Bilder von Büchern

Objekte wie dieses sind, wenn Sie mich fragen, nichts geringeres als ein Verbrechen. Zu kaufen gibt es das in vielerlei Läden, die (zumindest vermeintlich) cooler sind, und bei Weltbild. Weltbild ist aber eigentlich der perfekte Ort dafür, da kultiviert der Bertelsmannclub das Gutbetuchtsein und das Schwärmen von Venedig und der großartigen Küche dort (die übrigens so großartig nicht ist, seriously, das Eis ist unfassbar, aber sonst isst man lieber woanders Nudeln und schaut sich hier Kirchen an). Und dann steht man an der Kasse mit einem Globus für den Rückspiegel und einem buchbedruckten Falthocker unterm Arm.

Objekte wie diese hatten viele Vorgänger: zum Beispiel Telefon- und Laptop-Hüllen, die an ledergebundene Folianten (dieses Wort habe ich übrigens im ersten Band von Harry Potter gelernt, genau wie ‚Korridor‘) erinnern sollen. Aber ich bin mir sicher, dass es auch Bettwäsche, Hauslatschen und Badetücher gibt, bedruckt mit den Bildern von Büchern. All diese Dinge sind dabei nicht nur großartige Geschenkideen für die Germanisten und Altphilologen in der Verwandtschaft, die im Grunde immer schon komische Kinder waren. Sie sind die Fortsetzung der verstaubten Goethe-Werkausgaben in unzähligen deutschen Verwaltungsfachangestelltenhaushalten, oben rechts über dem Fernseher, weil es „einfach schön ist, so etwas zu haben“.

Dieser aus Pressspanplatten zusammensteckbare Hocker ist der Gipfel. Hier bettet der angebliche Vielleser nun seine vier Buchstaben und freut sich seines gefühlten Leitkulturdaseins, auch, wenn er das selbst natürlich meistens nicht so nennen würde. So etwas darf man höchstens ganz leise denken. Mittlerweile wieder alte neudeutsche Wörter wie Image, hinter denen sich solche biedermaierlichen Wertvorstellungen verbergen, sind die Geißel der westlichen Welt. Das Bild vom Buch, zum Glück hat es sich so verändert – es ist schließlich nicht lange her, dass, besonders für Frauen, das Lesen als eine den Charakter verderbende Tätigkeit galt.

Bildergebnis für madame bovary meme

Ob es heute anders ist, weil tindern, instagrammen und twittern tatsächlich anspruchsloser sind als die Lektüre der meisten Romane, sei dabei dahingestellt. Vielleicht hängen wir in fünfzig Jahren alle sabbernd in der U-Bahn, den Kopf im Nacken und die VR-Brillen auf und wann immer mal jemand da sitzt und einen ganzen Tweet liest oder sogar schreibt, keuche ich als alte Dame ehrfürchtig auf: „Genau 140 Zeichen!“

In der Schule war es wenigstens relativ uncool, zu lesen. Also zumindest, bis Harry Potter kam. Und daran, dass Harry Potter hier schon das zweite, pardon, das dritte Mal in diesem Text vorkommt sollte klar erkennbar sein: ich bin froh, wenn Leute lesen und wenn ihnen das etwas gibt. Und was sie lesen, ist dabei zuerst einmal deren Sache und ganz sicher nicht meine.

Aber sich das Buch einfach emblematisch für wasauchimmer hinzustellen ist genauso schlimm, wie die riesige Bibliothek, die manchen umgibt, ohne dass er (ja, oder sie, vollkommen Wurscht an dieser Stelle) die Bücher jemals wirklich begangen hat, in ihnen gewandert ist. Natürlich muss jeder wissen, wie er das handhaben will, aber der bloße Besitz von Texten, das Starren auf eine Wand aus Buchrücken: sicher, das löst auch in mir diese baumwollweiche Nostalgie aus, wie bei jedem Lehrerkind. Aber ich versuche, meinen Buchbestand nur langsam zu erweitern und nicht ohne Sinn und Verstand und vor allem auch zunehmend gefühllos in Antiquariaten meine Taschen voll zu stopfen. Sonst könnte ich mir ja stattdessen auch einfach gleich Bücher-Tapete an die Wände pappen (oder auf die Stühle, s.o.). Und bevor Sie mir jetzt mit der Anti-Bibliothek kommen, schauen Sie sich bitte dieses Video an und sagen mir, ob Ihr Umgang mit ihren ungelesenen Schätzchen wirklich vergleichbar mit Umberto Ecos ist.

