Löcher im Boden

Sie sagt nie viel, wenn ich sie vom Bahnhof abhole, mit ihrem riesigen Rucksack voll Dreckwäsche und Geschenken. Schon gar nicht am Stück. Und ich weiß, dass ihr Tag schon lang ist. Bis morgens um 4 Uhr im Schnittraum: übermüdet Dialoge setzen für Telenovelas, die sie verachtet. Das heimliche Rauchen am offenen Kellerfenster des Senders hat sie inzwischen perfektioniert. Das weiß ich nicht von ihr, sondern von Niklas, der sie dort reingebracht hat. Ich weiß, dass sie Niklas nicht so sehr liebt. Wenn sie es sich aussuchen könnte, wäre sie einfach selbst gern ein Niklas – weiß und männlich und mit Professorenvater und Medienmutter. Ideale Voraussetzungen für all die tausend Dinge, die sie schon machen wollte in den letzten drei Jahren. Am Anfang war sie noch recht hilflos, jetzt ist sie gut, selbstsicher und händisch. Jetzt, mit dem Blick auf ihren geflickten Rucksack sehe ich, dass sie sich auch das Nähen beigebracht hat, sicher mit Youtube-Videos. Die wenigen Male im Jahr, die wir uns sehen, versuche ich, alles aufzunehmen, alles von ihr zu lesen, was ich zu Gesicht bekomme. Ich denke jeden Tag an sie. Ich stelle sie mir im Büro vor. Das Aufsehen von der Monitorwand, den Kopf drehen, stöhnen weil der Nacken kracht, rundherum alle tief in ihre Bildschirme versunken, und der Blick zur Seite in die Fensterscheibe. Im Spiegel – weil es schon seit dem Mittagessen wieder dunkel ist – unter dem weißen Bürolicht, der Raum voller Menschen. Jeder ein bisschen anders, jung und alt, modisch oder bei Esprit eingekleidet, viele Kapuzenpullover. Die Beine überschlagen oder im Schneidersitz, die Rücken tief ins Hohlkreuz gefallen oder kerzengerade, mit gefalteten Händen vor trockenem Mund oder um leere Tassen gewickelt, alle ganz unbewegt. Das eigene Gesicht, das aus der Scheibe auf sie zurückschaut, stört in der Illusion der Beobachtung. Als sanfte Patina liegt unter allem das engmaschige Bürogebäude von Gegenüber, aller Wahrscheinlichkeit nach eine Werbeagentur.

Ich weiß, dass sie nicht gern an Weihnachten nach Hause kommt. Es ist mehr wegen der gesetzlichen Feiertage, schließlich sind wir keine Christen und um einfach aus Jux die Stühle mit riesigen Weihnachtsmannmützen zu überziehen und Nüsse zu knacken, die man geschält für den gleichen Preis kaufen kann, fehlt uns die Beliebigkeit. Auch wenn sie mir diese gern unterstellt. Beliebigkeit besonders, was das Fernsehen betrifft, das die Stille des hohlen, leeren Hauses füllt. Um diese Jahreszeit sind es vor allem Komiker, die in so starken Dialekten sprechen, dass ich das Deutsch darin bis heute kaum finden kann, ganz egal, wie lange ich es lerne. Sie sitzt auf dem Sofa neben mir und ich weiß, in ihr brodelt es. Sie raucht hier zu Hause mehr als da, wo sie jetzt wohnt, vor allem, weil ihr das einen Gang auf die dunkle Terrasse ermöglicht, und sie ein paar Minuten in Birkenstocks im Schnee stehen kann, und nur der Nachbarskater vertraute Achten um ihre schmalen, schönen Fesseln streicht. Einen ähnlich zufriedenen Ausdruck im Gesicht entlocken ihr nur die kräftigen, knarzenden Sprünge auf dem Trampolin im Garten, auch das am besten nach Sonnenuntergang. Immer dabei der Wind, der vom bewaldeten Berg her pfeift, sich anfühlt wie Böen auf See und einem unter die Kleider fährt, als höbe man jeden Moment ab, flöge hoch und weit fort. Der Teenager in ihr ist keinen Tag älter. Ich frage mich, ob sie im Spiegel sieht, was ich in ihr sehe: die verschlossene Tür, im Gesicht für Jedermann zunächst das Lachen, die Cremezähne, die kurzen wilden Locken und die wenigen, feinen Barthaare – angeblich vom Rauchen – um weiche, große, braune Lippen. Die hat sie von mir und die Barthaare vielleicht auch. Die Pudelmütze, die Lammfellweste, die dunklen Augen, die die Welt trinken, das wilde Herz und das große Unglück, das in jeder Ecke lauert. Dass ich auch manchmal auf dem Trampolin springe, heimlich, wenn keiner schaut, meistens morgens gegen vier Uhr, laut und quietschend in die Stille hinein, verrate ich ihr nicht. Obwohl ich nicht einmal so alt bin, würde sie mir das niemals glauben. Dabei weiß ich, dass sie auch jetzt für meine Schultern noch nicht zu schwer wäre. Ich würde immer noch in die Hocke gehen, sie aufsteigen lassen, die Hände um ihre Knie schließen und sie bis zum Waldrand tragen können, um Pilze zu sammeln oder Pfandflaschen oder Ostereier, die ich zuvor dort versteckt habe (obwohl wir, wie schon bemerkt, keine Christen sind). Aber ich weiß es besser, denn weil ich ihr Vater bin, sind ihre Knie schon seit Jahren tabu. Und daran halte ich mich.

Sie fotografiert mit dem Telefon überblendete Bilder aus dem Familienalbum und kichert: „that one year my dad won the ugliest sweater contest every day“ und dann „barr, ich klebe“ und geht ins Gästezimmer, das früher ihr Zimmer war. Ich rufe noch etwas nach von frischen Handtüchern und der neuen Zahnbürste, doch die Türen fallen zu. Das Lächeln fühlt sich breit und warm auf meinem Gesicht an und ich atme tief in den Bauch und genieße, wie das langsam einsetzende Rauschen des Wassers das Brummen des Kühlschranks übertönt. Das angenehme Wissen darum, dass sie das Make-up abwäscht und das Großstadtflimmern.

