Er kratzt. Er stinkt. Er klebt.

Die meiste Zeit, die ich in dieser Stadt, die hier heute viele in ihren Texten besingen, gelebt habe, wohnte ich am Leopoldplatz im Wedding. Der Wedding ist nicht der beste Bezirk der Stadt. Er versucht zwar, zu den coolen, aufstrebenden Künstlerecken zu gehören, aber eigentlich wohnen hier nur Studenten, die Künstler werden wollen oder Intellektuelle oder beides. Leider gibt es dafür in dem futzeligen Landkreis, aus dem sie kommen, keine IHK-Berufsausbildungen und deshalb erzählen sie der Familie nur sporadisch, was in ihrem Leben gerade so läuft. Doch zwischen zwei Sorten Stollen am Kaffeetisch sind all die Großstadtanekdoten, die Chais im Co-Working-Space und Nobelpreisträgertalks ohnehin nicht mehr viel Wert.

In der Regel heißt „was mit Medien“ ja heute sowieso nur, dass man Instagram hat und Twitter wie jeder 13jährige, mit dem feinen Unterschied, dass man es nicht richtig zu bedienen weiß. Aber auch seitenlange Facebook-Kommentare mit Anrede und Grußformel gelten jetzt zum Glück schon als Kunstform oder wenigstens als Haltung. Wie auch sonst, in Mitte und Kreuzberg und Neukölln ist doch schließlich jeder Autor, kaum einer allerdings Schriftsteller. Die meisten drücken den Text nur in kleine enge Kästchen hinein, gestellt oder gar choreografiert wird da wenig (und gestrichen leider auch nicht, so ähnlich wie in diesem Text hier, den Sie gerade lesen. Warum übrigens hören Sie nicht einfach jetzt einmal auf damit? Schauen mal aus dem Fenster oder in den Kühlschrank, gehen an die frische Luft oder endlich ins Bett? Nein? Selbst Schuld.). Und Leute setzen kleine rote Herzen darunter oder rotgesichtige Smileys, aus deren kleinen Schläfen süße Rauchwölkchen paffen – ha, Wut. Eine armselige Persiflage, mehr Karikatur als Symbol für den eigentlichen Affekt, und doch noch klarer als alles an Emotionen, was man sich im Angesicht des andern wirklich zu zeigen getraute.

Die übrigen Leute am Leopoldplatz studieren nicht und haben keine Projekte aber dabei noch echte Emotionen. Sicher, bei den Trunkenen auf der U-Bahn-Treppe mag sich gerade vodkaseidank die Leidensfähigkeit wie ein alter Kaugummi zerkatscht in die Länge ziehen, doch immerhin wird hier gelacht geweint gesungen. Trotzdem bin ich natürlich froh über die Polizisten, die hier ab 3 Uhr Nachmittag stehen und möglichst unamüsiert und emotionslos gucken.

Ansonsten wird viel gestritten auf dem Leopoldplatz, mal um Flohmarkt- und kleinelektronische Kabelwaren, mal um Leergut, mal um die letzte Kippe. Es gibt sehr viele Hunde und noch mehr Kinder und sie spielen separiert voneinander im Dreck. Es gibt tolle Kieznovitäten wie den Bioladen „Der Bioladen“ und die Videothek macht leider zu aber dafür gibt es neben dem Baklava Shop jetzt auch einen Laden, bei dem ich endlich neue SIM-Karten kaufen kann. In die Bubbletea Läden sind längst Döner, Ditsch und Le Crobag wieder eingezogen, der Geruch auf der Straße hat sich verändert, ist vielleicht staubiger, fettiger geworden, oder es ist einfach wie mit einem Raum voller Menschen, in den man vom Balkon aus zurückkehrt und bemerkt, wie sehr Partys stinken.

Warum ich hier denn lebe, wenn ich nur Alltagslangweiligkeiten zu erzählen weiß, fragen Sie sich? Ich wohne hier, weil es billig ist. Nicht mehr so billig wie noch vor ein paar Jahren, aber immerhin: wenn ich schon meine in Bangladesh hergestellten Markensneaker an der Bushaltestelle abgenommen bekomme und barfuß nach Hause gehen muss, dann will ich dafür wenigstens keine Kreuzberger Mieten zahlen, schön‘ Dank.

(Beitragsbild (c) Kate Seabrook)

à bientôt

Zuerst veröffentlicht in: Nocthene.

