Löcher im Boden

Sie sagt nie viel, wenn ich sie vom Bahnhof abhole, mit ihrem riesigen Rucksack voll Dreckwäsche und Geschenken. Schon gar nicht am Stück. Und ich weiß, dass ihr Tag schon lang ist. Bis morgens um 4 Uhr im Schnittraum: übermüdet Dialoge setzen für Telenovelas, die sie verachtet. Das heimliche Rauchen am offenen Kellerfenster des Senders hat sie inzwischen perfektioniert. Das weiß ich nicht von ihr, sondern von Niklas, der sie dort reingebracht hat. Ich weiß, dass sie Niklas nicht so sehr liebt. Wenn sie es sich aussuchen könnte, wäre sie einfach selbst gern ein Niklas – weiß und männlich und mit Professorenvater und Medienmutter. Ideale Voraussetzungen für all die tausend Dinge, die sie schon machen wollte in den letzten drei Jahren. Am Anfang war sie noch recht hilflos, jetzt ist sie gut, selbstsicher und händisch. Jetzt, mit dem Blick auf ihren geflickten Rucksack sehe ich, dass sie sich auch das Nähen beigebracht hat, sicher mit Youtube-Videos. Die wenigen Male im Jahr, die wir uns sehen, versuche ich, alles aufzunehmen, alles von ihr zu lesen, was ich zu Gesicht bekomme. Ich denke jeden Tag an sie. Ich stelle sie mir im Büro vor. Das Aufsehen von der Monitorwand, den Kopf drehen, stöhnen weil der Nacken kracht, rundherum alle tief in ihre Bildschirme versunken, und der Blick zur Seite in die Fensterscheibe. Im Spiegel – weil es schon seit dem Mittagessen wieder dunkel ist – unter dem weißen Bürolicht, der Raum voller Menschen. Jeder ein bisschen anders, jung und alt, modisch oder bei Esprit eingekleidet, viele Kapuzenpullover. Die Beine überschlagen oder im Schneidersitz, die Rücken tief ins Hohlkreuz gefallen oder kerzengerade, mit gefalteten Händen vor trockenem Mund oder um leere Tassen gewickelt, alle ganz unbewegt. Das eigene Gesicht, das aus der Scheibe auf sie zurückschaut, stört in der Illusion der Beobachtung. Als sanfte Patina liegt unter allem das engmaschige Bürogebäude von Gegenüber, aller Wahrscheinlichkeit nach eine Werbeagentur.

Ich weiß, dass sie nicht gern an Weihnachten nach Hause kommt. Es ist mehr wegen der gesetzlichen Feiertage, schließlich sind wir keine Christen und um einfach aus Jux die Stühle mit riesigen Weihnachtsmannmützen zu überziehen und Nüsse zu knacken, die man geschält für den gleichen Preis kaufen kann, fehlt uns die Beliebigkeit. Auch wenn sie mir diese gern unterstellt. Beliebigkeit besonders, was das Fernsehen betrifft, das die Stille des hohlen, leeren Hauses füllt. Um diese Jahreszeit sind es vor allem Komiker, die in so starken Dialekten sprechen, dass ich das Deutsch darin bis heute kaum finden kann, ganz egal, wie lange ich es lerne. Sie sitzt auf dem Sofa neben mir und ich weiß, in ihr brodelt es. Sie raucht hier zu Hause mehr als da, wo sie jetzt wohnt, vor allem, weil ihr das einen Gang auf die dunkle Terrasse ermöglicht, und sie ein paar Minuten in Birkenstocks im Schnee stehen kann, und nur der Nachbarskater vertraute Achten um ihre schmalen, schönen Fesseln streicht. Einen ähnlich zufriedenen Ausdruck im Gesicht entlocken ihr nur die kräftigen, knarzenden Sprünge auf dem Trampolin im Garten, auch das am besten nach Sonnenuntergang. Immer dabei der Wind, der vom bewaldeten Berg her pfeift, sich anfühlt wie Böen auf See und einem unter die Kleider fährt, als höbe man jeden Moment ab, flöge hoch und weit fort. Der Teenager in ihr ist keinen Tag älter. Ich frage mich, ob sie im Spiegel sieht, was ich in ihr sehe: die verschlossene Tür, im Gesicht für Jedermann zunächst das Lachen, die Cremezähne, die kurzen wilden Locken und die wenigen, feinen Barthaare – angeblich vom Rauchen – um weiche, große, braune Lippen. Die hat sie von mir und die Barthaare vielleicht auch. Die Pudelmütze, die Lammfellweste, die dunklen Augen, die die Welt trinken, das wilde Herz und das große Unglück, das in jeder Ecke lauert. Dass ich auch manchmal auf dem Trampolin springe, heimlich, wenn keiner schaut, meistens morgens gegen vier Uhr, laut und quietschend in die Stille hinein, verrate ich ihr nicht. Obwohl ich nicht einmal so alt bin, würde sie mir das niemals glauben. Dabei weiß ich, dass sie auch jetzt für meine Schultern noch nicht zu schwer wäre. Ich würde immer noch in die Hocke gehen, sie aufsteigen lassen, die Hände um ihre Knie schließen und sie bis zum Waldrand tragen können, um Pilze zu sammeln oder Pfandflaschen oder Ostereier, die ich zuvor dort versteckt habe (obwohl wir, wie schon bemerkt, keine Christen sind). Aber ich weiß es besser, denn weil ich ihr Vater bin, sind ihre Knie schon seit Jahren tabu. Und daran halte ich mich.