Auch in den Lokalnachrichten kann man es jetzt nicht mehr weg reden, sie zeigen den Weihnachtsmarkt. Sie sitzt neben mir auf dem Sofa in einem riesigen weißen Strickpullover und schaut auf ihre kurzen Nägel. Um ihren Hals hängt an einer Lederkette eine kleine Schere aus Messing. Ich weiß, dass sie es bedauert, nie wirklich physisch die dünnen Filmstreifen zwischen ihren Händen geführt und getrennt, geklebt und auf Rollen gespult zu haben. Dass alles digital und die Scheren und Klebestreifen, die Disketten und Lupen nur noch Symbole für reihenweise Binärcode sind. Einen Moment glaube ich, da sitzt ihre Mutter neben mir, aber das würde ich ihr nie sagen. Aus dem Fernseher flackert das Blaulicht bis auf den Wohnzimmerteppich und auf die Hündin, die sich dort grunzend niedergelassen hat. Und dann spüre ich den Blick meiner Tochter, sehe ihre wilden, feuchten Locken um ihr Kindergesicht. Ich weiß, dass sie weiß, dass ich ihre Fragen nicht beantworten kann und ich weiß, dass sie sich genauso fragt, was sie fühlen soll, wie ich, wenn ich weiß, dass sie nicht weit weg von diesem Weihnachtsmarkt war, als es passierte. Rumoren im Bauch, Unsicherheit über die Sicherheit und bei all dem, was in der Heimat unserer Familie passiert, und von dem wir wissen, dass wir nur die Hälfte wissen, die Frage, ob man sich hier, in der Ferne, überhaupt Sorgen machen darf und wenn ja, wo die größte Gefahr liegt – in dem, was wir fürchten, oder in der Furcht der anderen vor uns.

*

Der Mann und der Mops. Er merkt nicht einmal, wie sie an seinen Füßen eingerollt ist und an seinen Zehen kaut, seine Socken aufweicht. Oder schlimmer: vielleicht merkt er es. Stille und Hecheln und das ist vielleicht das perfekte Match. Wie ich sie heute habe kommen sehen, im Hagel-Schnee-Regen am Bahnhof. Einsam gibt’s kein schönes Wetter. Er hat sein Auto verkauft und fährt jetzt überallhin mit dem Bus, völlig verdreht und am besten immer ganz oben und ganz vorne. Er spendiert mir das Ticket. Jetzt sieht er die Dinge, wie ich sie jeden Tag mit fünfzehn sah. Nachts und bei Nässe, wenn die Straßen flirrend die Kleinstadtlichter spiegeln und daliegen wie ein Netz aus Flüssen. Wenn Schneeregenflocken schwerfällig hinabsinken, von Bremsleuchten blutrot gefärbt werden und der pakistanische Teppichladen im Vorbeifahren noch einmal kurz exotisch aussieht. Wenn beim Fokus auf den Vorhang aus Regentropfenbahnen alles draußen zu breitem Lichtduktus verschwimmt und man in der gleichen Einöde wie immer treibt und einen Moment lang auch in Hongkong sein könnte. Im gebogenen Glas der Busfrontscheibe teilen sich die Spiegelbilder, eins trollt sich in die Unsichtbarkeit, das andere zieht sich breit und macht die Gesichter der Mitfahrer erkennbar, ohne dass man sich umdrehen muss –  meistens ist es dieselbe Frau mit sonnengegerbtem Gesicht, falscher Lederjacke und schwerem Cognac-Atem. Ich wusste mal ihren Namen.

Die im Fernsehen haben noch immer den Neunzehnten. Ich sehe die gleichen Bilder des LKWs, die ich einhundert Mal in verschiedene Beiträge geschnitten habe. Ein bisschen mehr Drama wäre nicht schlecht gewesen, ein schräg intoniertes Weihnachtslied oder ein umgefallener Christbaum, Scherben von bunten Kugeln, Engeln, Schaukelpferden, an denen man sich aufschneidet, wenn man nicht ordentlich die Füße hebt. Stattdessen blinkt als Funzel irgendwo im Hintergrund ein Blaulicht, im Vordergrund nur das Schlucken, die Geräusche, die der unbenutzte Mund des müden Polizisten auf der Tonaufnahme macht. Welche Abteilung in der Polizei twittert eigentlich? Macht das der Praktikant? Und warum geht da eigentlich niemand mit einer Kamera hin? Die wirken immer sehr wach und die können sich kurz fassen. Sicher, die Aufnahmen der Handykameras hätte man verwenden können, aber diese zehn flirrenden Pixel, das Bild- und Tonrauschen. Ein cineastischer Alptraum. Wenn der Gong zu den Achtuhrnachrichten erklingt, beginnt der Film für mich. Schließlich schaut in meinem Alter kaum noch jemand aus informellem Interesse zu. Leider kriege die besten Szenen nur ich allein zu sehen. Die Reisen vom Schnittraum aus in die Welt, von Mühlheim an der Ruhr bis in den Amazonas, mache ich allein. Aus den rohen Formen werden in meinen Händen Piktogramme, aus losen Geräuschen Sinfonien. Die weichen, kühlen Kopfhörerkissen lassen einen erst richtig in den Traum versinken. Dann geht es mir eigentlich immer gut. Besser jedenfalls als jetzt hier auf diesem Sofa. Auch, wenn er sich Mühe gibt, alles neu einzurichten. Das schwere Gefühl auf den Schultern, sobald ich das Haus betrete, bleibt unabschüttelbar. Und wenn die Verwandten kommen, wird es nur noch schlimmer. Sie sind alle fein, sie sind gute Leute und haben Lebensfreude, aber wenn sie mich ansehen ist da immer noch der Mitleidsfunken im Blick und die Umarmungen wie ein rohes Holzspielzeug, dass man halten will, und doch hat man Angst, sich einen Splitter einzuziehen. Und dann geht es wieder von vorn los und ich fange die Fotoalben und die Erinnerungen wieder vor 1996 an, mit Ma und ich will es gar nicht wissen. Ich will nicht wissen, ob ich ihr ähnlich sehe, ob es mehr wird oder weniger. Doch man wird einen Teufel tun, mich nicht dran zu erinnern. Manche Dinge ändern sich nie und während ich am Anfang mit Plastikkreiseln spielte, trinke und rauche ich nun dabei. Ich habe keine Angst zu sterben und ich verdränge auch nichts, jedenfalls nicht mehr als jeder das eben tut. Wozu gib es Regie und Schnitt? Sicher nicht, damit am Ende doch alle das komplette Rohmaterial sichten müssen. Ich grinse ein bisschen, ich weiß, wie Niklas die Augen verdrehen, mich entgeistert ansehen würde, dass ich tatsächlich so plump meine Arbeit als Metaphernkomplex missbrauche. Der Idiot. Vielleicht heirate ich ihn irgendwann, und dann schmeiße ich ihm den ganzen Tag Sprichwörter und Bauernregeln um die Ohren und kaufe einen Uli-Stein-Kalender und eine Fußmatte, auf der HOME steht oder noch besser: Welcome und Goodbye. So, gegeneinander an einer Achse gespiegelt. Daraus würde der sich vermutlich noch den Witz machen und sie umdrehen, sodass man beim Ankommen Goodbye an den Kopf geworfen bekommt und erst Welcome dasteht, wenn man wieder geht. Zum Totlachen. Zum Glück ist er nicht mit hier, solche Sachen kommen hier sehr gut an, sehr intellektuell, über so einen Gag spricht man hier noch jahrelang. Die großen Würfe meines Lebens haben hier keinerlei Bedeutung, sobald zwei Arten Stollen aufgetischt werden. Zwischen Sammeltassen hindurch gerufen, wird selbst die Anekdote, wie ich die Nobelpreisträgerin getroffen habe, ganz klein, ist schnell zerkaut in der Backe und runtergeschluckt bevor ihr Geschmack sich entfalten konnte. Phrasen, Sprichwörter und Worthülsen sind hier dann die ganz normale Art, sich auszutauschen, keiner schämt sich beim Gespräch über das Wetter oder beim Cocacolatrinken. Früher hat es mich verrückt gemacht. Jetzt, zur Stippvisite, hat es etwas Beruhigendes. Das ist nicht sehr vorwärtsgerichtet von mir, aber was soll’s, es schaut schließlich keiner zu und bis auf Instagram kommen sowieso bloß Fotos vom Weihnachtsbaum – und vielleicht von diesem dämlich dreinschauenden Mops. Ich starre runter auf das kleine, schrumpelige Wesen zu Pas Füßen und rümpfe die Nase. Der Hund rümpft zurück – oder zumindest sieht er die ganze Zeit so aus, als täte er das. Sie heißt Betty, natürlich ein Mädchen, dass sich da in sein Herz gewanzt hat. Ich beuge mich hinunter, bis ich auf Augenhöhe bin und sie mir ihren miefigen Atem entgegen hechelt. Ich will etwas sagen, da spüre ich die große Schaufelhand meines Vaters, die meine Haare sanft plattdrückt, und sehe hoch zu ihm.

