Bildnis der Mutter als Tochter

Zuerst veröffentlicht in: Mosaik

 

Bildnis der Mutter als Tochter

Vera saß am Fenster in ihrem Lieblingsstuhl, schaukelte vor, zurück, vor und wunderte sich, dass es plötzlich regnete. Nur das leise Prasseln, das große und kleine Geplätscher waren ihr von einer Sekunde zur anderen aufgefallen, denn um diese Zeit war von Hof und Straße, Wald und Feld schon nichts mehr zu sehen und deswegen war auch der Regen unsichtbar. Sie blinzelte kurz die alte Frau an, die immer draußen auf der Terrasse saß und herein schaute. Sie hatte keinen Schirm, und doch blieb sie sitzen. Es sah fast aus, als würde sie gar nicht nass. Vera drehte den Kopf weg. In ihrem Schoß lag eingerollt ein halbfertiger Schal, rot und weiß. Aus dem Knäuel wühlte sie die Stricknadeln ihrer Mutter hervor und nahm die Arbeit wieder auf. Ihre Füße baumelten knapp über dem Boden in der Luft, vor, zurück, wobei sie darauf achtete, dass die zu großen Pantoffeln nicht hinunter rutschten. Sie spreizte die Zehen und zog die Fußspitzen an sich heran, so weit sie konnte. Denn es war kalt und würde sie die Pantoffeln verlieren, würde es schwierig, sie, sitzend, wieder aufzuheben. Absteigen wollte sie nicht, bevor sie wirklich musste.

‚Verdammte Axt!’, zischte sie – den einzigen Fluch, den sie kannte – als ihr die Maschen immer wieder aus den Fingern glitten. Sie war nicht sehr geübt in solchen

Handarbeiten, dabei würde ihre Mutter sie tadeln. Bis Weihnachten sollte sie mehr als nur Topflappen können, sonst würde sie sich vor den Anderen schämen müssen.

Eins links, eins rechts, eins fallen lassen, eins links-

‚Verdammte Axt!’

Vera ließ Strick und Nadeln fallen und starrte den Schal missmutig an, hob ihn auf, legte ihn über ihre Augen. Er war so kurz, er reichte kaum von einem Ohr bis zum anderen. Die Maschen waren so weit wie bei einem kleinen Fischernetz. Ohne Probleme konnte Vera das ganze Wohnzimmer sehen, es war nur ganz dezent weiß-rot gestreift. Sie straffte die Fäden immer mehr, versuchte, den halbfertigen Schal als Augenbinde hinter ihrem Kopf zusammen zu ziehen, spürte, wie die Wolle sich allmählich härter, fester, schneidend anfühlte – als Mama zur Tür herein kam.

‚Das Essen ist fertig.’

‚Nein!’, protestierte Vera sofort und nahm mit dem Schaukelstuhl so heftig Schwung, dass sie kurz selbst einen Schreck bekam und beinahe vornüber kippte. Da rissen ein paar rote Fäden in Veras Gesicht und als sie zurück schwang, rieselten Fetzen von Stoff und Schnur zu Boden. Sie würde noch nicht aufstehen. Mama schürzte wie immer die Lippen und kreuzte die Arme. Ihre Haare waren fest zusammen geknotet, am Mund hatte sie schon ein paar Falten. Sie sah krank aus. Sie trat zu Vera ans Fenster und sah hinaus. Über das Wollknäuel am Boden war sie hinweg getreten, ohne hinzuschauen – als hätte sie all das schon viele Male gesehen.

Draußen im Regen saß noch immer die alte Frau. Neben ihr stand jetzt eine jüngere, wohl ihre Tochter. Sie hatten die gleiche, schmale Nase. Der Alten fielen die weißen halblangen Haare zerzaust ins Gesicht, die Junge trug einen strengen Dutt. Beide sahen zu ihnen nach drinnen, doch während die Augen der Alten weit, offen, neugierig glänzten, sahen die der Jüngeren stumpf und irgendwie traurig aus. Vera versuchte, die junge Frau aufzuheitern und winkte. Zurück winkte nur die Alte. Und an ihren Fingern hing ein loses Netz aus Fäden, rot-weiß.

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