New York Logbuch #1

Der Flug nach New York inkl. Umstieg in London verläuft geradezu beunruhigend problemlos. Amerika ist groß, plakativ und deshalb meistens leicht zu verstehen und sogar jemand wie ich verläuft sich wenig (ernte bewundernde Blicke übrigens dafür, dass ich in der Lage bin, eine Straßenkarte wieder richtig einzuklappen – und das trotz Metro-Wind und wo ich mit Origami und Basteln im Allgemeinen doch sonst nichts am Hut habe).

 

Als ich gegen 14 Uhr dann vor meinem Haus in Brooklyn stehe, zeigt sich das große ABER. Die Leute in Brooklyn ziehen immer um. Und wenn ich immer sage, meine ich das aus einer Berliner Perspektive, aus der Stadt heraus also, in der man auf keiner Party um ein Gespräch über Mietpreise, Gasausenwandheizungen, Wohnungsbaugenossen-schaften und DreiZimmerKücheBad herum kommt. Jeden Tag steht ein Umzugswagen vor einem anderen Haus in meiner Straße und Jungs und Mädchen in Jogginghosen und sehr kurzen Shorts tragen Möbel hinein oder heraus und werfen unbenutztes Ikea-Küchenzubehör in den Müll, was sich der Nachbar in zwei Tagen vermutlich neu kaufen wird.

 

Lange Rede undsoweiter: In New York wird noch drei Mal mehr umgezogen, als bei uns und gerade sind in meiner Wohnung zwei Leute ausgezogen, zwei neue ein, eine davon temporär als Vormieterin in meinem Zimmer, und alle sind bei der Arbeit irgendwo in Manhattan verstreut. Telefonisch kann ich selbst niemanden erreichen und finde mich schließlich, einfach Leute ansprechend, die aus der Haustür kommen, vier Stunden lang wartend auf dem Sofa des Hausmeisters wieder, der zwar sehr nett ist, allerdings vorwiegend Portugiesisch spricht und mich Baby nennt, was mich nicht so richtig beruhigt. In seiner Wohnung zwitschert fortwährend ein unsichtbarer Vogel.

 

Mir ist der Hinweis meines Vermieters, der Schlüssel sei dann unter dem Pflanzentopf im Fenster deponiert, von vornherein suspekt vorgekommen und: natürlich liegt er dort nicht, als ich mich wagemutig am Sims entlang gehangelt habe. Entschuldigungen der (französischen, for the record) Vormieterin bleiben aus, als sie am Abend nach Hause kommt. Sie räumt das Zimmer innerhalb von vier Minuten und klebt dann an ihrem Telefon, verrät mir nur wiederwillig das Wifi-Passwort, indem sie mir den Nachrichtenverlauf mit dem Vermieter ungefähr drei Sekunden unter die Nase hält. Von da an, mit einem Dach über dem Kopf und einer Dusche zur Verfügung, sieht aber trotzdem alles viel einfacher aus, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt 22 Stunden auf den Beinen bin.

 

Nach einem allgemeinen Schock über die Preise, die ich für Brause und Zahnbürste zahle, und dem obligatorischen Keuchen über die Temperaturunterschiede in der U-Bahn, ist das Leuchten der vielen tausend Käferaugen im Nachthimmel von der Brooklyn Bridge aus betrachtet dann schon irgendwie verrückt und schön und vor Freiheitsgefühl ganz abgelenkt stolperte ich alle drei Sekunden über einen Milennial, der dabei ist, zwölf bis achthundert perfekte Selfies zu schießen. An den Rändern der Brücke packen Straßenverkäufer gerade die geschälten, geschnittenen und dann in Plastiktüten verpackten Mangos ein, die sie tags nicht verkauft haben und im Anschluss wegwerfen. Übrigens: mit dem (ungewöhnlichen) Aufschneiden von Obst bekommt man die Amerikaner, da zahlt man für eine ausgehöhlte und mit dem zermanschten eigenen Fleisch gefüllte Ananas schonmal gern 15 Dollar – immerhin stecken zwei sehr dekorative Strohhalme drinnen!

 

Ansonsten gibt es auf Streetfoodmärkten, die wie alles hier ein bisschen wie Berlin, nur 10 Mal so groß, sind, Verrücktheiten wie (Wachtel-)Spiegeleier am Spieß zu kaufen, die meisten Besucher stehen allerdings an der (organic) Pommesbude an und schauen dann vom Ufer in Brooklyn auf das dunstige Manhattan. Erfrischend wenige lassen anschließend ihre Pommesgabeln liegen. Genauso, wie die Luft überraschend gut ist – außer in meiner WG, in der jedem Atemzug immer diese leichte Gras-Note unterliegt.

 

Und auch wenn einem die nicht enden wollenden Möglichkeiten, sich stilvoll oder nicht und vor allem mit allem aus aller Welt vollzustopfen und einzukleiden, relativ bald ziemlich gruselig vorkommen, macht New York bislang leider ziemlich viel Spaß. So viel Spaß, dass man sich ernsthaft fragt, wie die Leute, die hier leben, überhaupt etwas gebacken bekommen, was nicht rund ist, mit ’nem Loch in der Mitte und Salted Caramel Chocolate Frosting obendrauf.

 

PS: #Waldheidelbeere ist auch hier das Unwort 2017.

 

PPS:

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