Material 3_16

Zuerst erschienen in: Prolog

 

Material 3/16

 

Manche Tage sind so. Da denkt man: ich kann das nicht. Und das nicht. Und das nicht, und das nicht und das nicht unddasnicht.

 

Nicht aufstehen, nicht abwaschen, nicht Mama anrufen, keine Geburtstagskarten schreiben, fuck die muss ich noch besorgen und die Briefmarken wie viel kosten die nochmal. Nach zwei Stunden überwinde ich mich, Kaffee zu kochen, nach der zweiten Tasse kann ich endlich „Briefmarken“ googeln, wie gut dass man jetzt immer mehr vom Bett aus machen kann, also ohne es verlassen zu müssen, so schaffe ich immer mehr Dinge wieder, für die ich mir früher erstmal hätte die Schuhe anziehen müssen. Das digitale Zeitalter spielt dem Leben mit der Depression in die Hände.

 

Mein Bett das Kissen die Decke die Nachttischlampe der Laptop.

 

Eine Stimme flüstert: „Allerdings, seit du so viele Dinge vom Bett aus machst, kannst du dort nicht mehr schlafen. Das stimmt. Zum schlafen lege ich mich auf den Boden, der ist schön glatt und kalt und manchmal pieksen mich Krümel ins Bein wenn ich mich umdrehe. Und ich spüre die Dehnung in der Halsbeuge, im Nacken, je nachdem, ob ich zum Fenster gucke oder zur Tür. Eines von beiden steht fast immer einen Spalt offen. Mit beiden geschlossen halte ich es nicht lange aus. Manche Tage sind so.

 

Doch langsam lerne ich, mit ihnen umzugehen, doch, wirklich. Und nur noch manchmal passiert mir der Teufelskreis. Dass ich da liege ohne Kraft aber mit vielen Gedanken aber praktisch gelähmt. Und du weißt ich könnte so viel machen und müsste so viel wollen aber ich will nicht und ich kann nicht, ich will keinen Traumjob und keinen perfekten Mann und keine Altbauwohnung mit Kindern und Viehzeug und hohen Regalen voll Bücher. Dann ärger ich mich über mich weil ich unfähig bin, das zu wollen. Was zu wollen.

Beobachtungsprotokoll: Das Paar in der Menge

 

Version 1 kann sichtbar sein, sich im Vorbeigehen sachte am Bauch berühren, dann gemeinsam auf der Bank, den Rücken zu allen, Schläfe berührt fast Schläfe, eine grauer als die andere.

 

Version 2 sich nicht anschauen. Immer wissen, wo der andere ist, dennoch. Unter seines- und ihresgleichen bleiben. Verbunden aber durch die unsichtbare Diagonale zwischen ihnen, die stets den Raum und alles darin, die anderen schneidet.

 

Junge Männer mit Bier in der Hand raufen sich in den Haaren, entblößen die Halbglatzen. Die durchschimemrnde rosa Haut am Hinterkopf.  Runde Brillen, als zweites Augenpaar auf die Stirn geklemmt, blitzen der eigentlich entspiegelten Gläser im Licht der Hoflaterne.

 

Hunger nach mehr. Mehr wovon? Leben. Atmen. Trinken Schweigen. Beobachtungen anstellen. Denken. Unter Alkoholeinfluss:  die witzige, wohlige Hitze unterm Scheitel. Der angenehm saure Rachen, die feuchte entspannte Zunge und unsichtbarer Schweiß. Dann: pochende Knie auf spätem leerem Bahnsteig. Der Geruch fremder Leute. Kein Einstieg hier, Einstieg nur da, bitte, bitte lass mich nicht neben dem Stinker sizen.

