und ein Sodbrennen wird gerade zu meinem kleinen, aber sehr hartnäckigen Verehrer. Es ist zwar etwas zurückhaltender als die Typen, die mir hier auf die nackten Beine stieren oder mittelprächtig coole Anmachsprüche bringen, aber dennoch kann ich ihm ebenso wenig Liebe entgegen bringen.

Trotzdem: ich lasse mich nach Möglichkeit nicht beirren und schlendere über die Highline und durch den Meatpacking District (beim Anblick der Schaufenstermoden, die hier neben Metzgereien das Bild bestimmen, erschließt sich mir dann auch plötzlich der Zusammenhang, in dem Lady Gaga damals auf dieses Fleischkleid gekommen sein muss) und abends in ein Off-Kino, um diesen wirklich sehr guten Film zu sehen:

Es dauert zwar eine halbe Stunde, bis die richtige Rolle (naja) eingelegt wird und ich stelle fest, dass ich Oreo’s, egal in welcher Geschmacksrichtung, leider genau so grauenvoll finde, wie auf der anderen Seite vom großen Teich. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass meine Seele mit kühlendem Balsam eingecremt wird und ich mache mir unsympathischer Weise sogar Notizen während des Films. Danach stolpere ich im Greenwich Village, auf der Suche nach einem späten Kaffee (jaja, Decaf, keine Angst) ins Café Reggio, das wie dem gerade gesehenen Film entsprungen scheint und unfassbar verwunschen und schäbig und schön ist. Leider hält der Zauber nur an, bis sich ein sehr dicker, sehr stark riechender und immer mal wieder aus nicht ersichtlichem Grund zitternden Kicheranfällen erliegender Shorts-und-Sandalen-Träger wenige Meter neben mich setzt. Ich verschütte die hälfte meines Kaffees und tunke auch mein Notizbuch kräftig ein. Wie gut, dass es nicht der Laptop war, damit habe ich schon ausreichend Erfahrungen.

Nachts zu spontanen Partys nach Hause zu kommen, auch und besonders, wenn diese von der Nachbarsfamilie über mehrere Generationen direkt vor dem eigenen Fenster gefeiert wird, ist im Übrigen nicht angenehmer geworden. Puertoricanische schlechte House-Musik ist leider am Ende des Tages immer auch trotzdem noch schlechte House-Musik. Ich verschanze mich unsozial und rangle lieber mit der Katze.

In den letzten Tagen beobachte ich dann immer wieder um sechs Stunden verzögert die letzten Sendungen und Berichterstattungen im Vorlauf der Wahl. Ich weiß gar nicht ganz genau, warum ich hier noch so viel Zeit investiere, schließlich sind meine Kreuzchen schon Ende August in einem Briefumschlag auf die Reise gegangen. Aber aus der Ferne nach Deutschland zu schauen hat etwas gespenstisch-unfallhaftes und man kann nicht so richtig weggucken. Als ich heute von der spontanen Demo am Alexanderplatz lese, pitscht es mir ins Herz und ich bereue es ein bisschen, nicht vor Ort zu sein.

Was ich jetzt aus dem Wahlergebnis an Konsequenzen ziehe, so ganz für mich: Meine Pläne, die Freiberuflichkeit als Chance zu nutzen, auch wirklich an Stellen zu helfen, an denen ich helfen kann. Den Leuten, denen ich helfen möchte. Mehrere meiner Freunde sind im letzten Jahr im Zuge der politischen Entwicklung in eine Partei eingetreten. Ich habe andere Pläne. Und die schreibe ich auf Listen.

Genau, wie die übrigen großen Ziele für die letzte Woche New York, die morgen schon anbricht.