 

à bientôt

Als der Zug anfuhr, drückte Tilda ihre Nase an die kalte Fensterscheibe und schnitt eine letzte Grimasse. Draußen stand ihre Familie, allesamt in Anoraks und mit roten Gesichtern. Und während ihre Mutter tonlos zu schimpfen begann und ihr Vater amüsiert eine kleine weiße Wolke in die kalte Bahnhofsluft schnaufte, sah sie hinunter zu Vivi, die ihre Augen in den Höhlen kreisen ließ, die Zunge rausstreckte bis ans Kinn – Speichelfäden spannten sich zwischen ihren Eckzähnen auf – und beide Arme wirbeln ließ wie eine Wahnsinnige. Prustend wich Tilda zurück, wischte sich über Mund und Augen und als sie aufsah, war sie bereits im Tunnel und im schwarzen Fenster nur noch ihr eigenes Gesicht. Tilda klappte den Mund zu und lehnte den Kopf seitlich an ihren Sitz, betrachtete auf dem Glas, wie der unterirdische Teil des Potsdamer Platzes an ihrem bis auf sie leeren Zugabteil vorbei glitt. Es war praktisch noch mitten am Tag gewesen, als sie ihren schweren Koffer die enge Wendeltreppe hinab zur Haustür bugsiert hatte, doch der Himmel, der schließlich am Südkreuz hinter den grauen Betonklötzen vorlugte, war bereits rosa und orange, Neukölln auf romantisch. Besonders gut kannte Tilda sich in Berlin nicht aus, nur an den Wochenenden war sie manchmal mit einer Freundin, oder – seit Vivi ihre Pferdeposter von den Wänden gerissen hatte – mit ihrer kleinen Schwester Richtung Alexanderplatz gefahren. Zur Schule gegangen war sie in ..in, einem kleinen Ort in Brandenburg, 37 Autominuten von ihrem Heimatdorf ..ow entfernt, von dem aus sie acht Jahre lang Wanderungen in die Mark unternommen hatten und wenn das Wetter es nicht zugelassen hatte, Beschreibungen ebensolcher Wanderungen zu lesen bekamen. Tilda war die erste in ihrer Familie, die das Abitur geschafft hatte. Nicht, dass das ihre Absicht gewesen wäre – es hatte sich eher so ergeben. Sie hatte nie überdurchschnittlich viel gesagt, gelernt oder gelesen. In der Siebten hatte ihre Klassenlehrerin in der Gesamtschule voller Stolz an die Tafel geschrieben: Drei aus Zehn. Dass Tilda zu den Dreien gehörte, die am Ende bestanden hatten, kam ihr an manchen Tagen danach nur wie ein übler Zufall vor, ein Privileg, dass ihr unter magischen Umständen zu orakelt worden war. Aus irgendwelchen Gründen hatte sie nun jedenfalls eine Hochschulzugangsberechtigung. Und weil sie noch nicht wusste, wie mit diesem neu erworbenen Recht in ihrem Fall am klügsten umzugehen war, tat sie das, was der Beratungslehrer gesagt hatte: Fahr erstmal weg, Tilda. Komm raus. Schau dich um.

Draußen zogen Kleingärten vorbei, voller Holzhütten, bunter Fähnchen und weißer Plastikstühle. Der Sonnenuntergang brannte in ihren Augen und ihre Lider waren plötzlich schwer. Von der leeren Bank gegenüber fischte sie mit einem Griff ihrer Füße den Fahrplan. Endstation: Paris Gare du Nord. An Endstationen weckten sie alle übrigen Gäste auf, wie Tilda wusste. Beruhigt streifte sie die Schuhe ab, schob die Kopfhörer so weit in die Ohren, bis nur noch dumpfes Rauschen übrig war, kauerte sich ein wenig auf dem Sitz zusammen und warf sich den raschelnden türkisen Anorak über die Knie.

