Gedächtnisprotokoll

Zuerst gelesen beim Kreuzberg Slam im Lido, August 2017.

Sagmal..

Hmm?

Wann ist die beste Zeit zum schreiben?

Das ist nachts, nachts und im Sommer.

Aber nachts ist es doch ganz dunkel. Und ist das nicht auch ein großes Klischee?

Ja zu beidem. Und nein. Denn ganz dunkel wird es niemals, noch nicht einmal, wenn man die Augen ganz fest zudrückt. Durch das offene Fenster kommt neben der Brise ein bisschen Laternenlicht herein und fernes Rauschen. Es gibt WENIGER Licht, das schon, aber so verändern sich auch die Schatten nicht, die die Dinge werfen. Nachts sieht man so einiges klarer.

Aber ein Klischee ist es doch und sicher etwas, das irgendwer schon hundertmal geschrieben hat, vor dir.

Das schon. Aber ein Klischee entsteht nicht aus dem nichts, es wurzelt tief im Erdreich, bei den Mineralstoffen, dem Grundwasser, den Regeln und Beispiele und Ausnahmen kommen erst lange danach. Und am Ende ist das Schreiben nachts nur vorwandshalber ein romantisches Klischee und eigentlich nur entstanden aus Pragmatismus, weil sich tagsüber schlecht träumen lässt.

Warum?

Weil wir da beschäftigt sind, zu leben, einzukaufen, unsere Schuhe zu binden, Staub zu wischen. Weil wir uns da um andere sorgen und um uns selbst. Weil du den Tag vertrödelst damit, mit verstöpselten Ohren durch die Gegend zu tappen oder mit Kopfschmerzen herum zu dämmern und gegen die Sonne zu blinzeln.

Willst du damit sagen, ich bin Schuld? Ich bin Schuld, dass du nachts schreiben musst?

… Ja. Du. Du weißt wieso.

Weil wir eine Person sind. Schon klar. Du denkst wohl, nur weil ich diejenige von uns beiden bin, die das leben, das sein übernimmt, während du die Schreibende bist, kriege ich gar nichts mit. Hm? Aber ich kann das auch, auf der Metaebene über die Dinge sprechen und wie sie funktionieren. Der Unterschied ist nur der, dass ich alles andere auch kann.

Du kannst nicht schreiben.

Das Nötigste schon, unseren Namen, Kommaregeln undsoweiter. Und alles andere brauche ich nicht. Ich bin fleißig, ich arbeite wie eine Verrückte. Ich kann mich auch ohne dich durchsetzen. Jede Nacht hältst du uns wach und immer willst du die Ältere sein die alles besser weiß. Dabei habe ich geatmet für uns, gegessen, laufen gelernt und greifen. Und was machst du in der ganzen Zeit? Träumen, spinnen, dir Sachen vorstellen. Ohne mich würdest du nicht einmal das Alphabet beherrschen, nichtmal die Namen von all den Dingen kennen, über die du immer grübelst.

Allein die Namen taugen uns nicht viel, nur Buchstaben helfen nichts. Mit Bedeutung muss man sie füllen. Ihre Hohlräume muss man entdecken, ihr Innenleben ausbauen, hier und dort noch ein neues Geschoss, ein weiteres Zimmer und in allen Zimmern tausend Schränke mit Millionen Schubladen. Es ist von jeher so, du trägst es heran und ich mache es nutzbar. Und nach und nach sind wir im ganzen Alphabet und in der ganzen Welt zu Hause.

Und dann kann uns keiner mehr was, wie?

Oh nein, alle können uns was, die ganze Zeit.

Eben drum! Und ich bin es dann, die es ausbaden darf, bei der sich die Leute beschweren. Ich bin es dann, die Termine einhalten und Treue beweisen muss und ich bin die Angeklagte. Und du, du bist dann nicht da.

Und dann fehle ich dir?

… Nunja.

Ich weiß, am liebsten würdest du mich erwürgen, manchmal. Und was soll ich sagen? Ich dich auch. Wenn wir im Bett liegen und die Matraze an uns nagt und die schweren, unsichtbaren Fesseln um Beine und Arme uns in zwei Teile zerreißen wollen. Weil du wach bist und ich auch aber wir nicht gleichzeitig tun können, was wir tun. Weil wir dann an eine Trance gebunden sind, zu zweit in einer Blase eingeschlossen, bis einer von uns aufgibt und dem anderen das Feld überlässt. Dann würden wir uns am liebsten tatsächlich trennen.

Ärgert es dich, dass ich nicht mitstreite?

Und wenn du dann einen Text schreibst über unsere Exfreundin, dann bin ich es, die die Drinks zahlen muss und die Tränen. Die sich verhalten muss.

