Lost and Found

Zuerst veröffentlicht in: Taxi Deutschland. Geschichten von der Straße (Carl Hanser)

 

Lost and Found

Berlin. Flughafen Tegel. 7. Oktober 2013 7:00 Uhr.

Ich hätte ihn niemals wiedererkannt. Für mich sehen die Taxifahrer in Berlin alle gleich aus. Sie alle sind etwas kleiner als ich, in beige gekleidet und haben irgendeinen Bart. Sie alle lächeln freundlich, selbst wenn der Leiter des Taxibüros sie wie jetzt gerade vollständig zur Zentrale bestellt hat, obwohl sie von ihrer langen Arbeitsschicht dunkle Rauten um die Augen haben. Obwohl es für sie jetzt, um sieben Uhr morgens, endlich Zeit wäre, nach Hause zu fahren. Und sie nur meinetwegen hier sind.

Der kleine Raum ist stickig, und die dreißig fremden Männer vor mir verwirren mich eher, als dass sie mir Klarheit bringen. Peinlich berührt lehne ich an der Wand, schließe kurz die Augen, die Luft ist schlecht hier drin. Verdammt. Dann räuspert sich jemand, die Taxifahrertraube vor mir bewegt sich, jemand drängt sich in die erste Reihe. „Maksím“, brummt der Chef des Taxibüros, ich schaue hoch. Der Fahrer schmunzelt. Erst als er auf mich zugeht, wird mir klar, dass er mich erkannt hat. Beinah will ich ihn umarmen, presse stattdessen die Hände gegen meine heißen Wangen, um meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen und stammle dummerweise etwas von muchas muchas gracias, denn ich bin gerade erst nach achtzehn Stunden Flug von meiner langen Reise zurückgekommen.

Die Taxizentrale versteckt sich hinter hochaufragenden grauen Plattenbauten. In die Septemberdämmerung gehüllt, schimmert alles blassblau, als sei das Wasser nicht weit. Die Taxen sind im  Kreis geparkt. Ich stapfe hinter Maksím her – jeder Schritt ist anstrengend, obwohl ich gerade noch mühelos wochenlang einen Rucksack durch die Anden getragen habe. In Maksíms Wagen hängt ein Traumfänger mit Federn und Perlen aus pinkem und grünem Plastik. Er öffnet die Tür seines Wagens und bedeutet mir, erneut einzusteigen.

„Nein nein, nirgendwohin“, rutscht es mir ungelenk heraus. Ich hebe abwehrend die Hände. Doch Maksím gibt nicht nach, bis ich auf den Beifahrersitz klettere. Er bedeutet mir nickend, das Handschuhfach zu öffnen. Von dort purzelt eine kleine dunkelrote Box in meinen Schoß. Als wäre ich noch immer auf der anderen Seite der Erde, beschleicht mich das ungute Gefühl, missverstanden worden zu sein. Doch bei genauerem Hinsehen erkenne ich, mit einem Kuli mehr eingeritzt als tatsächlich geschrieben, die Bezeichnung im Deckel: Lost and Found. Maksíms Schuhkarton entpuppt sich als ein kleines Kabinett verlorener Kuriositäten: Eine antiquiert wirkende Geldbörse aus rot gefärbtem Rindsleder. Ein kleines Buch mit brüchigem Einband und goldenem Schnitt, irgendwas von Macchiavelli. Ein Lippenstift, dessen Etikett ganz zerkratzt ist. Zwei kalkweiße Muscheln. Ein einzelner Perlenohrring. Ein taubenblau schillernder Schmetterling, eingefasst von einem Rahmen, von dem die silbrige Farbe abblättert. Eine schwarz-weiße Fotografie eines androgynen jungen Mannes, der nackt in einem Küchenfenster sitzt. Ein rundes, glattes Ding aus Holz, das ich erst nach mehrfachem Hin- und Herdrehen und einem kurzen Geruchstest als Avocadokern identifiziere. Neben allen diesen Gegenständen kommt mir mein kleiner schwarzer Reisekalender geradezu langweilig vor. Erleichtert nehme ich ihn trotzdem in beide Hände und atme durch. Irgendwo tief in mir hatte ich mich bereits von ihm verabschiedet, und es ist jetzt, als wäre er von selbst zu mir zurückgekommen. Maksím grinst still und zufrieden. Ich mache ihm ein Kompliment für seine Sammlung. Als würde sonst nie jemand den Wert der Sachen erkennen, strahlt er mich an, obwohl wir beide totmüde sein müssten, und sagt, ich solle mich jetzt anschnallen. Er fahre mich zurück nach Hause. Er wisse ja, wohin. Wir lachen kurz, ich sinke in das Leder des Beifahrersitzes. Ich dürfe mir alles gern genau anschauen, sagt er und setzt einen Blinker.

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