Das quietschende Bremsgeräusch, als der Zug in den Tunnel fuhr, weckte Tilda am Morgen. Die ganze Fahrt musste sie geschlafen haben. Erst jetzt bemerkte sie den stechenden Schmerz in ihrer Schulter und das taube Kribbeln ihrer eingeschlafenen Füße. Das Gähnen entglitt ihr ungewollt laut. Schnell hielt sie sich den Mund zu, als ihr Blick auf die erneut im Schwarz eines Tunnels versinkende Fensterscheibe fiel. Im flackernden Schein der kleinen Deckenlämpchen betrachtete sie die sich im Fenster spiegelnden Silhouetten der Fahrgäste. Ihr gegenüber saß, unter der letzten Ausgabe von Le Monde in sich zusammen gesunken, der ältere Herr. Eine Schachtel Zigaretten war aus der Tasche seines Hosenanzugs gerutscht, seine Füße hatte er bewachend auf einer kleinen Holzkiste abgestellt. Sie war etwa von der Größe eines Schuhkartons und fasste zwei oder drei Flaschen. Sie versuchte, ihn schnarchen zu hören, doch trotz der großen Nase, die sich unter dem Papier abzeichnete, war er ganz still. Neben ihm auf der Bank lag eingerollt der biestige kleine Terriermix, weißbraun gestruppt, dessen Besitzer niemand kannte und den keiner anzufassen, geschweige denn seines Platzes zu verweisen traute. Für einen so kleinen Hund atmete er schwer und weich wie ein Menschenkind. Mit Tilda auf einer Bank saßen der junge Pariser und, den Kopf in seinen Schoß abgelegt, dessen kleine Tochter. Beide hatten dichte braune Locken, gerade bis über die Ohren, aus dem blauen Hemdkragen des Mannes ragten auch ein paar gekräuselte Brusthaare, das Mädchen war über und über in einen wollweißen Strickmantel gehüllt, ab und zu streiften ihre mit rosa Söckchen bekleideten Füße Tildas Oberschenkel. Dann brach der Tunnel auf, dunkelgrün flimmerte der Potsdamer Platz vorbei und obwohl die Durchfahrt des Bahnhofes nur wenige Sekunden dauerte, schien hinter dem Fenster alles in Zeitlupe zu laufen. Tilda nahm ihre große, schwarz gerahmte Brille ab und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Druckstellen auf der Nase. Eine verschlafene französische Stimme kündigte die baldige Endstation an, Tilda fischte nach ihrem roten Walkmantel, der während der Nacht zu Boden gefallen war, polierte die Brillengläser kurz am Revers auf und begann, sich umständlich im sitzen anzuziehen. Aufstehen wollte sie dabei noch nicht, keiner der Passagiere zeigte eine Regung, der reinste Dornröschenschlaf. Sie lehnte vorsichtig ihre Wange an das eiskalte Zugfenster und konnte in ein paar Metern das graue Licht des Hauptbahnhofes näher kommen sehen. In diesem Moment knurrte ihr Magen so laut, dass sie glaubte, alle müssten davon aufwachen. Aber aus dem Augenwinkel konnte sie nur die flackernde Leuchtreklame von McDonalds sehen. Zischend hielt der Zug an. Gleichzeitig wachten alle ihre Mitpassagiere auf, rieben sich synchron die Augen und blickten ungläubig auf die Wand aus Beton, die sich vor dem Fenster aufbaute. Kurz zögerten alle, keiner konnte sich entschließen, aufzustehen. Dann ruckte der Terrier knurrig mit dem Kopf, sprang von der Bank, dass alle anderen zusammen zuckten, schüttelte sich und quetschte sich durch die Abteiltür auf den Gang, auf dem sich auch andere Fahrgäste drängelten. Vor dem Fenster tauchten nun Leute auf, die mit ihren Blicken von außen den Zug durchsuchten. Tilda spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte und sie es kaum schaffte, den schweren Koffer von der Hutablage zu heben. Mit beiden Händen hievte sie das Monstrum hinab auf den Boden des inzwischen bis auf sie leeren Abteils, sah kurz noch einmal aus dem Fenster –  und da stand eine junge Frau mit kurzem schwarzem Haar, in etwas gehüllt, das aussah wie eine Steppdecke aus den Anden, mit bunten Fingernägeln und riesigen Ohrringen. Erst erkannte Tilda sie nicht. Doch dann sprang sie auf und ab, ruderte wild mit den Armen, streckte die Zunge raus bis ans Kinn. Speichelfäden spannten sich zwischen ihren Eckzähnen auf. Ihre großen Augen kreisten in ihren Höhlen wie bei einer Wahnsinnigen. Tilda holte Luft, packte ihren Koffer fest, fuhr die Ellbogen aus und drängte sich zwischen den anderen Passagieren Richtung Ausgang.