-Du machst das schon.

-Was?

-Na alles. Schau dich an, du hast einen richtigen Job, für den du Geld bekommst-

-Ist leider immer noch die Voraussetzung.

-Du hast eine schöne Wohnung, jedenfalls denke ich das.

-Du könntest ja mal vorbeikommen, aber immer arbeitest du!

-Ich arbeite weniger jetzt, ich könnte kommen. Ich könnte dich nach den Feiertagen nach Hause begleiten.

-…

-Schon gut. Es ist schön, wenn du hier bist. Das reicht.

-Für alles andere hast du ja jetzt meine neue, stinkende Schwester!

-Pscht, sie kann dich hören! Und sobald sie wach ist, müssen wir nochmal Gassi.

-… Machst du dir manchmal Sorgen um mich?

-In den letzten 23 Jahren? Jeden Tag.

-Aber nicht wegen der Weihnachtsmarktsache?

-Ich bin dein Vater, ich brauche keinen Grund.

-Hm.

-Unsere Ängste sind Löcher im Boden, Kuku. Manchmal muss man am Rand stehen und runterschauen, damit man nicht ausrutscht und reinfällt.

 

Es gibt nur wenige Räume

Zuerst gelesen bei books without covers, Oktober 2017

Es gibt nur wenige Räume, die auch leer noch bedrängend eng wirken. Mein altes Ikea-Sofa, ein schmaler Zweisitzer, frisst diese Wohnung mit seiner Klobigkeit fast auf. Sie haben ein helles Spannbettlaken darüber gezogen, vielleicht, damit es sich optisch mehr zurücknimmt. Doch die breiten, grellgrünen Streifen auf dem Polster darunter sind nach wie vor deutlich sichtbar. Wenn man genau hinschaut, erkennt man auch noch die von meinem Kater oder Neffen grob zerkratzten Stellen an der Armlehne. Der Geruch von Teppichkleber hängt in jeder Zimmerecke, die Wände sind glänzend neu und weiß gestrichen, aber die Farbe ist dünn und ich werde das Gefühl nicht los, auch hier irgendein diffuses Muster darunter noch durchscheinen zu sehen. Auch noch vom Boden aus wirkt das Zimmer zu klein, die Wände nur steiler, der Klebergeruch ist hier intensiver.

Ich habe Said auf einem Fest getroffen, einem Tag der offenen Tür seines Flüchtlingsheims. Es gab Bratwürste und Maiskolben vom Grill und im Hof sprühten Grundschulkinder mit Graffitidosen Spongebob und das Batman-Logo auf Jutebeutel. In die eigentlichen Räumlichkeiten ließ man die Gäste allerdings nicht, um eine Störung der Bewohnerprivatsphäre zu vermeiden. Said stammt aus Afghanistan, einem Land, in dem schon Krieg herrschte, als Sherlock Holmes noch beim Strand Magazine, nicht bei der BBC, erschien. And ever since. Weil Said auf diesen Krieg keine Lust hatte und lieber Bücher lesen wollte, lief er mit 15 zum ersten Mal fort, schlug sich im Iran durch mit Arbeit in einer Schuhfabrik. Als mit den Amerikanern kurz so etwas wie Hoffnung kam, kehrte er zurück zu seiner Familie. Doch bei näherer Betrachtung hatte sich im Grunde gar nichts verändert. Seine zweite Flucht wenige Jahre später führte ihn nach Aserbaidschan, er studierte dort. Englisch, um Lehrer zu werden. Es gefiel ihm ganz gut, er fand neue Freunde, aber keine Aufenthaltsgenehmigung. Dann plötzlich in seiner Biografie:

Berlin statt Baku. Ein Zeitsprung und ein Ortssprung vor allem, mit einem Fingerschnipsen, so, wie er es mir erzählt, oder eher nicht erzählt – seitdem vor allem Umzüge. Das kennt man, als Neuberliner zieht es einen doch alle paar Monate in einen anderen Stadtteil. Jetzt wäre es gerade ganz ok, er schliefe mit nur sieben anderen Männern aus Syrien und Afghanistan in einem Zimmer, jeder hätte also eine halbe Ecke für sich. Er lachte über meine großen, runden Augen, zuckte die Schultern. Natürlich hasste er es, aber was tun? Er liest, auch jetzt noch, was er in die Finger bekommt. Er ist kein Fan von Abenteuergeschichten. Die großen Klassiker sind sein Ding. The Great American Novel. Betrachtungen, Reflexionen, Gedankenspiele, Träume. Ich war begeistert von seinen Erzählungen und unendlich motiviert. Das würde eine Geschichte geben, den großen Roman, oder eben einen kleinen über das Leid und die Zustände undsoweiter. Ich versprach, als ich nach ganzen 60 Minuten Gespräch aufstand, bald wieder zu kommen. Erst ein halbes Jahr später hatten wir erneut Kontakt, die Gründe für das Verschieben des Termins waren mannigfaltig und kamen stets von meiner Seite: Zahnarzt, ein Schnupfen, der Besuch meiner Mutter und der Hund einer Freundin, auf den ich aufpassen musste. Irgendwann hatte ich beschlossen, mein durchgesessenes Sofa auszutauschen und weil Said Möbel suchte –  denn er hatte inzwischen ein great place in Reinickendorf zugewiesen bekommen, fuhr er mit dem VW Bus und einem Flüchtlingshelfer par excellence (halblange Haare, Tunnel in den Ohren, nettes Lächeln und kein Deodorant) vor. Mit glänzenden Augen erzählte er, seine Familie, seine Frau und sein Sohn, würden heut Abend anreisen, wir müssten ihn dringend besuchen. Zuvor hatte er nichts von seiner Familie erzählt, bis auf seine Mutter, der er keine Briefe schicken konnte, weil sie nie zu lesen gelernt hatte.

Bis zu Saids Wohnung ist es eine lange Busfahrt. Said lebt dort, wo Plattenbauten neben kleinen Reihenhausschnüren stehen, es noch ein Chinarestaurant gibt und das nächste Autohaus in Sichtweite ist. Nichts erinnert hier mehr an Berlin. Said kommt uns aus dem zweiten Hinterhof schon entgegen und sieht so müde aus, wie ich ihn erinnere. Er trägt Flip Flops aus quietschendem Gummi und grinst breit. Nur kurz nickt er irritiert, als ich ihm gewohnt kräftig die Hand schüttle. In meinem Kopf raunt die tiefe Stimme meiner Mutter etwas von Machokulturen und während wir den klebrigen Linoleumflur hinauf steigen versuche ich, eine Haltung zur Situation zu finden. Saids Frau Seva ist jung. Jung jung. Sie erzählen, dass sie ihren Schulabschuss nicht machen konnte, bevor sie Afghanistan verlassen musste. Es hätte noch ein Jahr gedauert. Der Sohn der beiden, Karim, kann nicht jünger als 6 Jahre sein. Sein Alter ist aber auch schwer einzuschätzen, das Hertha-Shirt sieht an ihm gleichermaßen zu weit und zu kurz aus. Seva gibt meiner Begleitung nicht die Hand, sie lächelt freundlich, doch sieht immer ein bisschen unter unsere Blickachsen, Richtung Boden, scheint erleichtert zu sein, als sie zurück in die Küche huschen kann (noch nie war das Wort huschen so treffend, wie um die Art, wie sie sich bewegt, zu beschreiben). Kurz gehe ich ihr, einem Impuls folgend, nach, aber in der kleinen Pantryküche ist es sehr eng, meine Hüfte zu breit und ich kann mich kaum drehen. Die Männer sitzen drüben schon im Schneidersitz auf dem Boden und da Seva kein Englisch kann und ich kein Wort Persisch, kehre ich betreten ins leer-enge Wohnzimmer zurück.

Einen Moment schaue ich mit Karim Mr. Bean in New York auf dem klapprigen Dell-Laptop, der auf einer Bananenkiste neben dem Sofa steht. Karim grinst mit zwei Reihen voller Zahnlücken zu mir hinüber und keucht aufgeregt vor jeder Pointe, jedem Stolpern, jeder Grimasse Mr. Beans. Wir kichern trotzdem auch hinterher beide noch einmal. Einen Moment lang ist es ziemlich einfach.

Wir essen auf einem Tuch auf dem Boden, es ist wie ein überdachtes Picknick. Seva bringt eine riesige Schüssel gelben Reis mit Rosinen und sie lässt es nicht zu, dass wir ihr helfen. Verlegen schauen wir also zu und machen es den Dreien nach, wie sie mit Händen voll Fladenbrot in das Essen greifen. Es gibt verschiedenste Gemüse in Schälchen, drei Salate, Nüsse und Hühnerteile. Said erzählt von ihrem Umzug und seiner Bewerbung für die Universität, an der ich auch studiere. Sie bieten einen Kurs für Flüchtlinge an, das Thema: Spaces of Migration. Ein Satz über die authentischste Feldforschung, die das Institut für Ethnologie seit ungefähr einem Jahrhundert gesehen hat, liegt mir auf der Zunge. Aber Said ist es, das weiß ich auch, ganz egal, worum es dort geht. Er will nur etwas tun. Denn bisher durfte er das nicht und es gibt kaum etwas Schlimmeres mehr für ihn als noch weiter zu warten. Hin und wieder übersetzt er einzelne Bemerkungen auf Persisch. Seva lächelt verstehend. Ich frage, was sie gern machen möchte. Als Said übersetzt, zieht sie kurz die Stirn kraus, sagt schlicht, sie würde gern Deutsch lernen, und beginnt, abzuräumen. Diesmal darf ihr Sohn ihr helfen. Ich verziehe mich auf den Balkon. Von hier ist das Zimmer nichts als ein halbdurchsichtiger Würfel, mit einem klobigen Möbelstück und zwei Männern, die sich mit zirkelnden Händen unterhalten. Daneben kann ich im nächsten Fenster die winzige Küche erahnen, ein weiteres, kleineres Quadrat, vollgestopft mit noch mehr Quadraten. Ich höre Seva vor sich hin summen. Ich frage mich, wie lange ich hier stehen bleiben kann, ohne verdächtig zu wirken und verfluche es, dass ich nicht rauche.

Als wir gehen, drücke ich Saids Hand erneut sehr fest, Seva lächelt, aber schaut nicht auf. Said bringt uns noch ein Stück in Richtung der U-Bahn-Station, die Busse fahren um diese Zeit nicht mehr. Er war ein bisschen verwirrt von unserem frühen Aufbruch, dass wir nur drei Stunden bleiben ist kurz vor einer Kränkung, deswegen verabschieden wir uns umso herzlicher.

Auf der Rückfahrt in der leeren U-Bahn läuft die Choreographie immer wieder vor meinen Augen ab. Ich erinnere mich an mich selbst und versuche, alle Überzeugungen zusammenzukriegen. Als meine Begleitung sagt „solange sie glücklich sind“, stoße ich scharf Luft durch die Zähne.