 

Alles funktioniert besser, wenn ich allein bin. Das war schon immer so, auch als Kind. Wenn ich alleine bin, passieren mir die wildesten Dinge, ich kann mit Bäumen sprechen und die Gedanken der Leute lesen. Am besten funktioniert das mit Kopfhörern in den Ohren. Alles klingt dann gedämpft, wie unter Wasser. Ich kann stundenlang an meinem Fenster sitzen und raus schauen, ich liebe das Gefühl, wie Stück für Stück mein ganzer Körper auskühlt dabei, dass ich die Gänsehaut gar nicht mehr spüren kann, dass sie normal wird, dass sie dazu gehört, dass meine Lippen taub werden und mein Gesicht spannt. Manchmal fühlen sich meine Haare an wie eine Perücke, die mir jemand auf den Kopf geklebt hat, um meine Gedanken einzusperren. Ich denke oft darüber nach, mich aus dem Fenster fallen zu lassen, oder vor eine Bahn zu springen – und sobald meine Füße losgelöst von der Erde wären, würde ich einfach so schweben bleiben, in der Luft, egal wie schlecht sie ist, und dann – ein Zug mit den Armen, ein kräftiger mit den Beinen, einfach schwimmen. Ich könnte das, das weiß ich, aber dann würden die Leute mich ansehen und ich hasse es, wenn sie das tun. Ich brauche den Umhang, der mich unsichtbar macht, als Ersatz hänge ich mir Haare ins Gesicht. Aber das reicht nicht. Ich will weit weg. Wohin? Nirgendwo. Eine Insel ohne Namen in einem Meer, von dem keine Karte weiß. Vielleicht reicht auch ein großer, dunkler, stiller See. Der im Winter gefroren ist. Aber keiner traut sich, auf das Eis zu laufen. Und ich sitze da in der Mitte auf der Insel und habe vielleicht in jede Windrichtung ein Fernglas aufgestellt und schaue sie mir alle an, alle da draußen, wie sie liegen und sitzen und stehen und gehen. Auch dich. Wie du aufwachst, noch im Dunkeln. Mit dem Hund raus gehst. Ich wüsste alles über dich, ohne mit dir sprechen zu müssen, ohne Verabredungen und ohne dir Geschenke machen zu müssen. Ich könnte sehen, was du den ganzen Tag treibst. Wen du triffst und ich wüsste endlich, wen du wie sehr magst und ich wüsste auch, ob du jemals fähig wärst, dich zu verlieben. Und ich würde Bücher schreiben, über dich und die anderen. Und ich würde wahrscheinlich nicht viel Essen, Popcorn hin und wieder. Nur süßes, niemals salziges. Bloß nicht salziges. Und schlafen würde ich auch nicht, nur die ganze Nacht im Dunkeln wachen, einfach dasein, flach atmen und der Stille lauschen, in die Schwärze schauen, und genießen, dass da nichts ist, gar nichts was mich abhält, nichts, dass mir ein schlechtes Gewissen macht, dass ich einfach schwebe und schreibe und mehr und mehr meine Haftung los werde, bis ich nie mehr gehen muss, oder stehen oder sitzen oder liegen.

 

Aber so ist es nicht. Und wenn ich an der Kasse stehe und der Kassierer den Brokkoli über das Band schiebt und die Wurst, die ich eigentlich gar nicht mag und den Käse, dann macht mir jedes einzelne Piepen Ohrenschmerzen. Und wenn ich dann blinzle, und vergesse, bloß schön rechtzeitig wieder einen Schritt nach vorn zu machen, damit auch alle aufrücken können, dann sehen sie mich wieder an. Zugleich leer und fragend und verärgert, wie man nur so gedankenlos sein kann! Und ich hasse es, wenn Leute mich ansehen. Ich schaue böse zurück, die meisten schreckt das zum Glück ab. Manchmal werde ich ganz wütend, dass ich in der U-Bahn nicht einfach unter der Decke schweben kann und zuschauen, zuhören, riechen und dann darüber schreiben. Immer stärker habe ich das Gefühl, die Angst, dass man nicht beides tun kann, leben und schreiben. Man müsste sich abspalten könnten, man bräuchte ein Mittel, eine Formel. Man müsste zwei Mal da sein, vielleicht sich klonen und den Klon die ganzen dummen Sachen machen lassen, der könnte die Verwaltung klären, auch die emotionale, dafür sorgen, dass man keinen Geburtstag mehr vergisst und nur noch die richtigen Dinge sagt und vielleicht würde dann auch das Zerren in der Brust endlich aufhören. Und dann, happy end-

 

Mutter sagt nein und schlägt mir auf die Finger

 

Was Vater sagt, das weiß ich nicht

 

denn meinen Vater gibt es nicht

 

