New York Logbuch #2

Diese Woche beginnt, nach dem Labour Day am Montag, an dem ich, jepp, gearbeitet habe anstatt zu baden oder derlei Scherze (allerdings in einem Hipster-Café inkl. Iced Coffee und Bagel, igitt), der Fall Term an den amerikanischen Universitäten.

Das akademische Leben in Amerika ähnelt der Politik hier: es ist bunt und laut und von Apple gesponsert. Dafür ist das Foto auf meinem Ausweis, obwohl direkt am Schalter geschossen, erstaunlich ästhetisch und alles, was mir an Unterlagen gereicht wird, kommt in satt-marmeladigem NYU-Violett daher. Die Möglichkeiten im Vorlesungsverzeichnis sind dann allerdings alles andere als eintönig. Es gibt alles und jeder kann alles machen, immer (jedenfalls, wenn er einen Wartelistenplatz erhält). Die Kurse finden in teilweise labyrinthisch verborgenen, von Klimaanlagen durchpusteten Räumen in ganz Manhattan statt und sind gleichzeitig entspannter, verschulter, intensiver und pragmatischer als deutsche Seminare.Wie viel Platz bei alledem noch für Freiräume ist, muss sich heraus stellen. Dass ich an Kursen teilnehme, ohne Credits zu erhalten, trägt mir wohlwollende Augenbrauenlaolas ein.

Als Textbook für mein Podcast-Seminar brauche ich dann eine Grafic Novel (no kidding) und um den Union Square stellen sich Buchhandlungen im breiten Fächer ihrer Gattung vor:

Die Universitätsbuchhandlung – sehr ordentlich, sehr voll, mit extra Helpdesk und App für überforderte Erstsemester, die noch nie ein Buch gekauft haben. In der zweiten Hälfte des Ladens, in welcher Sweatshirts, Trinkgefäße, Ringblöcke, Schreibutensilien, Powerbanks, Käsemesser und Plüschtiere mit NYU-Druck/-Gravur/-Stickerei feil geboten werden, braucht es so etwas nicht.

Der Straßenstand – nebeneinander aufgereiht finden sich hier zerknödelte Exemplare von großen Klassikern und Stephenie Meyer. Alle gehen vorbei, viele lassen dabei ihre Fingerspitzen verspielt über die Buchrücken streichen wie über ein ziemlich dumpfes Xylophon, aber niemand kauft. Zunehmend das Gefühl, dass diese Stände hier mehr zu Dekorationszwecken stehen und vielleicht, um vom universitätseigenen Starbucks abzulenken.

The Strand – hier findet sich am ehesten noch die verborgene Magie der Literatur und ein bisschen erinnert es erneut an Umberto Eco. Die Plus Size Abteilung ist größer als in jedem Bekleidungsgeschäft. Großformatige Atlanten und Kunstbände, Zeitschriftensammlungen und andere #Folianten stehen den Neuerscheinungen und in Leder gebundenen Exemplaren in keiner Weise an Sexiness nach. Die Jutebeutel mit I AM SECRETLY JUDGING YOUR GRAMMAR und MAKE AMERICA READ AGAIN Aufschriften sind vielleicht ein wenig viel. Aber wer hier einen bestimmten Titel sucht, der darf dem Buchhändler dann wie im Zauberwald einige Minuten hinterher gehen und staunen und dann sehr wenig zahlen.

Barnes and Noble – gegenüber dem Biosuperdupermarkt am Union Square erhebt sich der Flagship Store der glatt polierten (Perlen-)Kette, die steril riecht und gut gemeint ist, aber die man doch eigentlich nur betritt, wenn die anderen Seminarteilnehmer das gewünschte Buch im Strand schon weg gekauft haben.

Gearbeitet wird auch hier in der Bibliothek. Man schaut dabei nur eben auf den nachgebauten Triumphbogen im Washington Square Park und auf die Wolkenkratzer und sobald man das gewünschte Ziel erreicht hat und sich aus der ACC-Frosthölle verabschieden kann, belohnt man sich, indem man im Universitätsviertel eine Pizza essen geht. Und ja, Pizza essen gehen war nie wortwörtlicher gemeint. Denn im Abstand von 800 Metern kann man sich von einem Einzelstück für einen Dollar zum nächsten hinfort spazieren, bis man satt ist (oder es Zeit für’s Dessert wird). Das machen sogar echte New Yorker so, die es wirklich gibt und die man unter anderem daran erkennt, dass sie die Ramones im CBGB’s live gesehen haben und nicht wie ich nur zum heute leer stehenden Club pilgern und ein Shirt dazu im Forever21 (auweia) erstehen müssen.

Wenn man Glück hat und gerade, während man den ameisenhaufigen Times Square überquert, Podcasts hört, in denen Hazel Brugger einem The Book of Mormon ans Herz legt und man nicht zu groß für die Plätze mit limited leg room ist, dann kann man es sich noch am selben Abend neben einem älteren chinesischen Ehepaar bequem machen und zum ersten Mal ein richtiges Musical sehen. Und sich dann fragen, ob die Attacken in Hamburg, egal ob mit Steinen oder mit Schlagstöcken, nicht eigentlich gegen die Musical-Insel hätten gerichtet werden sollen.

Und wenn man dann ungläubig vom Broadway nach Hause fährt und sich auf sein Bett freut, dann ist man eventuell nicht unbedingt positiv überrascht, wenn die Wohnung unerwartet zu einem Electro-Club umfunktioniert wurde, in dem mit den klischeehaften roten Plastikbechern in der Hand 20jährige herumstehen und sich ihre aktuelle Amazon-Wunschliste herunter beten. Und dann merkt man, dass es zwar vielleicht ganz nett ist, nochmal in einer WG zu leben, aber dass es nach den vier Wochen dann wohl auch genug sein wird. Reichlich, um nicht zu sagen.

Und die Oma-Hobbies am nächsten Tag zum Kontrast auszuleben, Bötchen zu fahren und Kuchen zu essen und schläfrig zu werden über einem teuren Cocktail und den Dächern der Stadt, das ist dann genau der richtige Sonntag. Egal wie das klingt.

Ein Gedanke zu “New York Logbuch #2

  1. Hach, da bin ich jetzt kurz ganz nostalgisch geworden.

    Ist zwar schon ein paar Jahre her, dass ich in New York gelebt habe, aber die Buchhandlungen am Union Square, die gab es damals schon. Das ging auf die Dauer ganz schön ins Geld übrigens. Nicht nur wegen der Unmengen an angeschafften Büchern selbst, sondern wegen der Transportkosten: Am Ende meiner Zeit musste ich nämlich einen überdimensionalen Karton mit Büchern Richtung Heimat schicken 😀

    Ich bin sehr gespannt, was dieser in dieser schönen Stadt noch so alles begegnet und passiert, ganz liebe Grüße aus Berlin,

    Myriam

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