Im Facebookchat schreibt Said einige Tage später auf meine Einladung zu uns nach Hause hin:

Thank you 🙂 

We are in a very disorganised situation , I am getting ready for interview in bundesamt, my wife and son got transfared to a new comp . there more strict rules …

But I will try 🙂

 

New York Logbuch #5

Die letzte Septemberwoche in New York brach über mich herein wie ein Platzregen – und das bei so hohen Temperaturen und so wenig Niederschlag!

Während ich ein letztes Mal Seminare Besuche, zwischendurch in den großen Museen abtauche, Live Recordings von Podcasts besuche und immer wieder stundenlang Welcome to Nightvale-Episoden hörend durch die Stadt streife, realisiere ich, dass ich natürlich nicht ansatzweise „durch“ sein werde mit ihr. Aber wer möchte das schon gern?

Jedes Mal, wenn ich am Trump Tower vorbei laufe, demonstrieren da übrigens Leute, Mario Barth.

Wie ein echter New Yorker besuche ich den Comedy Cellar genau einen Abend zu spät (also nicht hier), aber wenigstens geht es Daniel Kehlmann genauso. Doch in die besten Erlebnisse stolpert man hier eben ungeplant, etwa in eine Eröffnungsveranstaltung des New York Film Festivals oder über den rosa (ja, nicht roten) Teppich einer Premiere des New York City Ballet.

Aufgrund der zeitlichen Entfernung, die mit jeder Sekunde, auch im Verfassen dieses Artikels, wächst, beschließe ich jetzt, meine letzten Eindrücke in Listen festzuhalten.

Was ich an New York vermissen werde:

  • Mandelmilch. Anywhere.
  • Die silbern blitzende U-Bahn.
  • Die mitgehörten Dialoge auf der Straße, die klingen wie aus einer Sitcom.
  • Darling genannt werden.
  • Gut Essen, an jeder Ecke.
  • Filmkulissen, auch an jeder Ecke.
  • All die Gegensätze, das Auf und Ab.
  • Warme, knusprige Bagel, dick mit Dill-Frischkäse bestrichen.
  • Die Stimmen von – wirklich – überall. Bis jetzt.
  • Die (wenn auch oberflächliche) Offenheit, Neugier und die sehnsüchtigen Blicke, wenn ich sage, dass ich aus Berlin komme.
  • Das Sich-Verlaufen in den Gängen des Strand Book Store.
  • Die Aussicht beim Fahren mit der Metro über die Manhattan Bridge.

 

Was ich an New York nicht vermissen werde:

  • Das missliche Verhältnis von der Temperatur auf dem Bahnsteig und in der Bahn.
  • Den Gestank.
  • Das Nichtvorhandensein normalen Geschirrs und Bestecks.
  • Das Leitungswasser.
  • Sehr reiche Leute, die sehr arme Leute sehr schlecht behandeln.
  • Plastikbeutel.
  • Oreos in allen Regenbogenfarben.
  • Avocadotoast.
  • Aus Marmor gemeißelte Indianerfiguren (come on, people).
  • Nach meinem Ausweis gefragt werden.
  • Ma’am genannt werden.
  • Klimaanlagen.
  • Klimaanlagen.
  • Klimaanlagen.

 

Hatschi allerseits.

New York Logbuch #4

Nach mehreren Monaten ohne Wochenenden musste er sich nach der endgültigen Abgabe (die physisch nur möglich war dank der lieben Sophie (und nein ich spreche nicht mir selbst, ich bin nur fast ausschließlich mit anderen Sophien befreundet)) der Abschlussarbeit einstellen: Der Kater.

Und so umwickelt mich mit langen dicken Fingern eine eigentümliche Schwere und Müdigkeit, als ich am Donnerstag Morgen in Alex Kapelmans Podcasting Class sitze und mich das Foto von der gedruckten Arbeit erreicht. Binnen Minuten bin ich ummantelt von einer bis 1,5 Schichten unsichtbarer, unangenehm warmer Watte und will eigentlich nur noch ins Bett.

Mein Biorhythmus wird immer seltsamer, ich wache spät auf, frühstücke zur Mittagszeit, wandle durch irgendwelche Teile der Stadt, durch Ausstellungen oder Einkaufspassagen oder ein Musikfestival, lege mich gegen 18 Uhr noch einmal hin und bin danach die halbe Nacht unterwegs. Irgendwie lässt das Freiheitsgefühl noch auf sich warten, bisher liegt mir vor allem die tödliche Donut-Mischung aus Fett und Zucker im Magen und ein Sodbrennen wird gerade zu meinem kleinen, aber sehr hartnäckigen Verehrer. Es ist zwar etwas zurückhaltender als die Typen, die mir hier auf die nackten Beine stieren oder mittelprächtig coole Anmachsprüche bringen, aber dennoch kann ich ihm ebenso wenig Liebe entgegen bringen.

Trotzdem: ich lasse mich nach Möglichkeit nicht beirren und schlendere über die Highline und durch den Meatpacking District (beim Anblick der Schaufenstermoden, die hier neben Metzgereien das Bild bestimmen, erschließt sich mir dann auch plötzlich der Zusammenhang, in dem Lady Gaga damals auf dieses Fleischkleid gekommen sein muss) und abends in ein Off-Kino, um diesen wirklich sehr guten Film zu sehen:

Es dauert zwar eine halbe Stunde, bis die richtige Rolle (naja) eingelegt wird und ich stelle fest, dass ich Oreo’s, egal in welcher Geschmacksrichtung, leider genau so grauenvoll finde, wie auf der anderen Seite vom großen Teich. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass meine Seele mit kühlendem Balsam eingecremt wird und ich mache mir unsympathischer Weise sogar Notizen während des Films. Danach stolpere ich im Greenwich Village, auf der Suche nach einem späten Kaffee (jaja, Decaf, keine Angst) ins Café Reggio, das wie dem gerade gesehenen Film entsprungen scheint und unfassbar verwunschen und schäbig und schön ist. Leider hält der Zauber nur an, bis sich ein sehr dicker, sehr stark riechender und immer mal wieder aus nicht ersichtlichem Grund zitternden Kicheranfällen erliegender Shorts-und-Sandalen-Träger wenige Meter neben mich setzt. Ich verschütte die hälfte meines Kaffees und tunke auch mein Notizbuch kräftig ein. Wie gut, dass es nicht der Laptop war, damit habe ich schon ausreichend Erfahrungen.

Nachts zu spontanen Partys nach Hause zu kommen, auch und besonders, wenn diese von der Nachbarsfamilie über mehrere Generationen direkt vor dem eigenen Fenster gefeiert wird, ist im Übrigen nicht angenehmer geworden. Puertoricanische schlechte House-Musik ist leider am Ende des Tages immer auch trotzdem noch schlechte House-Musik. Ich verschanze mich unsozial und rangle lieber mit der Katze.