Alles ist zu schön. Die Geräusche der festgemachten Gondeln, an deren Bug das Wasser klatscht, gluckst, schwappen im Rhythmus, rausch-klatsch, rausch-klatsch, die Möwenschreie, die milde Feuchtigkeit überall, das Gefühl der glatt geschlurften, von der Nacht noch kühlen Steine unter nackten Füßen. Bei jedem Blick zur Seite: die Wasserstraßen. Backstein, Creme und blauer Dunst, grünliches Wasser darunter. Die Luft ist alt und salzig, hier und da mischt sich der Geruch nach frischem Brot darunter. Das Brot der Italiener ist nicht eben berühmt, doch um diese Uhrzeit riecht es aus jeder Bäckerei verführerisch. An jeder Brücke stehen asiatische Bräute, deren Kleider in exotischen Bögen über die Steinstufen flattern. Zu ihren Füßen jeweils: Ihr Hochzeitsfotograf. Der Golden Retriever, der mit grauer Schnauze müde nach den Tauben schnappt. Große, dunkle Männer breiten falsche Markenhandtaschen, bunt flackernde Plastikspielzeuge und Selfiesticks vor sich auf dem Boden aus. An einer Souvenirbude sortiert eine dicke alte Frau Postkarten. Wir verlassen den touristischen Bezirk, immer weiter, der Park, vollgestellt mit moderner Kunst, liegt schon hinter uns. An einer Ecke kauft er uns zwei Espresso, die gerade den Boden der beiden Pappbecher bedecken. Ich bin vierzehn und habe noch nie Kaffee getrunken. Ich trage ein nachgedrucktes Ramones-Shirt und Kajal auf der Wasserlinie. Venezianer schließen ihre Haustüren ab und gehen zur Arbeit, einer trägt statt Aktentasche eine Plastiktüte von Aldi unter dem Arm. Die Häuser werden schlichter, verfallener und schöner. Als ich die ersten Efeuranken entdecke, möchte ich die Augen verdrehen. Das ist alles ein Witz. Alles zu schön, zu ästhetisch. Genau wie mein Vater. Er ist zu groß, zu gut aussehend, seine Augen strahlen zu blau, sein Haar ist zu dunkel für jemanden über fünfzig. Er trägt keinen peinlichen Leinenanzug, sondern Bluejeans und Shirt, gute Lederschuhe, wie alle Italiener. Und er raucht aus dem Mundwinkel.

 

Heute Abend fühle ich mich unausgeglichen. Mich strengt ein bisschen die fremde Familie an, ich komme nicht zum schreiben, komme nicht zu mir selbst, bräuchte mehr Ruhe und Zeit für mich. Fühle mich heimatlos, unstet gerade, ein bisschen zum heulen. Hab grad sehr den Drang, einen eigenen Weg zu gehen. Sehne mich auch etwas nach zu Hause. Sinnlosigkeit. Tiefempfundene.

 

Alle Traurigkeit der Welt, die mich überrollt, aller Schmerz, das Vermissen. Mir fehlt mein Vater als wär er tot, mir fehlt mein Kind als wär eines da. Mir fehlt die Freiheit, oder der Halt.

 

Der kühle Wind und der schwarze Himmel, in dem alles stecken könnte, das flappen der Sandalen auf leerem Platz, der von Jahrhunderten abgegriffene Marmor unter der Hand, speckig, fast cremig. Die fremden Sprachen im Ohr, der Wind, seine Hand. Ich habe geschenkt und bekommen. Ich lebe, ich plane, ich darf. Zynismus mag witzig sein, doch- Und wenn sie mich belastet zurücklassen, dann schreib ich es auf, bis alles gesagt, das Buch entsteht. Es geht mir so gut und ich bin unglücklich. Die Gespenster der Vergangenheit, der Nebel der Zukunft. Klar schon und doch im Dunst.

 

Weinen ist schön, es bringt mich zum lachen. Ich kann manchmal kaum fassen, dass ich noch lebe. Ich wollte so oft sterben. In der Unklarheit ist man manchmal sicherer. So kann ich mich zum Material machen und all den Schmerz, die Schwere, das Komplizierte, den Ekel, die Angst, die Anziehung, die Sympathie, die Liebe.

à bientôt

Zuerst veröffentlicht in: Nocthene.