Sie fotografiert mit dem Telefon überblendete Bilder aus dem Familienalbum und kichert: „that one year my dad won the ugliest sweater contest every day“ und dann „barr, ich klebe“ und geht ins Gästezimmer, das früher ihr Zimmer war. Ich rufe noch etwas nach von frischen Handtüchern und der neuen Zahnbürste, doch die Türen fallen zu. Das Lächeln fühlt sich breit und warm auf meinem Gesicht an und ich atme tief in den Bauch und genieße, wie das langsam einsetzende Rauschen des Wassers das Brummen des Kühlschranks übertönt. Das angenehme Wissen darum, dass sie das Make-up abwäscht und das Großstadtflimmern.

Auch in den Lokalnachrichten kann man es jetzt nicht mehr weg reden, sie zeigen den Weihnachtsmarkt. Sie sitzt neben mir auf dem Sofa in einem riesigen weißen Strickpullover und schaut auf ihre kurzen Nägel. Um ihren Hals hängt an einer Lederkette eine kleine Schere aus Messing. Ich weiß, dass sie es bedauert, nie wirklich physisch die dünnen Filmstreifen zwischen ihren Händen geführt und getrennt, geklebt und auf Rollen gespult zu haben. Dass alles digital und die Scheren und Klebestreifen, die Disketten und Lupen nur noch Symbole für reihenweise Binärcode sind. Einen Moment glaube ich, da sitzt ihre Mutter neben mir, aber das würde ich ihr nie sagen. Aus dem Fernseher flackert das Blaulicht bis auf den Wohnzimmerteppich und auf die Hündin, die sich dort grunzend niedergelassen hat. Und dann spüre ich den Blick meiner Tochter, sehe ihre wilden, feuchten Locken um ihr Kindergesicht. Ich weiß, dass sie weiß, dass ich ihre Fragen nicht beantworten kann und ich weiß, dass sie sich genauso fragt, was sie fühlen soll, wie ich, wenn ich weiß, dass sie nicht weit weg von diesem Weihnachtsmarkt war, als es passierte. Rumoren im Bauch, Unsicherheit über die Sicherheit und bei all dem, was in der Heimat unserer Familie passiert, und von dem wir wissen, dass wir nur die Hälfte wissen, die Frage, ob man sich hier, in der Ferne, überhaupt Sorgen machen darf und wenn ja, wo die größte Gefahr liegt – in dem, was wir fürchten, oder in der Furcht der anderen vor uns.

