Traum

Zuerst veröffentlicht in: Salzburger Nachrichten

Traum

Wir sitzen uns gegenüber im Biergarten, um uns herum, Traube an Traube: Leute, erheitert in Gesprächen und Gelächter versinkend. Vor uns beiden liegt je ein Buch aufgeschlagen. Es ist einer der Sommerabende, an denen die Zeit stehen bleibt, ganz langsam dahin plätschert, an denen zwei Stunden mehr oder weniger jedenfalls den Unterschied nicht machen. Auf dem See, der direkt hinter dem kniehohen Zaun sein Ufer hat, gleiten in langen Zügen Ruderbote vorbei, auf den weichen Wogen spiegelt sich glitzernd die sinkende Sonne. Mein Blick verzwirbelt sich etwas vom kühlen Saisonbier in der Wärme, die uns wie eine dicke Pferdedecke umschließt, und als ich blinzelnd aufschaue, sehe ich Deine langen Wimpern im Takt deines Romans tanzen. Das ist meine liebste Art, zu reisen. Wir sind zusammen und lesen. Egal ob im Bus, während von draußen Dreck und Regen die Scheiben verschleiern, ob Nachts in der U-Bahn mit fast leeren Flaschen noch zwischen unseren Füße geklemmt oder hier – im Rest der flirrenden Hitze des Tages, der langsam zu Ende geht, unterm Kastaniendach, wo man uns hin und wieder irritiert mustert. Abfällige Kommentare verkneift man sich nur, weil es nicht unsere Telefone sind, in die wir abtauchen, sondern Bücher. Die sind heute nichts schlechtes mehr, da hat niemand mehr Angst, sich selbst drin zu verlieren, wie es noch vor 200 Jahren war. Damals hätte man uns verlacht, als Träumer, Tunichtgute. Heute sind sie bloß neidisch und wäre ich nicht ich und säße hier, sondern einen Platz weiter und würde zu uns rüber schauen, ich wäre es auch. Niemals hab ich damit gerechnet, jemanden wie dich zu finden. Wenn wir uns eine Weile nicht sehen, dann bezweifle ich, dass es dich wirklich gibt, fürchte, du wärst nur ein Produkt meiner Fantasie, die Figur aus einem Roman. Verrücktheit und Klischee liegen näher beieinander, als die meisten das zugeben wollen. Was, wenn all das hier gar nicht echt ist? Ich weiß nicht, wo Du gerade bist. Vermutlich in der Höhle eines Drachen.

In Zeitlupe setzt das Biest sich auf deine Halsbeuge, ich sehe sie sogar ein bisschen ausholen mit ihrer spitzen Nase – dann zischst Du vor Schmerz und schlägst zu. Um uns bemerkt man nichts. Ein matschiger Rest Mücke klebt auf deiner Haut. Ich greife nach einer Serviette, die wir, warum auch immer, zum Bier bekommen haben und wische Dir über den Hals damit. Eine lange Sekunde meine ich, dass da Tinte ist, und nicht Blut.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s