Gretchen & Henriette

Ich bin ein Deutschlehrerkind. Meine Familie war nie besonders reich, aber auch nie wirklich arm und ich durfte aufwachsen in einer Wohnung voller Bücherwände. Gefüllte Bücherregale, aus denen man sich frei bedienen kann, sind eines der besten Geschenke für Kinder wie mich, die sich grundsätzlich und ganz intuitiv gegen Melodica und Badekappen  verweigern und am liebsten allein sind.

Meine großen Helden, klar, waren vor allem Abenteurer. Die verrückten Wissenschaftler, die niemand verstand, die unberechenbaren, heimtückischen Piraten, die jungen Zauberer und Kinder des Dschungels. Hauptsache Außenseiter, Hauptsache anders.

Erst nach und nach wurde mir klar, dass es solche Helden auch im Alltag gab, dass Kriminalfälle hinter jeder Litfaßsäule lauern und Klassenzimmer fliegen konnten, wenn man nur wollte. Dass in vielen ganz banalen Dingen großes stecken konnte und nur darauf wartete, ausgedacht zu werden und dass es nicht einmal immer ein fremdes Kind brauchte, einen bunten Hund, der besonders toll und anders und rothaarig war und den ewig lieblich-bürgerlichen Alltag aufmischte, oder gleich einen Märchenwald mit gespaltenem Felsen und Frühlingsschrei.

Trotzdem hätte ich mir Christine Nöstlingers beste Bücher wahrscheinlich nicht selbst ausgesucht. Zum Glück war ich ein Deutschlehrerkind und meine Mutter hielt mir an einem Nachmittag, nachdem der Anime-Block auf RTL II vorbei war, beharrlich Gretchen Sackmeier  unter die Nase.

Das breite Wienerisch, die vielen Fremdwörter (Ribiseln et.al.), die quietschbunten Cover und der sensationell hässliche Name Sackmeier – Gretchens Familie wird von den Nachbarn gern die Säcke gerufen – das alles hätte mich ganz leicht fern halten können. Doch es gab schon in den ersten Sätzen dieses sehr gelben Buches einen Moment, den ich bis heute niemals vergessen habe, weil ich ihn schon sehr gut kannte, bevor ich ihn hier wieder las:

Dicksein ist, wie vieles andere im Leben auch, eine ziemlich relative Angelegenheit. Im Turnunterricht zwischen der stangendürren Evelyn und der zaundürren Sabine in ihren 36er Gymnastikanzügen kam sich Gretchen entsetzlich fett vor, fetter als ein Kübel Gänseschmalz. Zuhause hingegen fühlte sie sich eher als ranke und schlanke Person.

In Christine Nöstlingers Büchern gibt es keine heilen Welten, die zerstört werden können. Es gibt nur eben Welten, und diese Welten haben oft einen Haufen Sprünge und Risse, sie sind mangelhaft, die Leute fressen und saufen, vor allem die Erwachsenen sind oft ein Problem, weil sie weder mit Kindern, noch Geld, noch sich selbst recht umgehen können. Aber auch die Kinder sind grausam und dabei leider auch noch sehr komisch, dass man gegen seinen Willen lachen muss und aus allen Introspektionen spricht diese Beobachterperspektive, diese tief empfundene Andersartigkeit, ganz ohne Erklärungsbedarf. Das Befremden im Angesicht der Welt. Es wird sich getrennt, es wird gestorben und hin und wieder gibt es auch Funkenmomente. Das alles faszinierte mich so sehr, dass meine Mutter mich irgendwann erwischte, wie ich auf dem Fensterbrett meines Kinderzimmers saß und mir Passagen aus der Villa Henriette selbst laut vorlas.

Räubertöchter und Kapitänstöchter bleiben Töchter. Gretchen und Mariechen sind Heldinnen, die wachsen und erwachsen werden und deshalb Mädchen und Frauen, die es ganz dringend braucht und die ihre Leserinnen nicht mehr verlassen.

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