New York Logbuch #3

Tief im Masterarbeitsstrudel, der wenig schmackhaft und vor allem recht schwer verdaulich ist, zirkele ich zwei, drei Tage zwischen Bett, Bibliothek und Bagelbob (echt) umher. Das Wetter in New York ist fantastisch und ich zwinge mich, hin und wieder die ganzen Filmkulissen zu bestaunen, die einem hier am Wegesrand entgegen grinsen oder zwinkern oder sich am Hintern kratzen, und den Anblick der heran sausenden silbernen U-Bahn ganz genau abzuspeichern. Glaubt mir ja sonst keiner. Doch an manchen Tagen ist eben irgendwie der Wurm drin und auf der Haut diese ewige fettig-ölige Schicht, ganz egal, wie oft man sein Gesicht wäscht, oder mit viel zu dünnen Papiertüchern drüber scheuert, und es wird auch nur kurzfristig besser, wenn man sich so viele Reese’s Peanut Butter Cups* in den Mund steckt, bis man kaum noch Luft bekommt (auch ohne eine Nussallergie zu haben).

Es gibt irgendwie nur ArbeitArbeitArbeit, man wühlt sich durch die studentischen Menschenmassen und stößt, mitten in der großen amerikanischen Uni, auf einen kafkaesk winzigen und kafkaesk grauen Seminarraum, vollgestellt mit Stühlen und Tischen und einem mit Büchern bepackten Daniel Kehlmann. Der erscheint hier plötzlich derart greifbar, dass man erstmal reflexartig zwei Schritte am Raum vorbei geht, um sich vom Schock zu erholen. Da sitzt eine Handvoll Studenten mit dem Autor der Vermessung der Welt in diesem Literatur- und Linguistik-Institut in Manhattan und lauscht dem unwienerischsten Wiener, es wird gelacht und diskutiert und der Speckfilm von der Haut ist verschwunden und die Schultern sind leicht(er).

Der September stellt sich nicht nur hinsichtlich der vorherrschenden Temperaturen als der ideale Monat heraus – es ist auch der Büchermonat. Nach einer Busfahrt quer durch Brooklyn stolpert man auf dem St. Joseph’s College in die Buchpremiere eines Norwegers, der Schwedisch schreibt und der auf die Nachfrage, welche Komponisten ihn derzeit beschäftigen würden, nur sagen kann, sein Musikgeschmack hätte sich seit seinem zwölften Lebensjahr nicht verändert und im Auto höre er sowieso meist, was die Kinder wollten: Rihanna, Sia. Hauptsache auf -a. Die Signierstunde, für die man gebeten wird, die Widmung vorsorglich auf einen Post-It vor zu kritzeln, damit der Autor sich beim Namen nicht verschreibe, kann man sich dabei dann getrost sparen und lieber noch in die Bar um die Ecke einkehren, wo auch nach 22 Uhr noch Leute mit Laptops sitzen und arbeiten und sich dabei gemeinsam allein betrinken. Für viele sicher der Horror, für mich perfekt. Da kann man dann mit machen und das Fazit für die Abschlussarbeit skizzieren.

Den nächsten Tag gilt es dann, dranzubleiben. Inzwischen habe ich sogar ein Café in der Nähe ausgemacht, welches im Haus – völlig crazy – Porzellanteller und Glasbecher benutzt und nur auf Papier und Plastik zurück greift, wenn jemand tatsächlich etwas auf die Hand möchte. Erleichtert und mich daher und wegen des sympathischen Wifi-Passwortes catsandcake schnell beheimatet fühlend, verbringe ich den ganzen Tag hier (und ja, ich bestelle mehr als einen Kaffee alle vier Stunden, bevor ihr hier los feuilletoniert (Feuilletonisten in den 20ern haben das übrigens, davon bin ich überzeugt, nicht anders gemacht (nur so))).

Gegen sechs Uhr am Abend eine Stunde schlafen, dann am WG-Zimmer-Schreibtisch halbwegs kauernd zubringen bis 3 Uhr morgens. Dann ist die Masterarbeit fertig. Weg damit. Eine Stunde um den Block rennen, sehr laut Musik hören, kalt duschen und in traumlosen Schlaf fallen.

