Jannicks Hände

Zuerst veröffentlicht in: Das NaRr

Jannick war das schon häufiger passiert. Er stand oder saß oder lag irgendwo und starrte auf seine Hände. Er starrte auf seine Finger, die lang waren und dünn. Jedes Mal zählte er nach. Zehn. Nacheinander bewegte er die einzelnen Spitzen. Spreizte in einer langen Welle jeden Muskel, vom Handgelenk bis hoch an die Fingerkuppen und ließ sie wieder erschlaffen. Sah zu, wie die Furchen und Linien in den Innenflächen verschwanden und wieder kamen. Inzwischen waren sie tief. Er machte das oft.

Crazy shit, that’s me. Das dachte er jedes Mal. Auch jetzt. In seinem Kopf lag er neben sich und sah sich zu. Er dachte, dass das eng würde, in dem schmalen Bett, auf dem Metallgestell. Er schloss die Augen und versuchte, sich zu fühlen. Er hörte seinen Puls, spürte, wie er überall pochte, auch in den Schultern, den Oberschenkeln, hinter seiner Stirn. Seine Brust spannte sich an, wenn er einatmete und sein Bauch blähte sich auf. Wenn er von oben darauf hinunter sah, bekam er immer ein wenig Angst vor den nächsten Jahren und dass seine Brust vor dem Bauch so flach wirkte, machte es meistens noch schlimmer. Er hatte immer lange Haare haben wollen, aber jedes Mal schor er sie wieder ganz kurz ab. Er wollte nicht, dass die Spitzen auf seinen breiten Schultern ankamen. Bald würde das kein Problem mehr sein, fiel ihm ein. Seine feuchten Fingerspitzen zupften an dem grünen Umhang, unter dem er nackt war. Viel würde sich nicht ändern. Seine Eltern, seine Freunde. Sie alle hatten ihn so behandelt, wie er unter seiner Haut war. Schon immer. Irgendwie war es jedem klar gewesen. Er strahlte das aus. Seit seiner Kindheit. Sicher, leichter war es dadurch nicht geworden. Er erinnerte sich kaum noch an seine Schulzeit. Aber er wusste genau, warum das so war. Eigentlich hatte er, sobald er daran dachte, nur ein einziges Gesicht vor Augen. Pauls.

Paul war klein gewesen und dunkelhaarig. Kräftig, so lala in jedem Fach, stand für sein Leben gern im Tor. Er war beliebt gewesen. Sogar sehr. Obwohl er sich keine Mühe gab, mochten ihn Lehrer und Schüler und sogar der grummelige Hausmeister, der eigentlich nie irgendjemanden mochte. Er hatte immer die Teams gewählt. Immer das erste. Immer das Team, das gewann. Jannick war nie in seinem Team gewesen. Hager und unsportlich, hatte man immer in einem Bogen um ihn herum geschaut, bis außer ihm niemand mehr übrig gewesen war. Trotzdem hatte Paul ihm immer zugelächelt. Er hatte niemals traurig gewirkt oder bedauernd, schien hinter jeder seiner Entscheidungen felsenfest zu stehen. Jannick war immer das Gegenteil gewesen. Stets unsicher, zögerlich. Aber das lag daran, sicher, dass er sich in seinem Körper nie besonders wohl gefühlt hatte. Je älter, desto weniger. Je mehr Haare sich schmerzhaft von innen durch seine Haut stachen, ihn hin und her schoben. Je breiter seine Schultern, je riesiger sein Rücken wurde. Eine Schwester trat ein. Ihre Schultern waren schmal. Ein Schnurrbart saß auf ihrer breiten Oberlippe. Sie fragte, ob Jannick schon alles geregelt hätte. Urkundlich. Im Liegen war das Nicken nicht so einfach. Er schaffte es plötzlich kaum, den Kopf zu heben. Seine ehemalige Biologielehrerin hatte erzählt, Paul sei jetzt in Italien. Ein kleiner Verein, bloß Regionalliga. Aber er habe Familie und die Sonne tue ihm gut. Jannick fror eigentlich immer. Die stämmige Schwester schob ihn durch den Flur. Die Neonlampen flackerten in kurzen Intervallen an seinen Augen vorbei, wie die Fahrbahnmarkierungen auf der Autobahn, wenn man nicht am Steuer saß und die Stirn an die Scheibe drückte. Er dachte an die rumpeligen italienischen Straßen ganz ohne Markierung, über die Paul tagtäglich hin und her ruckeln mochte, in einem dieser Autos mit drei Rädern, zwischen denen sich schlingernd Mofas durch drängelten. Er schob den Kopf etwas weiter in den Nacken und die Plastikhaube knackte und knirschte laut in seinen Ohren. Der blaue, kratzige Bund rutschte seine hohe Stirn hinab, fast bis über seine Augen. Angestrengt zog er die Brauen hoch, um sie zu stoppen. Lange würde er so nicht durchhalten. Familie. Jannick stellte sich vor, dass Paul zwei Kinder hatte, Giulia und Lorenzo. Wie sie in dem winzigen Auto links und rechts von ihm klammerten, ihre kleinen Ärmchen um seine kräftigen geschlungen und dem Meer, dem Himmel, den dreisten Mofafahrern und den mageren Straßenhunden entgegen lachten. Wie sie in einem großen Garten hinterm Haus Fußball spielten, oder auf dem schmalen Fußweg an einer knorrigen, braunen Hauptstraße. Die OP-Türen schwangen knallend nach links und rechts auf. Jannick bekam das Gefühl, sich langsam aufzulösen. Diesmal hob er die Hände nicht, obwohl ein Abschied vielleicht angebracht gewesen wäre. Er ballte sie auf beiden Seiten zu Fäusten, presste sie fest auf den weichen Untergrund, schloss die Augen und hoffte, dass alles richtig war.

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