In den letzten Tagen beobachte ich dann immer wieder um sechs Stunden verzögert die letzten Sendungen und Berichterstattungen im Vorlauf der Wahl. Ich weiß gar nicht ganz genau, warum ich hier noch so viel Zeit investiere, schließlich sind meine Kreuzchen schon Ende August in einem Briefumschlag auf die Reise gegangen. Aber aus der Ferne nach Deutschland zu schauen hat etwas gespenstisch-unfallhaftes und man kann nicht so richtig weggucken. Als ich heute von der spontanen Demo am Alexanderplatz lese, pitscht es mir ins Herz und ich bereue es ein bisschen, nicht vor Ort zu sein.

Was ich jetzt aus dem Wahlergebnis an Konsequenzen ziehe, so ganz für mich: Meine Pläne, die Freiberuflichkeit als Chance zu nutzen, auch wirklich an Stellen zu helfen, an denen ich helfen kann. Den Leuten, denen ich helfen möchte. Mehrere meiner Freunde sind im letzten Jahr im Zuge der politischen Entwicklung in eine Partei eingetreten. Ich habe andere Pläne. Und die schreibe ich auf Listen.

Genau, wie die übrigen großen Ziele für die letzte Woche New York, die morgen schon anbricht.

New York Logbuch #3

Tief im Masterarbeitsstrudel, der wenig schmackhaft und vor allem recht schwer verdaulich ist, zirkele ich zwei, drei Tage zwischen Bett, Bibliothek und Bagelbob (echt) umher. Das Wetter in New York ist fantastisch und ich zwinge mich, hin und wieder die ganzen Filmkulissen zu bestaunen, die einem hier am Wegesrand entgegen grinsen oder zwinkern oder sich am Hintern kratzen, und den Anblick der heran sausenden silbernen U-Bahn ganz genau abzuspeichern. Glaubt mir ja sonst keiner. Doch an manchen Tagen ist eben irgendwie der Wurm drin und auf der Haut diese ewige fettig-ölige Schicht, ganz egal, wie oft man sein Gesicht wäscht, oder mit viel zu dünnen Papiertüchern drüber scheuert, und es wird auch nur kurzfristig besser, wenn man sich so viele Reese’s Peanut Butter Cups* in den Mund steckt, bis man kaum noch Luft bekommt (auch ohne eine Nussallergie zu haben).

Es gibt irgendwie nur ArbeitArbeitArbeit, man wühlt sich durch die studentischen Menschenmassen und stößt, mitten in der großen amerikanischen Uni, auf einen kafkaesk winzigen und kafkaesk grauen Seminarraum, vollgestellt mit Stühlen und Tischen und einem mit Büchern bepackten Daniel Kehlmann. Der erscheint hier plötzlich derart greifbar, dass man erstmal reflexartig zwei Schritte am Raum vorbei geht, um sich vom Schock zu erholen. Da sitzt eine Handvoll Studenten mit dem Autor der Vermessung der Welt in diesem Literatur- und Linguistik-Institut in Manhattan und lauscht dem unwienerischsten Wiener, es wird gelacht und diskutiert und der Speckfilm von der Haut ist verschwunden und die Schultern sind leicht(er).

Der September stellt sich nicht nur hinsichtlich der vorherrschenden Temperaturen als der ideale Monat heraus – es ist auch der Büchermonat. Nach einer Busfahrt quer durch Brooklyn stolpert man auf dem St. Joseph’s College in die Buchpremiere eines Norwegers, der Schwedisch schreibt und der auf die Nachfrage, welche Komponisten ihn derzeit beschäftigen würden, nur sagen kann, sein Musikgeschmack hätte sich seit seinem zwölften Lebensjahr nicht verändert und im Auto höre er sowieso meist, was die Kinder wollten: Rihanna, Sia. Hauptsache auf -a. Die Signierstunde, für die man gebeten wird, die Widmung vorsorglich auf einen Post-It vor zu kritzeln, damit der Autor sich beim Namen nicht verschreibe, kann man sich dabei dann getrost sparen und lieber noch in die Bar um die Ecke einkehren, wo auch nach 22 Uhr noch Leute mit Laptops sitzen und arbeiten und sich dabei gemeinsam allein betrinken. Für viele sicher der Horror, für mich perfekt. Da kann man dann mit machen und das Fazit für die Abschlussarbeit skizzieren.

Den nächsten Tag gilt es dann, dranzubleiben. Inzwischen habe ich sogar ein Café in der Nähe ausgemacht, welches im Haus – völlig crazy – Porzellanteller und Glasbecher benutzt und nur auf Papier und Plastik zurück greift, wenn jemand tatsächlich etwas auf die Hand möchte. Erleichtert und mich daher und wegen des sympathischen Wifi-Passwortes catsandcake schnell beheimatet fühlend, verbringe ich den ganzen Tag hier (und ja, ich bestelle mehr als einen Kaffee alle vier Stunden, bevor ihr hier los feuilletoniert (Feuilletonisten in den 20ern haben das übrigens, davon bin ich überzeugt, nicht anders gemacht (nur so))).

Gegen sechs Uhr am Abend eine Stunde schlafen, dann am WG-Zimmer-Schreibtisch halbwegs kauernd zubringen bis 3 Uhr morgens. Dann ist die Masterarbeit fertig. Weg damit. Eine Stunde um den Block rennen, sehr laut Musik hören, kalt duschen und in traumlosen Schlaf fallen.

Am nächsten Tag heißt es dann:

Das schönste ist dabei vielleicht die Busfahrt nach New Jersey, bei der man zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, wie sehr IN Amerika man ist. Im Outlet-Center gibt es jede Menge Jeans und Unterhosen, für die man sonst das achtfache bezahlt(e, täte man das tatsächlich), Socken mit Pokémon drauf, das übliche Fastfood und ziemlich schlaffen Salat, dafür aber so gut wie keine Fenster. Als man das Labyrinth glücklich gekauft (könnte aber auch der Zimtschneckenzuckerschock sein) verlässt, ist es auf einmal schon spät am Abend. Wie gut, dass der Apple Store an der 5th Avenue 24 Stunden geöffnet hat. Jep: kurz vor elf, die perfekte Zeit für ein iPhone! Auweia.

Der Pferdegruch, der einem auf dem Gehweg zwischen Wolkenkratzern und Central Park um die Nase weht, beruhigt mich zutiefst. Wann immer man den Kutschen, die dort auf willige Gäste warten, einen etwas zu langen Blick zuwirft, stampfen die Vorgespannten erwartungsvoll und genau ein Mal mit dem Huf, hat etwas von einem leicht autistischen Winken. Ist langweilig aber: Ich mochte Pferde immer. Also, vor allem lieber als Menschen. Für beide Parteien ist es trotzdem besser, wenn ich die U-Bahn nehme.

