Meine Freundin Alter Ego

Zuerst veröffentlicht in: Mosaik

 

Meine Freundin Alter Ego.

Deswegen komm ich so gerne zu dir.. der Kern ist immer aus Schokolade.  Schwer und langsam schweift mein Blick zu ihr zurück, die Augen tun ein bisschen weh dabei. Ich verstehe nicht. Sie schmunzelt mit Krümeln an den Lippen herüber, streckt den Arm aus, hält mir den halben Keks unter die Nase. Achso. Ja. Natürlich weiß ich, dass da Schokolade in der Mitte ist. Ich hab das selbst gebacken. Sie will mich füttern, aber ich drehe gezwungen lächelnd den Kopf weg. Iss du mal. Gleich: willst du abnehmen? Ich ziehe es vor, nicht zu antworten und schaue zu, wie sie den ersten Keks mit der Rechten zum Mund hebt und sich schon mit der Linken einen neuen aus dem Glas fischt. Ich dachte, sie würde jetzt seltener kommen. Dass es ihr zu weit wäre und die Anbindung zu schlecht, bei unserem Umzug hatte sie das mehrfach erwähnt. Aber manchmal klingelt sie jetzt spät in der Nacht, dann sitzen wir gemeinsam auf dem Sofa im Mondschein und trinken Vanillemilch aus einer Tasse. Am Anfang war sie meist weg, wenn ich aufwachte, jetzt bleibt sie gern mehrere Tage und sitzt zu jeder Mahlzeit mit am Tisch. Georg beschwert sich nicht und gelegentlich könnte man meinen, er würde sie kaum bemerken. Nur ich sehe seinen Seitenblick, hier und da schaut er ihr nach, wie sie sich eine Strähne aus dem Gesicht streicht oder in ihren Ärmel niest. Die Lust daran, den Blick zu interpretieren, ist mir vergangen. Sie wohnt in einer Bruchbude in einem zweiten Hinterhof, ein dunkles Berliner Zimmer im Erdgeschoss, drinnen herrscht Außentemperatur. Es ist sehr zentral. Sie erzählt gern davon, dass es immer laut ist und dass sich die Müllecke aller Mietparteien gleich hinter ihrem einzigen Fenster auftürmt. Dann grinst sie und verdreht die Augen. Über Eck hat sie eine Hängematte aufgespannt, um die ich sie sehr beneide. Den ganzen Tag baumelt sie da mit den Füßen. Das Zimmer ist natürlich winzig und das Hochbett morsch, weshalb hier kein Mann über Nacht bleiben darf. Sie ernährt sich von Tiefkühlpizza und beschwert sich gern, dass am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig bleibt. Aber in anderen Worten, denn so einen abgedroschenen Spruch würde sie niemals benutzen. Dass ich Kuchen backe, einfach so, findet sie lustig. Dass hätte sie früher nicht gedacht, sagt sie dann. Ich bin mir nie sicher, ob sie mich lobt oder beleidigt. Sie könne einfach nicht kochen, fügt sie an, wenn andere dabei sind, und lacht hell, meistens drei Mal: hahaha. Ihr Gesicht ist wie mit flüchtigen Pinselstrichen umrissen, ihre Haare sind nachlässig rot gefärbt und irgendwo hinten am Kopf lose verknotet, ihr schöner Mund ist immer ein bisschen ironisch verzogen. Die grünen schmalen Augen sind umkranzt von tuscheverklebten Wimpern. Das meiste davon ist ihr egal. Mittlerweile steht sie alle paar Tage vor der Tür und bleibt, bis wir das Haus verlassen und sie gezwungen ist, zu gehen. Doch jetzt ist Freitag Nachmittag und sie wird wohl bis Montag bleiben. Wir sitzen unter Linden im Garten und sie isst alle Kekse auf. Was machst du grad so? Ich frage das und sie kaut den letzten Keks lange hin und her, wiegt den Kopf dabei, lehnt sich in ihrem Stuhl zurück, etwas weg von mir. Vielleicht zieh ich auch bald um. Ganz weg aus der Stadt. Oder aus dem Land vielleicht, irgendwohin, wo’s entspannter ist. Sie sieht mich an, wartet meine Reaktion ab, ich nicke sehr langsam. Lateinamerika, vielleicht. Ich zucke die Schultern, sie blinzelt und setzt nach: oder Osteuropa. Budapest oder Prag. Da ist jetzt richtig was los. Ich sage, die Tschechen hörten das gar nicht gern, wenn man sie als Osteuropäer bezeichne, auf der Karte seien sie ganz klar in der Mitte. Hm, macht sie, und schmollt ein bisschen. Sie ist fürchterlich hübsch. Neben ihr fühle ich mich stets bemüht, verkleidet. Sie trägt diesen grobmaschigen alten Pullover und es sieht perfekt aus. Aber heute geht es: ich trage eine Jogginghose und ein altes T-Shirt aus Georgs Kleiderschrank. Eine Wespe surrt um unsere Köpfe, das Mädchen mir gegenüber kneift kurz die Augen zu und verkrampft, ich bleibe ganz entspannt. Die Wespe setzt sich auf den Teller, pickt sich einen Kekskrümel, der beinah so groß ist, wie sie selbst, und schleppt ihn mit den rotierenden Flügelchen summend davon. Ich sehe ihr entzückt nach. Und wann wird geheiratet? Wieder dieser Ton, ich ziehe die Brauen hoch. Sie benutzt solche Fragen wie Waffen. Ich räume die Teller zusammen und räuspere mich. Nicht jedenfalls, bevor ich zu Ende studiert habe. Sie lacht leise, schaut mich groß an, grinst weit, ob ich nicht selbst über diesen Satz lachen müsste? Ich habe die Hände voll mit Geschirr, schiebe den Stuhl mit dem Hintern zurück und sehe auf sie hinunter. Naja. Es ist nicht besonders cool oder ‚anders‘. Aber solche Dinge beginnen, weißt du, mir egal zu sein. Damit drehe ich mich um, durchquere die kleine Wiese und stolziere auf die Terrassentür zu. In der Glasfront gespiegelt sehe ich meine alte Freundin. Sie ist auch aufgestanden, mit hängenden Schultern, die Ärmel des Pullovers hängen bis über ihre Finger, der Haarknoten baumelt lose, sie sieht mir mit großen Augen nach wie ein verlassenes Kind. Ich lächle ein bisschen traurig, schaue kurz über die Schulter und nicke sie herein, bevor ich voran in die Küche gehe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s