 

à bientôt

Als der Zug anfuhr, drückte Tilda ihre Nase an die kalte Fensterscheibe und schnitt eine letzte Grimasse. Draußen stand ihre Familie, allesamt in Anoraks und mit roten Gesichtern. Und während ihre Mutter tonlos zu schimpfen begann und ihr Vater amüsiert eine kleine weiße Wolke in die kalte Bahnhofsluft schnaufte, sah sie hinunter zu Vivi, die ihre Augen in den Höhlen kreisen ließ, die Zunge rausstreckte bis ans Kinn – Speichelfäden spannten sich zwischen ihren Eckzähnen auf – und beide Arme wirbeln ließ wie eine Wahnsinnige. Prustend wich Tilda zurück, wischte sich über Mund und Augen und als sie aufsah, war sie bereits im Tunnel und im schwarzen Fenster nur noch ihr eigenes Gesicht. Tilda klappte den Mund zu und lehnte den Kopf seitlich an ihren Sitz, betrachtete auf dem Glas, wie der unterirdische Teil des Potsdamer Platzes an ihrem bis auf sie leeren Zugabteil vorbei glitt. Es war praktisch noch mitten am Tag gewesen, als sie ihren schweren Koffer die enge Wendeltreppe hinab zur Haustür bugsiert hatte, doch der Himmel, der schließlich am Südkreuz hinter den grauen Betonklötzen vorlugte, war bereits rosa und orange, Neukölln auf romantisch. Besonders gut kannte Tilda sich in Berlin nicht aus, nur an den Wochenenden war sie manchmal mit einer Freundin, oder – seit Vivi ihre Pferdeposter von den Wänden gerissen hatte – mit ihrer kleinen Schwester Richtung Alexanderplatz gefahren. Zur Schule gegangen war sie in ..in, einem kleinen Ort in Brandenburg, 37 Autominuten von ihrem Heimatdorf ..ow entfernt, von dem aus sie acht Jahre lang Wanderungen in die Mark unternommen hatten und wenn das Wetter es nicht zugelassen hatte, Beschreibungen ebensolcher Wanderungen zu lesen bekamen. Tilda war die erste in ihrer Familie, die das Abitur geschafft hatte. Nicht, dass das ihre Absicht gewesen wäre – es hatte sich eher so ergeben. Sie hatte nie überdurchschnittlich viel gesagt, gelernt oder gelesen. In der Siebten hatte ihre Klassenlehrerin in der Gesamtschule voller Stolz an die Tafel geschrieben: Drei aus Zehn. Dass Tilda zu den Dreien gehörte, die am Ende bestanden hatten, kam ihr an manchen Tagen danach nur wie ein übler Zufall vor, ein Privileg, dass ihr unter magischen Umständen zu orakelt worden war. Aus irgendwelchen Gründen hatte sie nun jedenfalls eine Hochschulzugangsberechtigung. Und weil sie noch nicht wusste, wie mit diesem neu erworbenen Recht in ihrem Fall am klügsten umzugehen war, tat sie das, was der Beratungslehrer gesagt hatte: Fahr erstmal weg, Tilda. Komm raus. Schau dich um.

Draußen zogen Kleingärten vorbei, voller Holzhütten, bunter Fähnchen und weißer Plastikstühle. Der Sonnenuntergang brannte in ihren Augen und ihre Lider waren plötzlich schwer. Von der leeren Bank gegenüber fischte sie mit einem Griff ihrer Füße den Fahrplan. Endstation: Paris Gare du Nord. An Endstationen weckten sie alle übrigen Gäste auf, wie Tilda wusste. Beruhigt streifte sie die Schuhe ab, schob die Kopfhörer so weit in die Ohren, bis nur noch dumpfes Rauschen übrig war, kauerte sich ein wenig auf dem Sitz zusammen und warf sich den raschelnden türkisen Anorak über die Knie.