*

Der Mann und der Mops. Er merkt nicht einmal, wie sie an seinen Füßen eingerollt ist und an seinen Zehen kaut, seine Socken aufweicht. Oder schlimmer: vielleicht merkt er es. Stille und Hecheln und das ist vielleicht das perfekte Match. Wie ich sie heute habe kommen sehen, im Hagel-Schnee-Regen am Bahnhof. Einsam gibt’s kein schönes Wetter. Er hat sein Auto verkauft und fährt jetzt überallhin mit dem Bus, völlig verdreht und am besten immer ganz oben und ganz vorne. Er spendiert mir das Ticket. Jetzt sieht er die Dinge, wie ich sie jeden Tag mit fünfzehn sah. Nachts und bei Nässe, wenn die Straßen flirrend die Kleinstadtlichter spiegeln und daliegen wie ein Netz aus Flüssen. Wenn Schneeregenflocken schwerfällig hinabsinken, von Bremsleuchten blutrot gefärbt werden und der pakistanische Teppichladen im Vorbeifahren noch einmal kurz exotisch aussieht. Wenn beim Fokus auf den Vorhang aus Regentropfenbahnen alles draußen zu breitem Lichtduktus verschwimmt und man in der gleichen Einöde wie immer treibt und einen Moment lang auch in Hongkong sein könnte. Im gebogenen Glas der Busfrontscheibe teilen sich die Spiegelbilder, eins trollt sich in die Unsichtbarkeit, das andere zieht sich breit und macht die Gesichter der Mitfahrer erkennbar, ohne dass man sich umdrehen muss –  meistens ist es dieselbe Frau mit sonnengegerbtem Gesicht, falscher Lederjacke und schwerem Cognac-Atem. Ich wusste mal ihren Namen.