Am Sonntag stehe ich, nachdem mich der eisig klimatisierte Bus ausgespuckt hat, auf dem Borough Hall Platz, vor mir das unerwartete Ausmaß an Ständen, die zum Brooklyn Book Festival gehören. Hunderte Verlage und Magazine, Autoren und Schreibgruppen und natürlich alle Universitäten bieten Flyer und Kaffee und Gebäck und übrigens auch Bücher feil. Deutlich am meisten gekauft werden: Jutebeutel. Dennoch laufen Menschen ineinander, weil sie beiderseits die Nasen in ihren Neuerwerbungen begraben und sich bereits fest gelesen haben (in den Büchern, weniger in den Beuteln). Es gibt Eis umsonst und jede Menge Lesungen und Diskussionen, dieser eine aus Fight Club liest einen unglaublichen Ajax beim Theater of War, im Treppenhaus eines Uni-Gebäudes renne ich in Karl Ove Knausgard und kann mich für die Lesung bedanken und bei der Signierstunde von Jostein Gaarder nach einem wundervollen Panel, bei dem er genau so war, wie man sich eben Jostein Gaarder wünscht, zu sein, steht einfach niemand an. Sofies Welt scheint in den USA nicht so das Ding zu sein. Zeit, über meinen Vornamen zu schäkern.

Im Nachgang: Auf den Treppen zur Borough Hall sitzen und zuschauen, wie Bücher verpackt und Stände geschlossen werden, Ideen haben und zum Abendessen einfach einen ganzen Brokkoli, because why not?**

*Nicht unterstützt durch Produktplatzierung (schön wär’s).

** Und vor allem, weil ich mich wundere, nicht schon längst Skorbut zu haben…

 

New York Logbuch #2

Diese Woche beginnt, nach dem Labour Day am Montag, an dem ich, jepp, gearbeitet habe anstatt zu baden oder derlei Scherze (allerdings in einem Hipster-Café inkl. Iced Coffee und Bagel, igitt), der Fall Term an den amerikanischen Universitäten.

Das akademische Leben in Amerika ähnelt der Politik hier: es ist bunt und laut und von Apple gesponsert. Dafür ist das Foto auf meinem Ausweis, obwohl direkt am Schalter geschossen, erstaunlich ästhetisch und alles, was mir an Unterlagen gereicht wird, kommt in satt-marmeladigem NYU-Violett daher. Die Möglichkeiten im Vorlesungsverzeichnis sind dann allerdings alles andere als eintönig. Es gibt alles und jeder kann alles machen, immer (jedenfalls, wenn er einen Wartelistenplatz erhält). Die Kurse finden in teilweise labyrinthisch verborgenen, von Klimaanlagen durchpusteten Räumen in ganz Manhattan statt und sind gleichzeitig entspannter, verschulter, intensiver und pragmatischer als deutsche Seminare.Wie viel Platz bei alledem noch für Freiräume ist, muss sich heraus stellen. Dass ich an Kursen teilnehme, ohne Credits zu erhalten, trägt mir wohlwollende Augenbrauenlaolas ein.

Als Textbook für mein Podcast-Seminar brauche ich dann eine Grafic Novel (no kidding) und um den Union Square stellen sich Buchhandlungen im breiten Fächer ihrer Gattung vor:

Die Universitätsbuchhandlung – sehr ordentlich, sehr voll, mit extra Helpdesk und App für überforderte Erstsemester, die noch nie ein Buch gekauft haben. In der zweiten Hälfte des Ladens, in welcher Sweatshirts, Trinkgefäße, Ringblöcke, Schreibutensilien, Powerbanks, Käsemesser und Plüschtiere mit NYU-Druck/-Gravur/-Stickerei feil geboten werden, braucht es so etwas nicht.

Der Straßenstand – nebeneinander aufgereiht finden sich hier zerknödelte Exemplare von großen Klassikern und Stephenie Meyer. Alle gehen vorbei, viele lassen dabei ihre Fingerspitzen verspielt über die Buchrücken streichen wie über ein ziemlich dumpfes Xylophon, aber niemand kauft. Zunehmend das Gefühl, dass diese Stände hier mehr zu Dekorationszwecken stehen und vielleicht, um vom universitätseigenen Starbucks abzulenken.

The Strand – hier findet sich am ehesten noch die verborgene Magie der Literatur und ein bisschen erinnert es erneut an Umberto Eco. Die Plus Size Abteilung ist größer als in jedem Bekleidungsgeschäft. Großformatige Atlanten und Kunstbände, Zeitschriftensammlungen und andere #Folianten stehen den Neuerscheinungen und in Leder gebundenen Exemplaren in keiner Weise an Sexiness nach. Die Jutebeutel mit I AM SECRETLY JUDGING YOUR GRAMMAR und MAKE AMERICA READ AGAIN Aufschriften sind vielleicht ein wenig viel. Aber wer hier einen bestimmten Titel sucht, der darf dem Buchhändler dann wie im Zauberwald einige Minuten hinterher gehen und staunen und dann sehr wenig zahlen.

Barnes and Noble – gegenüber dem Biosuperdupermarkt am Union Square erhebt sich der Flagship Store der glatt polierten (Perlen-)Kette, die steril riecht und gut gemeint ist, aber die man doch eigentlich nur betritt, wenn die anderen Seminarteilnehmer das gewünschte Buch im Strand schon weg gekauft haben.

Gearbeitet wird auch hier in der Bibliothek. Man schaut dabei nur eben auf den nachgebauten Triumphbogen im Washington Square Park und auf die Wolkenkratzer und sobald man das gewünschte Ziel erreicht hat und sich aus der ACC-Frosthölle verabschieden kann, belohnt man sich, indem man im Universitätsviertel eine Pizza essen geht. Und ja, Pizza essen gehen war nie wortwörtlicher gemeint. Denn im Abstand von 800 Metern kann man sich von einem Einzelstück für einen Dollar zum nächsten hinfort spazieren, bis man satt ist (oder es Zeit für’s Dessert wird). Das machen sogar echte New Yorker so, die es wirklich gibt und die man unter anderem daran erkennt, dass sie die Ramones im CBGB’s live gesehen haben und nicht wie ich nur zum heute leer stehenden Club pilgern und ein Shirt dazu im Forever21 (auweia) erstehen müssen.

