New York Logbuch #3

Tief im Masterarbeitsstrudel, der wenig schmackhaft und vor allem recht schwer verdaulich ist, zirkele ich zwei, drei Tage zwischen Bett, Bibliothek und Bagelbob (echt) umher. Das Wetter in New York ist fantastisch und ich zwinge mich, hin und wieder die ganzen Filmkulissen zu bestaunen, die einem hier am Wegesrand entgegen grinsen oder zwinkern oder sich am Hintern kratzen, und den Anblick der heran sausenden silbernen U-Bahn ganz genau abzuspeichern. Glaubt mir ja sonst keiner. Doch an manchen Tagen ist eben irgendwie der Wurm drin und auf der Haut diese ewige fettig-ölige Schicht, ganz egal, wie oft man sein Gesicht wäscht, oder mit viel zu dünnen Papiertüchern drüber scheuert, und es wird auch nur kurzfristig besser, wenn man sich so viele Reese’s Peanut Butter Cups* in den Mund steckt, bis man kaum noch Luft bekommt (auch ohne eine Nussallergie zu haben).

Es gibt irgendwie nur ArbeitArbeitArbeit, man wühlt sich durch die studentischen Menschenmassen und stößt, mitten in der großen amerikanischen Uni, auf einen kafkaesk winzigen und kafkaesk grauen Seminarraum, vollgestellt mit Stühlen und Tischen und einem mit Büchern bepackten Daniel Kehlmann. Der erscheint hier plötzlich derart greifbar, dass man erstmal reflexartig zwei Schritte am Raum vorbei geht, um sich vom Schock zu erholen. Da sitzt eine Handvoll Studenten mit dem Autor der Vermessung der Welt in diesem Literatur- und Linguistik-Institut in Manhattan und lauscht dem unwienerischsten Wiener, es wird gelacht und diskutiert und der Speckfilm von der Haut ist verschwunden und die Schultern sind leicht(er).

Der September stellt sich nicht nur hinsichtlich der vorherrschenden Temperaturen als der ideale Monat heraus – es ist auch der Büchermonat. Nach einer Busfahrt quer durch Brooklyn stolpert man auf dem St. Joseph’s College in die Buchpremiere eines Norwegers, der Schwedisch schreibt und der auf die Nachfrage, welche Komponisten ihn derzeit beschäftigen würden, nur sagen kann, sein Musikgeschmack hätte sich seit seinem zwölften Lebensjahr nicht verändert und im Auto höre er sowieso meist, was die Kinder wollten: Rihanna, Sia. Hauptsache auf -a. Die Signierstunde, für die man gebeten wird, die Widmung vorsorglich auf einen Post-It vor zu kritzeln, damit der Autor sich beim Namen nicht verschreibe, kann man sich dabei dann getrost sparen und lieber noch in die Bar um die Ecke einkehren, wo auch nach 22 Uhr noch Leute mit Laptops sitzen und arbeiten und sich dabei gemeinsam allein betrinken. Für viele sicher der Horror, für mich perfekt. Da kann man dann mit machen und das Fazit für die Abschlussarbeit skizzieren.

Den nächsten Tag gilt es dann, dranzubleiben. Inzwischen habe ich sogar ein Café in der Nähe ausgemacht, welches im Haus – völlig crazy – Porzellanteller und Glasbecher benutzt und nur auf Papier und Plastik zurück greift, wenn jemand tatsächlich etwas auf die Hand möchte. Erleichtert und mich daher und wegen des sympathischen Wifi-Passwortes catsandcake schnell beheimatet fühlend, verbringe ich den ganzen Tag hier (und ja, ich bestelle mehr als einen Kaffee alle vier Stunden, bevor ihr hier los feuilletoniert (Feuilletonisten in den 20ern haben das übrigens, davon bin ich überzeugt, nicht anders gemacht (nur so))).

Gegen sechs Uhr am Abend eine Stunde schlafen, dann am WG-Zimmer-Schreibtisch halbwegs kauernd zubringen bis 3 Uhr morgens. Dann ist die Masterarbeit fertig. Weg damit. Eine Stunde um den Block rennen, sehr laut Musik hören, kalt duschen und in traumlosen Schlaf fallen.

Am nächsten Tag heißt es dann:

Das schönste ist dabei vielleicht die Busfahrt nach New Jersey, bei der man zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, wie sehr IN Amerika man ist. Im Outlet-Center gibt es jede Menge Jeans und Unterhosen, für die man sonst das achtfache bezahlt(e, täte man das tatsächlich), Socken mit Pokémon drauf, das übliche Fastfood und ziemlich schlaffen Salat, dafür aber so gut wie keine Fenster. Als man das Labyrinth glücklich gekauft (könnte aber auch der Zimtschneckenzuckerschock sein) verlässt, ist es auf einmal schon spät am Abend. Wie gut, dass der Apple Store an der 5th Avenue 24 Stunden geöffnet hat. Jep: kurz vor elf, die perfekte Zeit für ein iPhone! Auweia.

Der Pferdegruch, der einem auf dem Gehweg zwischen Wolkenkratzern und Central Park um die Nase weht, beruhigt mich zutiefst. Wann immer man den Kutschen, die dort auf willige Gäste warten, einen etwas zu langen Blick zuwirft, stampfen die Vorgespannten erwartungsvoll und genau ein Mal mit dem Huf, hat etwas von einem leicht autistischen Winken. Ist langweilig aber: Ich mochte Pferde immer. Also, vor allem lieber als Menschen. Für beide Parteien ist es trotzdem besser, wenn ich die U-Bahn nehme.

Am Sonntag stehe ich, nachdem mich der eisig klimatisierte Bus ausgespuckt hat, auf dem Borough Hall Platz, vor mir das unerwartete Ausmaß an Ständen, die zum Brooklyn Book Festival gehören. Hunderte Verlage und Magazine, Autoren und Schreibgruppen und natürlich alle Universitäten bieten Flyer und Kaffee und Gebäck und übrigens auch Bücher feil. Deutlich am meisten gekauft werden: Jutebeutel. Dennoch laufen Menschen ineinander, weil sie beiderseits die Nasen in ihren Neuerwerbungen begraben und sich bereits fest gelesen haben (in den Büchern, weniger in den Beuteln). Es gibt Eis umsonst und jede Menge Lesungen und Diskussionen, dieser eine aus Fight Club liest einen unglaublichen Ajax beim Theater of War, im Treppenhaus eines Uni-Gebäudes renne ich in Karl Ove Knausgard und kann mich für die Lesung bedanken und bei der Signierstunde von Jostein Gaarder nach einem wundervollen Panel, bei dem er genau so war, wie man sich eben Jostein Gaarder wünscht, zu sein, steht einfach niemand an. Sofies Welt scheint in den USA nicht so das Ding zu sein. Zeit, über meinen Vornamen zu schäkern.

Im Nachgang: Auf den Treppen zur Borough Hall sitzen und zuschauen, wie Bücher verpackt und Stände geschlossen werden, Ideen haben und zum Abendessen einfach einen ganzen Brokkoli, because why not?**

*Nicht unterstützt durch Produktplatzierung (schön wär’s).

** Und vor allem, weil ich mich wundere, nicht schon längst Skorbut zu haben…

 

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