Am nächsten Tag heißt es dann:

Das schönste ist dabei vielleicht die Busfahrt nach New Jersey, bei der man zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, wie sehr IN Amerika man ist. Im Outlet-Center gibt es jede Menge Jeans und Unterhosen, für die man sonst das achtfache bezahlt(e, täte man das tatsächlich), Socken mit Pokémon drauf, das übliche Fastfood und ziemlich schlaffen Salat, dafür aber so gut wie keine Fenster. Als man das Labyrinth glücklich gekauft (könnte aber auch der Zimtschneckenzuckerschock sein) verlässt, ist es auf einmal schon spät am Abend. Wie gut, dass der Apple Store an der 5th Avenue 24 Stunden geöffnet hat. Jep: kurz vor elf, die perfekte Zeit für ein iPhone! Auweia.

Der Pferdegruch, der einem auf dem Gehweg zwischen Wolkenkratzern und Central Park um die Nase weht, beruhigt mich zutiefst. Wann immer man den Kutschen, die dort auf willige Gäste warten, einen etwas zu langen Blick zuwirft, stampfen die Vorgespannten erwartungsvoll und genau ein Mal mit dem Huf, hat etwas von einem leicht autistischen Winken. Ist langweilig aber: Ich mochte Pferde immer. Also, vor allem lieber als Menschen. Für beide Parteien ist es trotzdem besser, wenn ich die U-Bahn nehme.

Am Sonntag stehe ich, nachdem mich der eisig klimatisierte Bus ausgespuckt hat, auf dem Borough Hall Platz, vor mir das unerwartete Ausmaß an Ständen, die zum Brooklyn Book Festival gehören. Hunderte Verlage und Magazine, Autoren und Schreibgruppen und natürlich alle Universitäten bieten Flyer und Kaffee und Gebäck und übrigens auch Bücher feil. Deutlich am meisten gekauft werden: Jutebeutel. Dennoch laufen Menschen ineinander, weil sie beiderseits die Nasen in ihren Neuerwerbungen begraben und sich bereits fest gelesen haben (in den Büchern, weniger in den Beuteln). Es gibt Eis umsonst und jede Menge Lesungen und Diskussionen, dieser eine aus Fight Club liest einen unglaublichen Ajax beim Theater of War, im Treppenhaus eines Uni-Gebäudes renne ich in Karl Ove Knausgard und kann mich für die Lesung bedanken und bei der Signierstunde von Jostein Gaarder nach einem wundervollen Panel, bei dem er genau so war, wie man sich eben Jostein Gaarder wünscht, zu sein, steht einfach niemand an. Sofies Welt scheint in den USA nicht so das Ding zu sein. Zeit, über meinen Vornamen zu schäkern.

Im Nachgang: Auf den Treppen zur Borough Hall sitzen und zuschauen, wie Bücher verpackt und Stände geschlossen werden, Ideen haben und zum Abendessen einfach einen ganzen Brokkoli, because why not?**

*Nicht unterstützt durch Produktplatzierung (schön wär’s).

** Und vor allem, weil ich mich wundere, nicht schon längst Skorbut zu haben…

 

Jannicks Hände

Zuerst veröffentlicht in: Das NaRr

Jannick war das schon häufiger passiert. Er stand oder saß oder lag irgendwo und starrte auf seine Hände. Er starrte auf seine Finger, die lang waren und dünn. Jedes Mal zählte er nach. Zehn. Nacheinander bewegte er die einzelnen Spitzen. Spreizte in einer langen Welle jeden Muskel, vom Handgelenk bis hoch an die Fingerkuppen und ließ sie wieder erschlaffen. Sah zu, wie die Furchen und Linien in den Innenflächen verschwanden und wieder kamen. Inzwischen waren sie tief. Er machte das oft.

