Es gibt nur wenige Räume

Zuerst gelesen bei books without covers, Oktober 2017

Es gibt nur wenige Räume, die auch leer noch bedrängend eng wirken. Mein altes Ikea-Sofa, ein schmaler Zweisitzer, frisst diese Wohnung mit seiner Klobigkeit fast auf. Sie haben ein helles Spannbettlaken darüber gezogen, vielleicht, damit es sich optisch mehr zurücknimmt. Doch die breiten, grellgrünen Streifen auf dem Polster darunter sind nach wie vor deutlich sichtbar. Wenn man genau hinschaut, erkennt man auch noch die von meinem Kater oder Neffen grob zerkratzten Stellen an der Armlehne. Der Geruch von Teppichkleber hängt in jeder Zimmerecke, die Wände sind glänzend neu und weiß gestrichen, aber die Farbe ist dünn und ich werde das Gefühl nicht los, auch hier irgendein diffuses Muster darunter noch durchscheinen zu sehen. Auch noch vom Boden aus wirkt das Zimmer zu klein, die Wände nur steiler, der Klebergeruch ist hier intensiver.

Ich habe Said auf einem Fest getroffen, einem Tag der offenen Tür seines Flüchtlingsheims. Es gab Bratwürste und Maiskolben vom Grill und im Hof sprühten Grundschulkinder mit Graffitidosen Spongebob und das Batman-Logo auf Jutebeutel. In die eigentlichen Räumlichkeiten ließ man die Gäste allerdings nicht, um eine Störung der Bewohnerprivatsphäre zu vermeiden. Said stammt aus Afghanistan, einem Land, in dem schon Krieg herrschte, als Sherlock Holmes noch beim Strand Magazine, nicht bei der BBC, erschien. And ever since. Weil Said auf diesen Krieg keine Lust hatte und lieber Bücher lesen wollte, lief er mit 15 zum ersten Mal fort, schlug sich im Iran durch mit Arbeit in einer Schuhfabrik. Als mit den Amerikanern kurz so etwas wie Hoffnung kam, kehrte er zurück zu seiner Familie. Doch bei näherer Betrachtung hatte sich im Grunde gar nichts verändert. Seine zweite Flucht wenige Jahre später führte ihn nach Aserbaidschan, er studierte dort. Englisch, um Lehrer zu werden. Es gefiel ihm ganz gut, er fand neue Freunde, aber keine Aufenthaltsgenehmigung. Dann plötzlich in seiner Biografie:

Berlin statt Baku. Ein Zeitsprung und ein Ortssprung vor allem, mit einem Fingerschnipsen, so, wie er es mir erzählt, oder eher nicht erzählt – seitdem vor allem Umzüge. Das kennt man, als Neuberliner zieht es einen doch alle paar Monate in einen anderen Stadtteil. Jetzt wäre es gerade ganz ok, er schliefe mit nur sieben anderen Männern aus Syrien und Afghanistan in einem Zimmer, jeder hätte also eine halbe Ecke für sich. Er lachte über meine großen, runden Augen, zuckte die Schultern. Natürlich hasste er es, aber was tun? Er liest, auch jetzt noch, was er in die Finger bekommt. Er ist kein Fan von Abenteuergeschichten. Die großen Klassiker sind sein Ding. The Great American Novel. Betrachtungen, Reflexionen, Gedankenspiele, Träume. Ich war begeistert von seinen Erzählungen und unendlich motiviert. Das würde eine Geschichte geben, den großen Roman, oder eben einen kleinen über das Leid und die Zustände undsoweiter. Ich versprach, als ich nach ganzen 60 Minuten Gespräch aufstand, bald wieder zu kommen. Erst ein halbes Jahr später hatten wir erneut Kontakt, die Gründe für das Verschieben des Termins waren mannigfaltig und kamen stets von meiner Seite: Zahnarzt, ein Schnupfen, der Besuch meiner Mutter und der Hund einer Freundin, auf den ich aufpassen musste. Irgendwann hatte ich beschlossen, mein durchgesessenes Sofa auszutauschen und weil Said Möbel suchte –  denn er hatte inzwischen ein great place in Reinickendorf zugewiesen bekommen, fuhr er mit dem VW Bus und einem Flüchtlingshelfer par excellence (halblange Haare, Tunnel in den Ohren, nettes Lächeln und kein Deodorant) vor. Mit glänzenden Augen erzählte er, seine Familie, seine Frau und sein Sohn, würden heut Abend anreisen, wir müssten ihn dringend besuchen. Zuvor hatte er nichts von seiner Familie erzählt, bis auf seine Mutter, der er keine Briefe schicken konnte, weil sie nie zu lesen gelernt hatte.

