Mittagstisch

Zuerst veröffentlicht in: JENNY und Mosaik

 

Mittagstisch. Ein Wort, das zu deftig aussieht auf der Tafel vor dem kleinen japanischen Laden. Mittagstisch klingt nach Schnitzel, oder mindestens Gulaschsuppe. Aber es gibt: ein Stück Lachs, rote Bohnen und ein Häuflein Algen. Das ist nicht weiter schlimm, ich habe sowieso wenig Hunger und bin gerade erst aufgestanden und das hier ist eines dieser Treffen, zu denen man sich den Bauch lieber nicht zu voll schlägt. Greta hat immer noch strahlend weiße Zähne und schnittlauchdünne, braune Haare. Wenn wir uns früher gesehen haben, fing sie schon bei meinem Anblick von weitem an, sich Strähnen aus der Stirn zu streichen und hörte damit nicht mehr auf, bis wir uns verabschiedeten. Jetzt hängen sie ihr halb über die Augen, als wir uns kurz über den winzigen Holztisch hinweg drücken. Ich stoße mich an der Tischkante dabei, aber sage nichts. Ihr Pullover ist vom waschen steif und im sitzen verschwindet sie ein wenig darin. Ich sehe heute besser aus als sie. Auf die Frage, wie es mir geht, kann ich vor Verdutztheit deshalb nicht gleich antworten.

Dabei liegt es an mir, dass wir jetzt hier sitzen. Ich wollte sie sehen, weil es an der Zeit war. Weil ich eines Morgens aufgewacht war und fest stellte, dass ich ihr eine Nachricht schreiben konnte und dabei endlich nicht mehr das Gefühl hatte, in eine Schlacht zu ziehen. Die Antwort war ungewöhnlich schnell gekommen und einen Tag später sitzen wir hier. Es ist die letzte Woche vom Winter, Gretas Sommersprossen kann nur sehen, wer weiß, dass sie da sind. Auch sonst gibt es wenig abzulesen. Dabei möchte ich eigentlich nur mehr über sie erfahren, mein eigenes Leben nachzuerzählen langweilt mich eher, ich kenne es schon. Bei Greta habe ich vor einer ganzen Weile den Faden verloren, und würde zu gern wissen, was alles passiert ist. Ich antworte deswegen knapp, wenn auch mit ausreichend Ruhe, es sei alles gut, danke der Nachfrage und

bei Dir?

Es ist Schluss.

Kein Seufzen, keinerlei Mimik, sie hat diesen einen Satz noch ausgesprochen, bevor der Kellner die kleinen Tellerchen und Schälchen und Stäbchen vor uns abgelegt hat.

..Guten Appetit.

Mehr fällt mir gerade nicht ein, aber ich bin mir sicher, all die Fragen in meinem Gesicht kann sie sehen. Sie steckt sich eine Portion Algen in den Mund und beginnt dann, wirklich zu erzählen. Von ihr, von ihm. Mir wird schlagartig klar, dass sie gar nicht wie üblich in der ersten Minute unseres Treffens angefangen hat, von ihm zu sprechen. Und ich weiß dazu auch gleich noch, wieso.

Das letzte Mal habe ich Greta bei ihrem Umzug gesehen, vor etwa einem Jahr. Eine gemeinsame Wohnung, so weit waren wir nie gekommen. Sobald ich die letzte Bücherkiste abgestellt hatte, überkam mich das Gefühl, ich hätte in diesen vier Wänden nicht das Geringste zu suchen, weshalb ich nicht wieder kam. Und einen ähnlichen Grund hatte es wohl, warum Greta meine Einladungen in den Wind schlug, egal wozu und wohin. Auch mit ihm gemeinsam war da nichts zu machen. Am Anfang tat das weh, denn Greta ist klug und witzig und ich dachte, sie dächte das auch von mir. Doch irgendwann hatte ich Geburtstag und lud sie nicht ein. Und es kamen weiterhin Leute und ich dachte, sie und er, vielleicht genügen sie sich und sie ist glücklich. Und das war sie. Ihre Augen sind weit geöffnet und ganz hell, als sie mir das bestätigt. Gern wüsste ich jetzt den Wendepunkt, der das Happy End offensichtlich verhindert hat. Ich traue mich nicht zu fragen. Ich muss sie aufessen lassen. Die Portionen sind gottseidank klein. Ich darf nicht zu gespannt aussehen, dies ist kein Kinofilm, jedenfalls soll Greta das nicht denken. Aber ehrlich gesagt; das dicke Ende kommt nicht. Vielleicht soll ich es nicht genau wissen, vielleicht ist es ihr unangenehm. Die Gründe sind irgendetwas mit geben-können und nicht-geben-können und alles klingt sehr diffus. Ihr trauriges Lächeln tut mir weh. Ich gieße ihr Tee nach. Der Lachs zerschmilzt perfekt auf meiner Zunge in weiches Gefühl. Die beiden haben aufgegeben. Und auch zwischen Greta und mir sind deshalb alle Spiele beendet. Die Luft zwischen uns ist klar und ruhig, riecht eben nur ein bisschen fischig. Das letzte Mal saßen wir hier, als wir uns gerade getrennt hatten. Da war ich es, der in seinem Pullover verschwand und sie bestellte das Essen und ich verschwand danach im Schatten und sie ging aufrecht das sonnige Ende der Straße hinauf. In den zwei Jahren dazwischen haben wir uns wenig gesehen, ein paar umständlich verabredete Treffen gab es und die waren anders. Wie auf einem Schachbrett wägten wir ab, wovon wir erzählten, was wir durchblicken ließen und waren mehr und mehr darum bemüht, als der deutlich Glücklichere, Erfolgreichere, der Überlegenere aus der Partie heraus zu gehen. Jetzt nicht mehr. Und trotz aller Umstände für sie fühlt sich das ehrlich gesagt besser an. Jetzt will ich Greta in den Arm nehmen oder meine Hand auf ihre legen. Sie würde das natürlich nicht mehr wollen, aber ihre Augen sind so rot, dass ich irgendetwas machen muss, deswegen stehe ich auf und gehe zahlen. Als ich mich umdrehe sitzt sie unbewegt da, starrt raus in die grellgraue Straße. Der Teebecher in ihrer Hand liegt so locker, als ob er in jeder Sekunde zu Boden fallen und laut klirrend zerbrechen könnte.

„Wir hatten zwei Mal den Mittagstisch, bitte.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s