Crazy shit, that’s me. Das dachte er jedes Mal. Auch jetzt. In seinem Kopf lag er neben sich und sah sich zu. Er dachte, dass das eng würde, in dem schmalen Bett, auf dem Metallgestell. Er schloss die Augen und versuchte, sich zu fühlen. Er hörte seinen Puls, spürte, wie er überall pochte, auch in den Schultern, den Oberschenkeln, hinter seiner Stirn. Seine Brust spannte sich an, wenn er einatmete und sein Bauch blähte sich auf. Wenn er von oben darauf hinunter sah, bekam er immer ein wenig Angst vor den nächsten Jahren und dass seine Brust vor dem Bauch so flach wirkte, machte es meistens noch schlimmer. Er hatte immer lange Haare haben wollen, aber jedes Mal schor er sie wieder ganz kurz ab. Er wollte nicht, dass die Spitzen auf seinen breiten Schultern ankamen. Bald würde das kein Problem mehr sein, fiel ihm ein. Seine feuchten Fingerspitzen zupften an dem grünen Umhang, unter dem er nackt war. Viel würde sich nicht ändern. Seine Eltern, seine Freunde. Sie alle hatten ihn so behandelt, wie er unter seiner Haut war. Schon immer. Irgendwie war es jedem klar gewesen. Er strahlte das aus. Seit seiner Kindheit. Sicher, leichter war es dadurch nicht geworden. Er erinnerte sich kaum noch an seine Schulzeit. Aber er wusste genau, warum das so war. Eigentlich hatte er, sobald er daran dachte, nur ein einziges Gesicht vor Augen. Pauls.

Paul war klein gewesen und dunkelhaarig. Kräftig, so lala in jedem Fach, stand für sein Leben gern im Tor. Er war beliebt gewesen. Sogar sehr. Obwohl er sich keine Mühe gab, mochten ihn Lehrer und Schüler und sogar der grummelige Hausmeister, der eigentlich nie irgendjemanden mochte. Er hatte immer die Teams gewählt. Immer das erste. Immer das Team, das gewann. Jannick war nie in seinem Team gewesen. Hager und unsportlich, hatte man immer in einem Bogen um ihn herum geschaut, bis außer ihm niemand mehr übrig gewesen war. Trotzdem hatte Paul ihm immer zugelächelt. Er hatte niemals traurig gewirkt oder bedauernd, schien hinter jeder seiner Entscheidungen felsenfest zu stehen. Jannick war immer das Gegenteil gewesen. Stets unsicher, zögerlich. Aber das lag daran, sicher, dass er sich in seinem Körper nie besonders wohl gefühlt hatte. Je älter, desto weniger. Je mehr Haare sich schmerzhaft von innen durch seine Haut stachen, ihn hin und her schoben. Je breiter seine Schultern, je riesiger sein Rücken wurde. Eine Schwester trat ein. Ihre Schultern waren schmal. Ein Schnurrbart saß auf ihrer breiten Oberlippe. Sie fragte, ob Jannick schon alles geregelt hätte. Urkundlich. Im Liegen war das Nicken nicht so einfach. Er schaffte es plötzlich kaum, den Kopf zu heben. Seine ehemalige Biologielehrerin hatte erzählt, Paul sei jetzt in Italien. Ein kleiner Verein, bloß Regionalliga. Aber er habe Familie und die Sonne tue ihm gut. Jannick fror eigentlich immer. Die stämmige Schwester schob ihn durch den Flur. Die Neonlampen flackerten in kurzen Intervallen an seinen Augen vorbei, wie die Fahrbahnmarkierungen auf der Autobahn, wenn man nicht am Steuer saß und die Stirn an die Scheibe drückte. Er dachte an die rumpeligen italienischen Straßen ganz ohne Markierung, über die Paul tagtäglich hin und her ruckeln mochte, in einem dieser Autos mit drei Rädern, zwischen denen sich schlingernd Mofas durch drängelten. Er schob den Kopf etwas weiter in den Nacken und die Plastikhaube knackte und knirschte laut in seinen Ohren. Der blaue, kratzige Bund rutschte seine hohe Stirn hinab, fast bis über seine Augen. Angestrengt zog er die Brauen hoch, um sie zu stoppen. Lange würde er so nicht durchhalten. Familie. Jannick stellte sich vor, dass Paul zwei Kinder hatte, Giulia und Lorenzo. Wie sie in dem winzigen Auto links und rechts von ihm klammerten, ihre kleinen Ärmchen um seine kräftigen geschlungen und dem Meer, dem Himmel, den dreisten Mofafahrern und den mageren Straßenhunden entgegen lachten. Wie sie in einem großen Garten hinterm Haus Fußball spielten, oder auf dem schmalen Fußweg an einer knorrigen, braunen Hauptstraße. Die OP-Türen schwangen knallend nach links und rechts auf. Jannick bekam das Gefühl, sich langsam aufzulösen. Diesmal hob er die Hände nicht, obwohl ein Abschied vielleicht angebracht gewesen wäre. Er ballte sie auf beiden Seiten zu Fäusten, presste sie fest auf den weichen Untergrund, schloss die Augen und hoffte, dass alles richtig war.

