Die Füchsin

Zuerst gelesen bei: Lesebühne Konzept Feuerpudel, Februar 2017

 

UND, GLAUBST DU, DAS WIRD GENUG SEIN?, schrie Pedro gegen das Tosen des Wasserfalls, hinter dem sie sich gerade an einer glitschigen Felswand vorbei gedrückt hatten. Wie immer, wenn er laut wurde, bekam seine Stimme etwas fröschelndes, dass sie grinsen ließ. Die Witwe nickte. Ihre roten Locken saugten die Feuchtigkeit aus der Luft auf wie ein Schwamm, wurden zu geringelten, rostigen Schnüren. DAS WIRD AUSREICHEN. In Wahrheit tat es mehr als das. Ein Leben lang hatte sie nach einem Platz wie diesem gesucht. Seit sie als kleine Tochter mit ihrer damals schon alten Mutter Reithermans Robin Hood gesehen hatte, war sie fasziniert gewesen von Wasserfällen, sie waren ihre Obsession.

Ernst hatte immer gesagt, das sei wie eine Droge für sie. Meistens hatte sie mit allen darüber gelacht, über ihre kleine Verrücktheit, jede Ferien einen anderen Wasserfall. Ihr habt eure Psychopharmaka, ich hab meine Wasserfälle, sagte sie dann und ihre Eltern und ihr Mann und ihre Kinder schüttelten die Köpfe, winkten ab. Keiner von ihnen konnte mittlerweile mehr Wasserfälle sehen, für ihre erste Tochter waren sie regelrecht ein rotes Tuch, weil die erzwungenen Besichtigungen sämtlicher Springquellen im erweiterten Radius der Ferienwohnungen häufig Anlass zu Streit gegeben hatten. Ihre erste Tochter hatte ein sehr dünnes Nervenkostüm und manchmal, wenn die Witwe von einem neuen Wasserfall anfing, bekam sie Tränen in den Augen oder rauschte türenknallend aus dem Raum. Ernst hatte es irgendwann als Macke seiner Ehefrau abgetan und die Zeit der Besichtigungen damit verbracht, seine erste Tochter mit Eis am Stiel und Zeitschriften zu besänftigen. Die zweite Tochter machte diese Spiele zwar nicht mit, aber die Witwe wusste, dass auch sie die letzten Jahre mehr aus Mitleid und Pflichtgefühl mit ihr gekommen war, die Landkarten gehalten und die Kamera geschleppt hatte.

Zu sagen, dass es sinnlos war, dass sie niemals das finden würde, was sie suchte, hatte aber auch sie längst aufgegeben. Sie wussten, die Witwe war von diesen Reisen nicht mehr abzubringen und sie würde sie so lange unternehmen, wie es eben möglich war und egal, was es kosten würde. Seit ihrem achten Lebensjahr, seit fast fünfzig Jahren, war sie auf der Suche. Natürlich klang das zunächst nach einer sehr langen Zeit, doch schließlich hatte der Mensch noch andere Pflichten und über Jahre wurde man neben Tochter zur Schülerin, Studentin, Verlobten, Assistentin der Geschäftsführung, Ehefrau, Geschäftsführerin, Mutter und irgendwann Großmutter. Die wenigsten dieser Sachen hörte man wieder auf, zu sein. Da blieben nur die Ferien, die langen Wochenenden. Dazwischen gab es den Alltag, der erschreckend viel Zeit in Anspruch nahm, weshalb man ihn schließlich auch Alltag nannte. Und er war gespickt von Fuchsfallen, in die man trat oder getreten wurde, mit finanziellen, emotionalen, gesundheitlichen Sorgen und über Ernsts lange Krankheit hatte die Witwe ihre Wasserfälle tatsächlich beinahe aus den Augen verloren.