Die im Fernsehen haben noch immer den Neunzehnten. Ich sehe die gleichen Bilder des LKWs, die ich einhundert Mal in verschiedene Beiträge geschnitten habe. Ein bisschen mehr Drama wäre nicht schlecht gewesen, ein schräg intoniertes Weihnachtslied oder ein umgefallener Christbaum, Scherben von bunten Kugeln, Engeln, Schaukelpferden, an denen man sich aufschneidet, wenn man nicht ordentlich die Füße hebt. Stattdessen blinkt als Funzel irgendwo im Hintergrund ein Blaulicht, im Vordergrund nur das Schlucken, die Geräusche, die der unbenutzte Mund des müden Polizisten auf der Tonaufnahme macht. Welche Abteilung in der Polizei twittert eigentlich? Macht das der Praktikant? Und warum geht da eigentlich niemand mit einer Kamera hin? Die wirken immer sehr wach und die können sich kurz fassen. Sicher, die Aufnahmen der Handykameras hätte man verwenden können, aber diese zehn flirrenden Pixel, das Bild- und Tonrauschen. Ein cineastischer Alptraum. Wenn der Gong zu den Achtuhrnachrichten erklingt, beginnt der Film für mich. Schließlich schaut in meinem Alter kaum noch jemand aus informellem Interesse zu. Leider kriege die besten Szenen nur ich allein zu sehen. Die Reisen vom Schnittraum aus in die Welt, von Mühlheim an der Ruhr bis in den Amazonas, mache ich allein. Aus den rohen Formen werden in meinen Händen Piktogramme, aus losen Geräuschen Sinfonien. Die weichen, kühlen Kopfhörerkissen lassen einen erst richtig in den Traum versinken. Dann geht es mir eigentlich immer gut. Besser jedenfalls als jetzt hier auf diesem Sofa. Auch, wenn er sich Mühe gibt, alles neu einzurichten. Das schwere Gefühl auf den Schultern, sobald ich das Haus betrete, bleibt unabschüttelbar. Und wenn die Verwandten kommen, wird es nur noch schlimmer. Sie sind alle fein, sie sind gute Leute und haben Lebensfreude, aber wenn sie mich ansehen ist da immer noch der Mitleidsfunken im Blick und die Umarmungen wie ein rohes Holzspielzeug, dass man halten will, und doch hat man Angst, sich einen Splitter einzuziehen. Und dann geht es wieder von vorn los und ich fange die Fotoalben und die Erinnerungen wieder vor 1996 an, mit Ma und ich will es gar nicht wissen. Ich will nicht wissen, ob ich ihr ähnlich sehe, ob es mehr wird oder weniger. Doch man wird einen Teufel tun, mich nicht dran zu erinnern. Manche Dinge ändern sich nie und während ich am Anfang mit Plastikkreiseln spielte, trinke und rauche ich nun dabei. Ich habe keine Angst zu sterben und ich verdränge auch nichts, jedenfalls nicht mehr als jeder das eben tut. Wozu gib es Regie und Schnitt? Sicher nicht, damit am Ende doch alle das komplette Rohmaterial sichten müssen. Ich grinse ein bisschen, ich weiß, wie Niklas die Augen verdrehen, mich entgeistert ansehen würde, dass ich tatsächlich so plump meine Arbeit als Metaphernkomplex missbrauche. Der Idiot. Vielleicht heirate ich ihn irgendwann, und dann schmeiße ich ihm den ganzen Tag Sprichwörter und Bauernregeln um die Ohren und kaufe einen Uli-Stein-Kalender und eine Fußmatte, auf der HOME steht oder noch besser: Welcome und Goodbye. So, gegeneinander an einer Achse gespiegelt. Daraus würde der sich vermutlich noch den Witz machen und sie umdrehen, sodass man beim Ankommen Goodbye an den Kopf geworfen bekommt und erst Welcome dasteht, wenn man wieder geht. Zum Totlachen. Zum Glück ist er nicht mit hier, solche Sachen kommen hier sehr gut an, sehr intellektuell, über so einen Gag spricht man hier noch jahrelang. Die großen Würfe meines Lebens haben hier keinerlei Bedeutung, sobald zwei Arten Stollen aufgetischt werden. Zwischen Sammeltassen hindurch gerufen, wird selbst die Anekdote, wie ich die Nobelpreisträgerin getroffen habe, ganz klein, ist schnell zerkaut in der Backe und runtergeschluckt bevor ihr Geschmack sich entfalten konnte. Phrasen, Sprichwörter und Worthülsen sind hier dann die ganz normale Art, sich auszutauschen, keiner schämt sich beim Gespräch über das Wetter oder beim Cocacolatrinken. Früher hat es mich verrückt gemacht. Jetzt, zur Stippvisite, hat es etwas Beruhigendes. Das ist nicht sehr vorwärtsgerichtet von mir, aber was soll’s, es schaut schließlich keiner zu und bis auf Instagram kommen sowieso bloß Fotos vom Weihnachtsbaum – und vielleicht von diesem dämlich dreinschauenden Mops. Ich starre runter auf das kleine, schrumpelige Wesen zu Pas Füßen und rümpfe die Nase. Der Hund rümpft zurück – oder zumindest sieht er die ganze Zeit so aus, als täte er das. Sie heißt Betty, natürlich ein Mädchen, dass sich da in sein Herz gewanzt hat. Ich beuge mich hinunter, bis ich auf Augenhöhe bin und sie mir ihren miefigen Atem entgegen hechelt. Ich will etwas sagen, da spüre ich die große Schaufelhand meines Vaters, die meine Haare sanft plattdrückt, und sehe hoch zu ihm.

-Du machst das schon.

-Was?

-Na alles. Schau dich an, du hast einen richtigen Job, für den du Geld bekommst-

-Ist leider immer noch die Voraussetzung.

-Du hast eine schöne Wohnung, jedenfalls denke ich das.

-Du könntest ja mal vorbeikommen, aber immer arbeitest du!

-Ich arbeite weniger jetzt, ich könnte kommen. Ich könnte dich nach den Feiertagen nach Hause begleiten.

-…

-Schon gut. Es ist schön, wenn du hier bist. Das reicht.

-Für alles andere hast du ja jetzt meine neue, stinkende Schwester!

-Pscht, sie kann dich hören! Und sobald sie wach ist, müssen wir nochmal Gassi.

-… Machst du dir manchmal Sorgen um mich?

-In den letzten 23 Jahren? Jeden Tag.

-Aber nicht wegen der Weihnachtsmarktsache?

-Ich bin dein Vater, ich brauche keinen Grund.

-Hm.

-Unsere Ängste sind Löcher im Boden, Kuku. Manchmal muss man am Rand stehen und runterschauen, damit man nicht ausrutscht und reinfällt.

 

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