Der feine Unterschied.

Hallo.

 

Mein Name ist Max.
Ich bin geboren am sechsundzwanzigsten März neunzehnhundert-zweiundneunzig. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und das ist noch sehr jung. Und wenn ich das heute den Leuten an der Uni erzähle, während ich meine Masterarbeit vorbereite, dann sagen immer noch alle OHGOTTOHGOTT und fluchen über Bologna.

Ich bin ein Nachzügler, das Nesthäkchen, ich habe zwei Halbschwestern aus den beiden ersten Ehen meiner Eltern und mein Vater hätte eigentlich lieber noch eine Tochter gehabt. Das wäre die sichere Bank gewesen, mit denen weiß er, wie umgehen. Die sind pflegeleichter, zumindest am Anfang und wenn sie schwierig werden, dann sind ihnen ihre Probleme schon zu peinlich, um mit einem Mann drüber zu sprechen und er ist fein raus. Er ist genau vierzig Jahre älter als ich und ich sehe aus wie er vor vierzig Jahren. Nur die Augen, Harry, die Augen hast du von deiner Mutter. Mein Vater redet gern über Gefühle und sowas. Ich sehe zwar aus wie er, aber sonst haben wir wenig gemeinsam.

Ich bin nicht so besonders kommunikativ. In Unterhaltungen an runden Tischen sitze ich meistens zurück gelehnt dabei und höre zu. Eigentlich rede ich nur, wenn ich es nicht anders aushalten kann, wenn’s mir zu dumm wird. Ich bin am liebsten allein. Ich masturbiere gerne oder spiele Gitarre oder Computer.

Ich habe ellbogenlange Haare oder raspelkurze. Ich bin, jedenfalls, kein Mann für was dazwischen. Ich war sehr lange überzeugt, Punk zu sein und meine erste große Liebe war der Gitarrist meiner Lieblingsband. Weder meine buntgefärbten Haare, noch die Tatsache, dass ich auf Männer stand, konnten dabei meine Familie erschüttern. Vielleicht habe ich auch deswegen irgendwann mit beidem wieder aufgehört. Ich sehe ganz gut aus und ich weiß das. Manchmal trage ich einen Bart, aber ich bin zu faul, ihn zu pflegen.

Die Schule konnte ich vom ersten Tag an nicht leiden, weil man da zu viel unter Menschen ist. Das strengt mich sehr an. Deswegen hab ich mir da auch keine Mühe gegeben und weil meine Eltern Lehrer sind haben die die Schule eigentlich immer ernster genommen als ich.

Jetzt wohne ich alleine oder in einer WG, auf jeden Fall bin ich nicht einsam und ich habe keine Angst, wenn ich im Dunkeln durch einen Park gehen muss. Wenn es geht, nehme ich keinen Rucksack und keine Tasche mit, meine Hosentaschen haben genug Platz für das nötigste, ich schminke mich nicht und trage keinen BH und noch nie hat mir jemand „diese typische ostdeutsche Bescheidenheit“ unterstellt. Ich werde höchstens belächelt für meine Mundart, wie das A zwischen meinen Lippen immer noch leicht zu einem O entgleist. Ich stehe dahinter in dem Sinne, dass es mir vollkommen egal ist.

Wenn mir jemand hinterher pfeift, dann sind das meistens schöne Mädchen, oft sehr betrunkene, aber immer schöne Mädchen, die mir körperlich völlig unterlegen sind und deshalb muss ich nicht nervös werden, sondern kann mich einfach geschmeichelt und noch ein bisschen selbstsicherer fühlen.

Ich studiere etwas, das mir Spaß macht, und wenn es mal nicht Spaß macht, dann schwänze ich. Ich habe eine Stelle an der Universität, die ich nur halb wollte. Aber ich bin der Liebling der Professorinnen. Nur die Professoren schauen mich oft sehr misstrauisch an und ich habe noch nie etwas umsonst bekommen, weil ich große Augen gemacht habe – außer von meiner Mutter. Für die bin ich immer noch sehr klein und sehr süß und talentiert in allem, was ich anfasse. Sie freut sich schon auf die Enkel, die ich ihr irgendwann ‚schenken’ werde – und ich auch. Was Kinder betrifft, habe ich keinerlei Bedenken. Aber vielleicht auch nur, weil ich mir insgesamt wenig Gedanken mache außer über das, was gerade im Moment passiert.

Tatsächlich interessiert mich Mode ein bisschen und es nervt mich ziemlich, dass Frauen in dieser Sache immer so viel mehr Wahlmöglichkeiten haben und es bei uns Männern über die Binäroppositionen Sandalen/Turnschuhe und T-Shirt/Hemd nicht wirklich hinaus geht. Auf der anderen Seite ist es in den Büros, in denen ich arbeite, ohnehin nicht so wichtig, wie ich mich kleide. Der Bart allerdings. Der Bart macht manchmal wirklich einen Unterschied.

 

 

Beitragsbild (c) Paula Winkler

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