Warum machst du es denn? Du könntest dich doch hinter mir verstecken?

Für manche Leute bist du keine sehr gute Entschuldigung. Du weißt, manche glauben mir nicht, dass du da bist. Sie denken, ich habe dich mir nur ausgedacht, weil ich gern so wie du wäre. Aber ich bin es eigentlich nicht, ich würde mir nur was zurecht konstruieren. Und sie sind neidisch und gönnen mir so etwas wie dich nicht, weil sie es selbst nicht haben.

Hast du nicht eben erklärt, was für eine Last ich bin?

Naja, davon wissen die Leute ja nichts. Die denken, dass ist wie eine glitzernde Regenbogenwolke, auf der ich herumschweben kann wie Son Goku, wann immer ich will. Oder noch schlimmer, sie denken, das ist eine Maschine und das läuft immer einfach so nebenher, braucht nur ab und an ein bisschen Öl.

Ist dir das wichtig, was die anderen denken?

Naja.

Sei ehrlich.

Nein… wenn ich merke, dass sie es nicht verstehen, verliere ich irgendwann mein Interesse für sie. Dann sollen sie. Es sind ja nicht alle. Manche, –

Warum reden wir hier, Fräulein? Willst du nicht schon einmal ins Bett gehen, damit ich unseren Körper noch ein bisschen für mich habe, und arbeiten kann? Es wird ja schon fast wieder hell.

Ich wollte dir eigentlich… nur sagen, dass du jetzt Zeit hast. Zu schreiben. Ich habe beschlossen, ich ziehe mich ein bisschen zurück. Mache Urlaub. Von allem.

Momentmal.

Schon gut, mach dir keine Sorgen. Schreib einfach nur, schreib. Wir werden nicht gleich umkommen, wenn der Müll mal nicht rausgebracht, die Post nicht reingeholt, das Telefon nicht abgehoben wird. Ich will nur ein Weilchen schlafen. Ich bin so müde.

Wartemal. Das geht so nicht. Hey! HEY! Aufwachen! Lass dich jetzt ja nicht in eine Trance fallen. Denk dran, gleich ist es wieder hell, dann geht die Sonne auf. Und die ganzen lachenden Gesichter, der Mann, seine Arme sind doch so schön warm. Oder geh zum Kühlschrank, da gibt es noch Kuchen. Vergiss nicht, ich brauche Nahrung.

Du machst das schon.

Oder lass dir eine schöne heiße Wanne ein.

Es ist Sommer.

Oder geh zum See, baden.

Warum machst du das?

Was? Warum machst DU das??

Du weißt, dass du hier Zeit vergeudest, in der du schreiben könntest?

Ich weiß, dass du gerade wieder grau wirst und taub und dass du wieder nicht aufstehen kannst, wenn du dich jetzt hinlegst, dass du mich dann mit zudeckst mit der stinkenden Decke. Dass wir dann wieder liegen müssen, tagelang, wochenlang. Und das alles, weil du zu eitel geworden bist, um Schokolade zu futtern, wie früher.

Und fett und schwabbelig zu sein, wie früher.

So oder so, du wirst schon ganz unscharf. Jetzt hör auf mit dem Unsinn!

WAS WILLST DU DENN DASS ICH TUE? ICH KANN NICHT MEHR. MACH DU DOCH MAL! IMMER DIESES LEBEN DEN GANZEN TAG IST GANZ SCHÖN ÄTZEND. MUSSTEST DU SCHONMAL GELD RANSCHAFFEN MIT EINER BLÖDEN ARBEIT ODER MIT LEUTEN REDEN, DIE WIR NUR ZWEIMAL GESEHEN HABEN? SAGT DIR SMALLTALK WAS, ÜBER DAS WETTER UND DIE PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES REDEN EINFACH SO AUCH WENN DU GRAD GAR NICHT WILLST, WEIL DAS JETZT HÖFLICH IST UND ANGEBRACHT, NE PORTION HEGEL UND GRAUPELSCHAUER? Du findest das vielleicht lustig, aber ich sage dir, mach das mal jeden Tag. Leb mal jeden Tag unser Leben, dir wäre auch zum kotzen.

Ist ja gut. Ist ja gut Kleines. Komm her. Schsch. Ja, wein ein bisschen, am besten auch schluchzen. Setz dich mal auf meinen Schoß, genau. Siehst du, lehn dich an. Und ich träume dir jetzt was, hm? Vielleicht schaff ich den Roman heute, das wäre doch schön, du bist die erste, die ihn hören kann. Und bis der Wecker klingelt ist dann alles
wieder gut.

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