Und als, obwohl sie alles gab, es dennoch nicht reichte und die Medikamente, die Ernst genommen und manchmal nicht genommen hatte und oft vergessen hätte, wenn die Witwe nicht gewesen wäre, ihm schließlich die Blutbahnen verstopften und ihn an dem Tag umbrachten, als er gerade seit Jahren das erste Mal wieder so richtig lachen konnte, da hatte die Witwe fast keine Kraft mehr gehabt. Ernst hatte sie bis zum Schluss nicht verstanden und auch die meisten anderen waren wohl der Meinung, bei den paar Jahren Ehe, die sie gehabt hatten und in denen er sehr viel krank gewesen war, hätte die Witwe sich lieber ein paar Wasserfälle gespart und wäre an seiner Seite geblieben. Das tat ihr besonders weh. Denn ohne die Wasserfälle, das wusste sie, hätte sie vielleicht selbst nicht lang überlebt. Aber das konnte sie auch nicht sagen. Sie wollte nicht, dass ihre erste Tochter wieder zu weinen begann, wusste, dass es ihr nach den Anschuldigungen, die sie ihrer Mutter entgegen brachte, besser gehen würde. Denn so war es für die ganze Familie leichter.

SEI VORSICHTIG, ES IST SEHR GLATT, rief Pedro und zog sie mit seinen langen Armen zu sich herüber und schob sie in den Hohlraum. Es war erstaunlich, wie groß Pedro geworden war, obwohl er aus einer Familie kleiner Leute stammte. Vielleicht war es auch diese Größe, die ihm einen besseren Überblick ermöglichte. Er jedenfalls hatte die Wasserfälle seiner Großmutter nicht vergessen und sie hierher gebracht. Seine Eltern, die erste Tochter der Witwe und ihr recht verschlafener Ehemann Torsten, hielten von ihrem Sohn derzeit recht wenig und behaupteten als Erklärung meist, dies sei gerade ein schwieriges Alter. Eigentlich sagten sie das, seit Pedro vor ungefähr fünfzehn Jahren angefangen hatte, zu sprechen und hin und wieder „nein“ zu sagen. Er jedenfalls war der einzige, der niemals abwinkte, wenn sie mit einem neuen Werbeprospekt, einer ausgedruckten Internetseite kam. Und jetzt nahm er sie wie Robin Hood und zog sie in die Höhle hinter dem Wasserfall. Es war eher eine ausgedehnte Felsspalte, etwa von der Größe einer Besenkammer, doch der Boden war relativ eben und durch das klare Quellwasser fiel genügend Licht hinein. Die Reflexionen des Wasserbands schimmerten blau-grün über die feuchten Steine, es war kalt und roch ein bisschen modrig und alles was fehlte waren ein paar Glühwürmchen. Mit offenem Mund stand die Witwe minutenlang einfach nur da und sah sich um, während Pedro Iso-Matten und Schlafsäcke auf dem Boden ausrollte. Irgendwann begann sie, ihm bei seinem Treiben zuzusehen, das ein bisschen wirkte wie in einem alten Stummfilm, weil das laute Rauschen des Wassers alle anderen Geräusche überdeckte und weil Pedros schlaksige Gestalt bei allen körperlichen Aktivitäten stets ein bisschen ulkig, jede Bewegung ein bisschen zu hektisch wirkte.

SO, LEG DICH MAL HIN, MEINST DU DAS GEHT? Und Pedro sah zu, wie die kleine, immer rundlicher gewordene Frau mit dem fuchsrot gefärbten Haar und dem breiten Silberscheitel ein bisschen taumelig durch die kleine Höhle tappte, sich schließlich zum Test auf ihren Schlafsack hinlegte und ihre bebrillten kleinen Augen durch den Raum schweifen lies. Sie lächelte breit und atmete tief ein, sodass ihre große Brust sich langsam zur Decke hob und dann wieder senkte. Wie ihr Gesicht glühte im dämmrigen Licht, so lebendig hatte Pedro sie lange nicht gesehen. Und auch die Witwe selbst spürte, wie das tosende Wasser im Schutz der Höhle ihren Puls fest schlagen ließ, wie ihre Füße ganz warm wurden und ihre Finger weniger schmerzten. Wie sie Stück für Stück die Durchsichtigkeit von Glas und die Schwere von Blei verlor und Blut durch ihren Körper rauschte und zirkulierte in reißenden Strömen. Sie spürte die Steine unter sich, den Dunst, die tausenden Wassertröpfchen auf ihrer dicken Haut, bekam Hunger und Durst, holte zwei Mal tief Luft und rief ES IST WUNDERBAR.

 

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