Was, wenn doch?

rang woa jung gödschon üjen chiang ne scherai,
jung bu tong de düe chi tan tsu dui ni diai
tsin ai de tsüen tsin tsüen ihde: woa ai ni.

Vor einigen Jahren habe ich angefangen, Beiträge für den Radiosender meiner Uni zu produzieren. Ich hatte den gleichen Grund, wie die meisten: Interviews mit meinen großen Idolen, mit denen ich hinterher natürlich fürchterlich eng befreundet sein würde.

Wie der Zufall es wollte, waren die guten Redaktionen aber sämtlich voll besetzt und ich landete in einer undankbaren Rubrik, die sich Unidschungel schimpfte und in der es ausschließlich um Hochschulthemen gehen sollte. Um trotzdem die Menschen interviewen zu können, die mich wirklich interessierten, erfand ich das Format Was ich früher mal werden wollte.

In einem intensiven Gespräch sollten mir einfach all die Musiker, Autoren und Künstler, die mir eben so imponierten, Antworten geben auf die Frage, wie sie geworden waren, was sie sind. Als schließlich ausgerechnet Bodo Wartke als einer der ersten zusagte, stolzierte ich siegessicher in den Redaktionsraum – ein unbenutztes Büro in unserem Institut, in dem zwei Tische aneinander gequetscht und voller technischem Equipment und alter und neuer Flyer, mehrere Kästen Mate in der linken und eine aus Eierkartons zusammengetackerte „Sprecherkabine“ in der rechten Ecke – und sammelte das Aufnahmegerät ein.

Zu diesem Zeitpunkt tobte zwischen den Redaktionen schon ein ausgewachsner Konkurrenzkampf, weswegen ich alleine nach Neukölln fuhr und mich auf dem Weg prompt verlief. Das glitschig neue Smartphone rutschte mir, die damals noch ganz ungewohnt hohlen Xylophontonleitern hinauf und herab blubbernd, beinahe aus den Händen. Ich hob ab, ohne es richtig begriffen zu haben und aus dem für mich nicht ortbaren Lautsprecher surrte eine bekannte Stimme:

„Sag mal. Bist du vielleicht in einem anderen Café als ich?“

War ich nicht. Ich stand im Nirgendwo Viertel Neuköllns, das bis heute die stärkste Note von Katzenurin vorweisen kann Ich folgte mit im Schneematsch schmatzenden Turnschuhsohlen Bodos höchstpersönlicher Wegbeschreibung, gab ihm einen Flammkuchen im Jazz-Keller an der Ecke aus (keine Zuspitzung von Nöten) und wir führten dieses sehr schöne Gespräch.

Beitragsbild (c) Sebastian Niehoff