Das quietschende Bremsgeräusch, als der Zug in den Tunnel fuhr, weckte Tilda am Morgen. Die ganze Fahrt musste sie geschlafen haben. Erst jetzt bemerkte sie den stechenden Schmerz in ihrer Schulter und das taube Kribbeln ihrer eingeschlafenen Füße. Das Gähnen entglitt ihr ungewollt laut. Schnell hielt sie sich den Mund zu, als ihr Blick auf die erneut im Schwarz eines Tunnels versinkende Fensterscheibe fiel. Im flackernden Schein der kleinen Deckenlämpchen betrachtete sie die sich im Fenster spiegelnden Silhouetten der Fahrgäste. Ihr gegenüber saß, unter der letzten Ausgabe von Le Monde in sich zusammen gesunken, der ältere Herr. Eine Schachtel Zigaretten war aus der Tasche seines Hosenanzugs gerutscht, seine Füße hatte er bewachend auf einer kleinen Holzkiste abgestellt. Sie war etwa von der Größe eines Schuhkartons und fasste zwei oder drei Flaschen. Sie versuchte, ihn schnarchen zu hören, doch trotz der großen Nase, die sich unter dem Papier abzeichnete, war er ganz still. Neben ihm auf der Bank lag eingerollt der biestige kleine Terriermix, weißbraun gestruppt, dessen Besitzer niemand kannte und den keiner anzufassen, geschweige denn seines Platzes zu verweisen traute. Für einen so kleinen Hund atmete er schwer und weich wie ein Menschenkind. Mit Tilda auf einer Bank saßen der junge Pariser und, den Kopf in seinen Schoß abgelegt, dessen kleine Tochter. Beide hatten dichte braune Locken, gerade bis über die Ohren, aus dem blauen Hemdkragen des Mannes ragten auch ein paar gekräuselte Brusthaare, das Mädchen war über und über in einen wollweißen Strickmantel gehüllt, ab und zu streiften ihre mit rosa Söckchen bekleideten Füße Tildas Oberschenkel. Dann brach der Tunnel auf, dunkelgrün flimmerte der Potsdamer Platz vorbei und obwohl die Durchfahrt des Bahnhofes nur wenige Sekunden dauerte, schien hinter dem Fenster alles in Zeitlupe zu laufen. Tilda nahm ihre große, schwarz gerahmte Brille ab und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Druckstellen auf der Nase. Eine verschlafene französische Stimme kündigte die baldige Endstation an, Tilda fischte nach ihrem roten Walkmantel, der während der Nacht zu Boden gefallen war, polierte die Brillengläser kurz am Revers auf und begann, sich umständlich im sitzen anzuziehen. Aufstehen wollte sie dabei noch nicht, keiner der Passagiere zeigte eine Regung, der reinste Dornröschenschlaf. Sie lehnte vorsichtig ihre Wange an das eiskalte Zugfenster und konnte in ein paar Metern das graue Licht des Hauptbahnhofes näher kommen sehen. In diesem Moment knurrte ihr Magen so laut, dass sie glaubte, alle müssten davon aufwachen. Aber aus dem Augenwinkel konnte sie nur die flackernde Leuchtreklame von McDonalds sehen. Zischend hielt der Zug an. Gleichzeitig wachten alle ihre Mitpassagiere auf, rieben sich synchron die Augen und blickten ungläubig auf die Wand aus Beton, die sich vor dem Fenster aufbaute. Kurz zögerten alle, keiner konnte sich entschließen, aufzustehen. Dann ruckte der Terrier knurrig mit dem Kopf, sprang von der Bank, dass alle anderen zusammen zuckten, schüttelte sich und quetschte sich durch die Abteiltür auf den Gang, auf dem sich auch andere Fahrgäste drängelten. Vor dem Fenster tauchten nun Leute auf, die mit ihren Blicken von außen den Zug durchsuchten. Tilda spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte und sie es kaum schaffte, den schweren Koffer von der Hutablage zu heben. Mit beiden Händen hievte sie das Monstrum hinab auf den Boden des inzwischen bis auf sie leeren Abteils, sah kurz noch einmal aus dem Fenster –  und da stand eine junge Frau mit kurzem schwarzem Haar, in etwas gehüllt, das aussah wie eine Steppdecke aus den Anden, mit bunten Fingernägeln und riesigen Ohrringen. Erst erkannte Tilda sie nicht. Doch dann sprang sie auf und ab, ruderte wild mit den Armen, streckte die Zunge raus bis ans Kinn. Speichelfäden spannten sich zwischen ihren Eckzähnen auf. Ihre großen Augen kreisten in ihren Höhlen wie bei einer Wahnsinnigen. Tilda holte Luft, packte ihren Koffer fest, fuhr die Ellbogen aus und drängte sich zwischen den anderen Passagieren Richtung Ausgang.