Und natürlich ist nichts gegen eine Affinität für die Haptik von Büchern einzuwenden. Ich bin mir sogar sicher, dass es für ausreichend viele Leute auf der Welt ein richtiger Fetisch ist. Sie wissen schon, Regel 34 undsoweiter. Gerade Literarisches macht gedruckt doch irgendwie noch mehr Spaß, ich weiß nicht, wie es Ihnen da geht. Persönlich (und wozu ist das hier sonst ein Blog?) habe ich auch absolut kein Interesse daran, mir zu notieren, wie viele Bücher ich dieses Jahr schon gelesen habe oder gar noch auf einer Internetseite breitzutreten, welche das waren und wie gutmütig oder jähzornig ich bei der Sternchenvergabe war. All das raubt mir einfach viel zu viel Zeit, sie tatsächlich zu lesen, und: reinzuschreiben.

Achso, ja, das mache ich übrigens auch. Ich male in meine Bücher. Ich knicke Seiten. Alles Dinge, die viele objektaffine Freunde immer verurteilten (gut, vielleicht hätte ich es bei ihren eigenen Ausgaben unterlassen sollen, Fehler zu korrigieren und meine weltbewegenden Gedanken an den Rand zu kritzeln oder alberne Gesichter). Eine Dozentin sagte mal in der ersten Seminarsitzung zu Semesterbeginn, Bücher und Literatur seien für sie etwas Heiliges. Wie es weiter ging, weiß ich nicht. Ich bin nicht mehr hingegangen. Im Mensacafé nebenan saß es sich gemütlicher, auch wenn dort genauso Bücher ohne Ende an der Wand gestapelt waren. Die stehen da bis heute noch und besonders schön: mit dem Rücken zur Wand. Man guckt also eigentlich nur auf viele tausende Seiten Papier. Ob da jetzt Knausgård steht oder eine Bibel oder ein Telefonbuch? Kann man nicht sagen.

Vielleicht ist das auch alles Ironie, eine Performance, die ich nicht verstehe. Ich fand es immer schon albern, Dinge ironisch zu besitzen. Ich verstehe bis jetzt nicht, warum Josh Thomas in einer Wohnung voller Waldlichtungsgemälde und Porzellanfiguren lebt und warum es solchen Klimbim jetzt auch teuer auf dem Flowmarkt (ja, wirklich) in Neukölln zu kaufen gibt, das natürlich nicht Kreuzberg ist, sich aber Kreuzkölln nennt, um sich so zu fühlen. Ich persönlich befinde mich im Besitz einer Yogamatte, einiger Weinkisten, die ich als Regale benutze, eines VHS-DVD-Kombi-Abspielgerätes, der Bände 1-42 des Mangas One Piece, einer Efeu-Girlande mit LED-Lichtern, einer Polaroid-Kamera, dreier Gitarren, die in völligem Unverhältnis zu meinem muskalischen Talent stehen, eines Traumfängers (mit echten Federn, irgh), nicht eines sondern zweier Trinkgefäße aus dem Hard Rock Café, einer Winkekatze und vieler Hände voll IKEA-Möbel, unter anderem Illatorp, Hemnes, Expedit, Pragmatir, Lillebror und all den anderen. Zugegeben, zwei dieser Namen habe ich mir gerade ausgedacht und einen von Astrid Lindgren geklaut, meine Kenntnis des IKEA-Kataloges hat seit dem zweiten Semester enorm abgenommen. Trotzdem besitze ich nichts aus dem schwäbischen – äh – schwedischen Möbelhaus, weil es witzig sei oder nicht danach aussähe.

Ich besitze all das, weil es für mich entweder Funktionen erfüllt, oder weil mein Herz daran oder an den Leuten, die es mir geschenkt haben, hängt oder weil es mir einfach gefällt. Ich sammle nicht, ich benutze. Am oben gebrachten Beispiel: ich lese. Und manchmal sitze ich dabei, aber auf einem Sitzmöbel, mit Sitzmöbelmuster. Und wenn ich ein Buch gelesen habe, dann suche ich mir das nächste aus. Außer, wenn ich gerade eine Abschlussarbeit schreibe, wie jetzt. Dann wächst neben dem Regal mit Gelesenem ein paar Monate lang ein Stapel Ungelesenes heran. Das erfüllt mich mit Vorfreude, aber auch mit Frustration und statt die Abschlussarbeit zu beenden, schreibe ich dann Artikel in einem Blog.

#otemporaomores

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