Strudel

Guten Tag, setz‘ dich doch, es ist schön draußen heute, der Frühling kommt und geht schon mit dem Sommer eingehakt am kleinen Finger.

Leider hilft dir das heute nichts. Denn unter deiner Haut, egal was um dich her passiert, fressen schwarze Löcher sich in dich hinein und dich auf. Du bist wie in einer engen Hülle, einer kneifenden Pelle, einer miesen Sackgasse, die außer dir keiner sieht. Das ist äußerst nervig, und das ist der beste Fall.

Die Spirale dreht sich, solang du atmest, immer weiter und in Kürze kannst du keinem Gedanken mehr über den Weg trauen. Luftanhalten geht nicht lange. Gefühle sind ein klebriger Brei mit fiesen harten Stückchen, der dir schlecht bekommt und der dir fremd ist. Es helfen nur wenige Dinge, ein Gang um den See oder das vollkommene Gefühl, wie sich das zweimal gewundene Haargummi um die Spitze deines kleinen Fingers legt, schützend über dem empfindlichen Nagelbett, und insgesamt hilft immer mehr immer weniger.

Es ist schwer, das dem zu erklären, der es nicht kennt. Es passt nicht in dein Profil und nicht in deine Timeline – ein Wort, von dem ich gerade nochmal überprüfen musste, ob man es noch benutzt, denn ich bin nicht sehr gut informiert. Auch du hast aufgehört, Stati zu aktualisieren und rote Zahlen anzutippen, weil alle flimmernden Bilder und Ideen dich wieder fort reißen, wenn du gerade halbwegs wieder bei dir angekommen warst.

Manchmal ist jeder fremde Erfolg dann ein Stich. Jede Kindheitserinnerung eine Ohrfeige, jeder verdammte mies gelaunte Busfahrer (und davon gibt’s ja so wenige in dieser Stadt) ein weiter Wurf zurück in die verdammte Steinzeit. Oft reicht es auch, einmal zu viel deinen Schlüssel zu vergessen. Schon stehst du vor der beschissenen Tür. Schon bist du heimatlos, weißt nicht wohin. Deine Haut aus Papier, kein Schirm dabei, sicher regnet es jeden Augenblick.

Und neben dem, was dann folgt, der Willenlosigkeit, der Taubheit gegenüber allem, sieht der Frust von gestern schon wieder aus wie ein guter Freund. Ach ja, so ein gepflegter Liebeskummer, das wär‘ jetzt schön. So eine kleine, wohl proportionierte Enttäuschung darüber, dass du schon vor einer Woche alle Osterschokolade aufgegessen hast. Angemessene Bestürzung über eine fürchterliche Nachricht von Leuten auf der Welt, denen es eintausend Mal schlechter geht, als dir.

Tatsächlich beschleunigt der Ärger über diese Strudel sie allerdings nur noch mehr. Denn aus dem Ärger wird Frust und aus dem Frust noch mehr Vakuum zwischen dir und dem Draußen, zwischen dir und der Sonne und den Lösungen. Irgendwann sieht man dann das Licht vor lauter Tunnel nicht mehr.

Mit diesen Strudeln zu leben bedeutet aber, um sie herum zu tanzen, manchmal auf sehr wackeligen Beinen mit ein paar Drehungen zu viel und ab und zu kommst du nicht umhin, einen tiefen Blick in sie hinein zu werfen. Dann kannst du mit ausgestrecktem Finger gern auf all das zeigen, was dich piesackt. Wenn du aber reinfällst und rein fällst:

„Von jetzt bis zum nächsten Morgen denken und nicht weiter“ hat mir ein kluger Mann mal gesagt. Und vielleicht ist, das Fernrohr und die Lupe wegzulegen, die Augen einmal zu, nur blinzeln, etwas, das dann immer erstmal geht. Und dann? Freischwimmen!

Augen zu, Luft anhalten, abstoßen, tauchen, halbblind den vermaledeiten Ring packen. Sobald es geschafft ist, zurück zur Oberfläche jagen, Kopf in den Nacken reißen. Tief Luft holen, keuchen, husten, zittrig und mit roten Augen aus dem Becken klettern.

Zur Belohnung dann Fritten. Mit Ketchup oder Majo, das liegt dann in deiner Hand*. Wenn du unbedingt willst, näh‘ ich dir auch das Abzeichen auf die Badehose.

 

 

* Am besten beides.

 

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