Bis zu Saids Wohnung ist es eine lange Busfahrt. Said lebt dort, wo Plattenbauten neben kleinen Reihenhausschnüren stehen, es noch ein Chinarestaurant gibt und das nächste Autohaus in Sichtweite ist. Nichts erinnert hier mehr an Berlin. Said kommt uns aus dem zweiten Hinterhof schon entgegen und sieht so müde aus, wie ich ihn erinnere. Er trägt Flip Flops aus quietschendem Gummi und grinst breit. Nur kurz nickt er irritiert, als ich ihm gewohnt kräftig die Hand schüttle. In meinem Kopf raunt die tiefe Stimme meiner Mutter etwas von Machokulturen und während wir den klebrigen Linoleumflur hinauf steigen versuche ich, eine Haltung zur Situation zu finden. Saids Frau Seva ist jung. Jung jung. Sie erzählen, dass sie ihren Schulabschuss nicht machen konnte, bevor sie Afghanistan verlassen musste. Es hätte noch ein Jahr gedauert. Der Sohn der beiden, Karim, kann nicht jünger als 6 Jahre sein. Sein Alter ist aber auch schwer einzuschätzen, das Hertha-Shirt sieht an ihm gleichermaßen zu weit und zu kurz aus. Seva gibt meiner Begleitung nicht die Hand, sie lächelt freundlich, doch sieht immer ein bisschen unter unsere Blickachsen, Richtung Boden, scheint erleichtert zu sein, als sie zurück in die Küche huschen kann (noch nie war das Wort huschen so treffend, wie um die Art, wie sie sich bewegt, zu beschreiben). Kurz gehe ich ihr, einem Impuls folgend, nach, aber in der kleinen Pantryküche ist es sehr eng, meine Hüfte zu breit und ich kann mich kaum drehen. Die Männer sitzen drüben schon im Schneidersitz auf dem Boden und da Seva kein Englisch kann und ich kein Wort Persisch, kehre ich betreten ins leer-enge Wohnzimmer zurück.

Einen Moment schaue ich mit Karim Mr. Bean in New York auf dem klapprigen Dell-Laptop, der auf einer Bananenkiste neben dem Sofa steht. Karim grinst mit zwei Reihen voller Zahnlücken zu mir hinüber und keucht aufgeregt vor jeder Pointe, jedem Stolpern, jeder Grimasse Mr. Beans. Wir kichern trotzdem auch hinterher beide noch einmal. Einen Moment lang ist es ziemlich einfach.

Wir essen auf einem Tuch auf dem Boden, es ist wie ein überdachtes Picknick. Seva bringt eine riesige Schüssel gelben Reis mit Rosinen und sie lässt es nicht zu, dass wir ihr helfen. Verlegen schauen wir also zu und machen es den Dreien nach, wie sie mit Händen voll Fladenbrot in das Essen greifen. Es gibt verschiedenste Gemüse in Schälchen, drei Salate, Nüsse und Hühnerteile. Said erzählt von ihrem Umzug und seiner Bewerbung für die Universität, an der ich auch studiere. Sie bieten einen Kurs für Flüchtlinge an, das Thema: Spaces of Migration. Ein Satz über die authentischste Feldforschung, die das Institut für Ethnologie seit ungefähr einem Jahrhundert gesehen hat, liegt mir auf der Zunge. Aber Said ist es, das weiß ich auch, ganz egal, worum es dort geht. Er will nur etwas tun. Denn bisher durfte er das nicht und es gibt kaum etwas Schlimmeres mehr für ihn als noch weiter zu warten. Hin und wieder übersetzt er einzelne Bemerkungen auf Persisch. Seva lächelt verstehend. Ich frage, was sie gern machen möchte. Als Said übersetzt, zieht sie kurz die Stirn kraus, sagt schlicht, sie würde gern Deutsch lernen, und beginnt, abzuräumen. Diesmal darf ihr Sohn ihr helfen. Ich verziehe mich auf den Balkon. Von hier ist das Zimmer nichts als ein halbdurchsichtiger Würfel, mit einem klobigen Möbelstück und zwei Männern, die sich mit zirkelnden Händen unterhalten. Daneben kann ich im nächsten Fenster die winzige Küche erahnen, ein weiteres, kleineres Quadrat, vollgestopft mit noch mehr Quadraten. Ich höre Seva vor sich hin summen. Ich frage mich, wie lange ich hier stehen bleiben kann, ohne verdächtig zu wirken und verfluche es, dass ich nicht rauche.

Als wir gehen, drücke ich Saids Hand erneut sehr fest, Seva lächelt, aber schaut nicht auf. Said bringt uns noch ein Stück in Richtung der U-Bahn-Station, die Busse fahren um diese Zeit nicht mehr. Er war ein bisschen verwirrt von unserem frühen Aufbruch, dass wir nur drei Stunden bleiben ist kurz vor einer Kränkung, deswegen verabschieden wir uns umso herzlicher.

Auf der Rückfahrt in der leeren U-Bahn läuft die Choreographie immer wieder vor meinen Augen ab. Ich erinnere mich an mich selbst und versuche, alle Überzeugungen zusammenzukriegen. Als meine Begleitung sagt „solange sie glücklich sind“, stoße ich scharf Luft durch die Zähne.

Im Facebookchat schreibt Said einige Tage später auf meine Einladung zu uns nach Hause hin:

Thank you 🙂 

We are in a very disorganised situation , I am getting ready for interview in bundesamt, my wife and son got transfared to a new comp . there more strict rules …

But I will try 🙂

 

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