Wenn man Glück hat und gerade, während man den ameisenhaufigen Times Square überquert, Podcasts hört, in denen Hazel Brugger einem The Book of Mormon ans Herz legt und man nicht zu groß für die Plätze mit limited leg room ist, dann kann man es sich noch am selben Abend neben einem älteren chinesischen Ehepaar bequem machen und zum ersten Mal ein richtiges Musical sehen. Und sich dann fragen, ob die Attacken in Hamburg, egal ob mit Steinen oder mit Schlagstöcken, nicht eigentlich gegen die Musical-Insel hätten gerichtet werden sollen.

Und wenn man dann ungläubig vom Broadway nach Hause fährt und sich auf sein Bett freut, dann ist man eventuell nicht unbedingt positiv überrascht, wenn die Wohnung unerwartet zu einem Electro-Club umfunktioniert wurde, in dem mit den klischeehaften roten Plastikbechern in der Hand 20jährige herumstehen und sich ihre aktuelle Amazon-Wunschliste herunter beten. Und dann merkt man, dass es zwar vielleicht ganz nett ist, nochmal in einer WG zu leben, aber dass es nach den vier Wochen dann wohl auch genug sein wird. Reichlich, um nicht zu sagen.

Und die Oma-Hobbies am nächsten Tag zum Kontrast auszuleben, Bötchen zu fahren und Kuchen zu essen und schläfrig zu werden über einem teuren Cocktail und den Dächern der Stadt, das ist dann genau der richtige Sonntag. Egal wie das klingt.

New York Logbuch #1

Der Flug nach New York inkl. Umstieg in London verläuft geradezu beunruhigend problemlos. Amerika ist groß, plakativ und deshalb meistens leicht zu verstehen und sogar jemand wie ich verläuft sich wenig (ernte bewundernde Blicke übrigens dafür, dass ich in der Lage bin, eine Straßenkarte wieder richtig einzuklappen – und das trotz Metro-Wind und wo ich mit Origami und Basteln im Allgemeinen doch sonst nichts am Hut habe).

 

Als ich gegen 14 Uhr dann vor meinem Haus in Brooklyn stehe, zeigt sich das große ABER. Die Leute in Brooklyn ziehen immer um. Und wenn ich immer sage, meine ich das aus einer Berliner Perspektive, aus der Stadt heraus also, in der man auf keiner Party um ein Gespräch über Mietpreise, Gasausenwandheizungen, Wohnungsbaugenossen-schaften und DreiZimmerKücheBad herum kommt. Jeden Tag steht ein Umzugswagen vor einem anderen Haus in meiner Straße und Jungs und Mädchen in Jogginghosen und sehr kurzen Shorts tragen Möbel hinein oder heraus und werfen unbenutztes Ikea-Küchenzubehör in den Müll, was sich der Nachbar in zwei Tagen vermutlich neu kaufen wird.

 

Lange Rede undsoweiter: In New York wird noch drei Mal mehr umgezogen, als bei uns und gerade sind in meiner Wohnung zwei Leute ausgezogen, zwei neue ein, eine davon temporär als Vormieterin in meinem Zimmer, und alle sind bei der Arbeit irgendwo in Manhattan verstreut. Telefonisch kann ich selbst niemanden erreichen und finde mich schließlich, einfach Leute ansprechend, die aus der Haustür kommen, vier Stunden lang wartend auf dem Sofa des Hausmeisters wieder, der zwar sehr nett ist, allerdings vorwiegend Portugiesisch spricht und mich Baby nennt, was mich nicht so richtig beruhigt. In seiner Wohnung zwitschert fortwährend ein unsichtbarer Vogel.

 

Mir ist der Hinweis meines Vermieters, der Schlüssel sei dann unter dem Pflanzentopf im Fenster deponiert, von vornherein suspekt vorgekommen und: natürlich liegt er dort nicht, als ich mich wagemutig am Sims entlang gehangelt habe. Entschuldigungen der (französischen, for the record) Vormieterin bleiben aus, als sie am Abend nach Hause kommt. Sie räumt das Zimmer innerhalb von vier Minuten und klebt dann an ihrem Telefon, verrät mir nur wiederwillig das Wifi-Passwort, indem sie mir den Nachrichtenverlauf mit dem Vermieter ungefähr drei Sekunden unter die Nase hält. Von da an, mit einem Dach über dem Kopf und einer Dusche zur Verfügung, sieht aber trotzdem alles viel einfacher aus, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt 22 Stunden auf den Beinen bin.

 

Nach einem allgemeinen Schock über die Preise, die ich für Brause und Zahnbürste zahle, und dem obligatorischen Keuchen über die Temperaturunterschiede in der U-Bahn, ist das Leuchten der vielen tausend Käferaugen im Nachthimmel von der Brooklyn Bridge aus betrachtet dann schon irgendwie verrückt und schön und vor Freiheitsgefühl ganz abgelenkt stolperte ich alle drei Sekunden über einen Milennial, der dabei ist, zwölf bis achthundert perfekte Selfies zu schießen. An den Rändern der Brücke packen Straßenverkäufer gerade die geschälten, geschnittenen und dann in Plastiktüten verpackten Mangos ein, die sie tags nicht verkauft haben und im Anschluss wegwerfen. Übrigens: mit dem (ungewöhnlichen) Aufschneiden von Obst bekommt man die Amerikaner, da zahlt man für eine ausgehöhlte und mit dem zermanschten eigenen Fleisch gefüllte Ananas schonmal gern 15 Dollar – immerhin stecken zwei sehr dekorative Strohhalme drinnen!

 

Ansonsten gibt es auf Streetfoodmärkten, die wie alles hier ein bisschen wie Berlin, nur 10 Mal so groß, sind, Verrücktheiten wie (Wachtel-)Spiegeleier am Spieß zu kaufen, die meisten Besucher stehen allerdings an der (organic) Pommesbude an und schauen dann vom Ufer in Brooklyn auf das dunstige Manhattan. Erfrischend wenige lassen anschließend ihre Pommesgabeln liegen. Genauso, wie die Luft überraschend gut ist – außer in meiner WG, in der jedem Atemzug immer diese leichte Gras-Note unterliegt.

 

Und auch wenn einem die nicht enden wollenden Möglichkeiten, sich stilvoll oder nicht und vor allem mit allem aus aller Welt vollzustopfen und einzukleiden, relativ bald ziemlich gruselig vorkommen, macht New York bislang leider ziemlich viel Spaß. So viel Spaß, dass man sich ernsthaft fragt, wie die Leute, die hier leben, überhaupt etwas gebacken bekommen, was nicht rund ist, mit ’nem Loch in der Mitte und Salted Caramel Chocolate Frosting obendrauf.

 

PS: #Waldheidelbeere ist auch hier das Unwort 2017.

 

PPS: